Ein Rheinländer wird Kanzlerkandidat der SPD

Brüssel im Rücken - Berlin im Blick

Nachdem der impulsive Martin Schulz das Amt des EU-Parlamentspräsidenten stärker prägte als seine Vorgänger, hat er bereits ein neues Projekt, auf das SPD-Chef Sigmar Gabriel verzichtet: Kanzlerkandidat.

Autor/in:
Franziska Broich
Martin Schulz / © Michael Kappeler (dpa)
Martin Schulz / © Michael Kappeler ( dpa )

Gerade ist eine Ära im EU-Parlament in Brüssel zu Ende gegangen, da beginnt für Martin Schulz bereits ein neuer Abschnitt. Der ehemalige Parlamentspräsident fordert als SPD-Kandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heraus.

Erst vergangene Woche hatte er zum letzten Mal die Plenarversammlung des EU-Parlaments geleitet. Er selbst beschreibt sich als "lebenslangen Verfechter der europäischen Sache". Sein Antrieb: der kommenden Generation ein gutes, ein besseres Europa übergeben. Schulz hat die Wahrnehmung des Parlaments in der Öffentlichkeit verändert. Wann immer er konnte, nutzte er die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen.

Diplomatisches Geschick

Schulz verließ die Schule ohne Abitur - heute spricht er Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Niederländisch. Diese Kompetenzen könnten dem SPD-Politiker als möglicher Kanzlerkandidat zugutekommen. Genauso wie sein diplomatisches Geschick - trotz gelegentlichen Polterns. Das habe er übrigens gemeinsam mit Karl dem Großen, sagte der Karlspreisträger von 2015. Eine zweite Gemeinsamkeit: die Heimat in der Region Aachen.

Im EU-Parlament kennt der Rheinländer Schulz alle Korridore, jedes Geräusch und viele Gesichter. Auch in stressigen Zeiten bemühte er sich um ein Lächeln, Freundlichkeit und Zeit - ob für die Facebook-Fans des Parlaments, seine Angestellten oder für Journalisten. Das Zwischenmenschliche ist ihm wichtig. Auch christliche Werte spielen für Schulz im Alltag eine zentrale Rolle: Religion und Glauben seien für viele Menschen wichtig, um Orientierung im Leben zu finden, sagte der einstige Jesuitenschüler der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Im Dezember füllte Schulz den Pressesaal des EU-Parlaments in Straßburg mit seiner Aura bei einer seiner letzten Pressekonferenzen. Der Rheinländer sprach langsam, machte lange Pausen. "Ich will nicht verhehlen, dass ich sehr aufgewühlt bin", sagte er bei der Pressekonferenz mit den jesidischen Sacharow-Preisträgerinnen Nadija Murad Bassi Taha und Lamija Adschi Baschar aus dem Irak. Schulz nutzte den Auftritt bei seiner letzten thematischen Pressekonferenz. Am Ende bedankte er sich bei den Journalisten für die gute Zusammenarbeit.

Hohes Ansehen in Brüssel

Schulz genießt Ansehen in Brüssel. Auch wenn nicht alle Politiker immer glücklich mit seiner Art der Amtsführung waren. Manche hätten sich einen neutraleren Parlamentspräsidenten gewünscht; einen, der mehr koordiniert und seine Position weniger für die eigene Politik nutzt. Schulz jedoch mischte sich ein. Um das Handelsabkommen CETA zu retten, lud er die kanadische Handelsministerin Chrystia Freeland spontan zum Frühstück ein. Mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker tauschte er sich regelmäßig über aktuelle Dossiers aus. Ob EU-Türkei-Beziehungen, Griechenland oder Flüchtlingskrise: Schulz hatte fast immer einen Kommentar für die Medien parat.

Ein Ereignis im abgelaufenen Jahr schockierte den Europa-Enthusiasten: der Brexit. "Als ich die jungen Menschen weinen gesehen habe, war ich emotional", sagte er bei seiner letzten Pressekonferenz. "Wir haben das Drama mit dem 'Brexit' unterschätzt."

Aber: Nicht Emotionen führten zu Lösungen, sondern Vernunft. Schulz mag es, im Mittelpunkt zu stehen. Sicher einer der Gründe, warum er sich zweimal hintereinander zum Parlamentspräsidenten wählen ließ. Das tat niemand vor ihm.


Quelle:
KNA