Eine Einschätzung von Missständen im Vatikan

Auf dem Kurs der "Titanic"

Veruntreuung, Amtsmissbrauch, Korruption und ein verschwundener Schweizergardist. Der Vatikan befindet sich in schwerem Fahrwasser. Eine Einschätzung der turbulenten Situation von Vatikan-Experte Ulrich Nersinger.

Dunkle Wolken über dem Vatikan / © Vladimir Sazonov (shutterstock)
Dunkle Wolken über dem Vatikan / © Vladimir Sazonov ( shutterstock )

Das Schifflein Petri fuhr nie in ruhigen Gewässern. Seit fast zweitausend Jahren war und ist es auf dem Meer der Zeit den Stürmen der Geschichte ausgesetzt – hat aber immer tapfer seinen Kurs beibehalten und ist weder gesunken noch als Wrack gestrandet. Doch heute scheint es bei erheblichen Schwierigkeiten der Navigation immer mehr der Gewalt von Orkanen, Tornados und Tsunamis ausgesetzt zu sein. Und Eisbergen, die bekanntlich dem Betrachter nur einen Bruchteil ihres bedrohlichen Ausmaßes zeigen.

Ulrich Nersinger trifft Franziskus / © ptivat
Ulrich Nersinger trifft Franziskus / © ptivat

Dieser Tage hat das Gebaren um den vatikanischen Finanzskandal, in dessen Focus der ehemalige Substitut im Päpstlichen Staatssekretariat und "Kardinal" Angelo Becciu steht, Dimensionen angenommen, die nicht nur Verwunderung oder Kopfschütteln hervorrufen, sondern erschüttern und tiefen Abscheu erzeugen.

Ulrich Nersinger, Vatikan-Kenner

"Nicht wenige Stimmen sehen zu viele zwielichtige Gestalten im Umfeld des Heiligen Stuhls ungehindert agieren."

Er ist aber nur einer der zahlreichen Fälle im Vatikan, die dessen notwendiges, von Christus übertragenes Apostolat im gesamten moralischen Bereich in Misskredit bringen und seinem Ansehen beträchtlich schaden. Nicht wenige Stimmen sehen zu viele zwielichtige Gestalten im Umfeld des Heiligen Stuhls ungehindert agieren. Tag für Tag prasseln auf Gläubige wie Nicht-Gläubige Meldungen – auch von katholischen Medien – nieder, die zutiefst verstören und deren Essenz sich nicht ohne weiteres erschließt.

Noch können Fehler in der Einschätzung der Lage vorgenommen werden

So die Notiz vom "spurlosen Verschwinden" eines ehemaligen Kommandanten der Päpstlichen Schweizergarde. Genüsslich garniert man den "Vorfall" mit dessen angeblichem Fehlverhalten, das zu seiner damaligen Entlassung aus dem Amt geführt haben soll. Der betreffende Kommandant und auch ein Generalinspektor der vatikanischen Gendarmerie verloren unter fragwürdigen Umständen ihre Posten – im Vatikan munkelte man, dass die beiden fachlich kompetenten und moralisch integren Männer sich als "Störenfriede" dubioser Vorgänge erwiesen hatten. Bei der Meldung vom "spurlosen Verschwinden" des Ex-Kommandanten stellt sich die uralte Frage eines Marcus Tullius Cicero "Cui bono – Wem nützt es?" Ein Schelm, der vermutet, es könnte sich hierbei um eine Sabotage mit Blick auf die Beiträge eidgenössischer Kantone zu Finanzierung des Kasernenneubaus für die Leibwächter des Papstes handeln!

Im April 1912 kollidierte das als unsinkbar geltende Passagierschiff "Titanic" auf seiner Fahrt von Southampton nach New York mit einem Eisberg – und versank. Den Untergang der "Titanic" brachte man mit mangelhafter Navigation, falscher Einschätzung der Situation und unterlassener Hilfeleistung in Verbindung. Die Unsinkbarkeit des Schifflein Petri ist durch göttliche Verheißung gesichert. Gewaltigen Schaden kann es trotzdem nehmen. Es ist daher nötig, Klartext zu reden. Noch können Fehler in der Navigation und in der Einschätzung der Lage vorgenommen sowie schädliche Elemente entfernt werden.

Autor/in:
Ulrich Nersinger
Quelle:
DR