Über heiße Eisen auf der zweiten Synodalversammlung

"Ein gutes Zeichen für die Debattenkultur"

Die zweite Synodalversammlung diskutiert über heiße Eisen: Frauen, Macht, katholische Sexuallehre. Am zweiten Tag wurde gar die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt Priester brauche. Eine Einschätzung von Renardo Schlegelmilch.

Abstimmung beim Dialogprozess (Archiv) / © Harald Oppitz (KNA)
Abstimmung beim Dialogprozess (Archiv) / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Es gibt eine Diskussion, ob die Kirche überhaupt Priester braucht. Darüber, ob das überhaupt diskutiert werden kann, wurde mit 95 zu 94 Stimmen dafür gestimmt. Nun sagen die Kritiker: Das Priestertum ist eine der Grundwahrheiten der katholischen Kirche. Kann und sollte man überhaupt darüber abstimmen? 

Renardo Schlegelmilch (DOMRADIO.DE-Redakteur, berichtet live von der zweiten Synodalversammlung): Ich glaube, man muss sich noch mal der Tragweite dieser Diskussion bewusst werden: Das Priestertum ist etwas, das die katholische Kirche von der evangelischen unterscheidet, weil der Priester für das Sakrament, für die Verbindung zu Gott, zuständig ist. Das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Und deswegen ist es bei den Kritikern auch ein richtiger Knall gewesen, dass man überhaupt gewagt hat, die Frage zu stellen, ob eine Kirche, eine Glaubensgemeinschaft, tatsächlich so etwas wie ein Priestertum braucht. Die Aufregung ist groß darüber - auch im Internet.

95 zu 94 ist die Abstimmung ausgegangen. Jetzt muss man aber fairerweise dazu sagen: Das heißt nicht, dass 95 zu 94 Stimmen das Priestertum abschaffen oder infrage stellen wollen, sondern nur, dass dieses Thema weiterhin ein Diskussionsbestand in der Debatte beim Synodalen Weg ist und dass es dann in der nächsten Synodalversammlung mit Pro und Contra diskutiert wird. Ja, das Priestertum ist etwas Grundsätzliches in der katholischen Kirche, aber der Synodale Weg hat sich auf die Fahnen geschrieben "Wir wollen über alles diskutieren, wir wollen die Sachen in Frage stellen, die auch sonst ein Tabuthema sind". Was dabei herauskommt, ist eine andere Frage. Aber dass darüber diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen für die Debattenkultur. 

DOMRADIO.DE: Es ging auch um das große Konfliktthema katholische Sexuallehre. Da ging es emotional hoch her, oder? 

Schlegelmilch: Ich zitiere einfach mal. Gestern hat Hendrik Johannemann in der synodalen Versammlung sinngemäß gesagt "Ich bin schwul. Ich habe als Jugendlicher zu Gott gebetet: 'Bitte lass mich nicht so sein!'. Die katholische Sexuallehre wirkt und zwar toxisch. Und ich bitte alle Synodalen hier im Raum inständig: Muten sie anderen jungen Menschen nicht die Jugend zu, die ich hatte." Das sind sehr emotionale Worte, die Johannemann gewählt hat.

Es geht zum Beispiel um solche Fragen - das wissen wir, das wird seit Monaten diskutiert: Braucht es einen Segen für homosexuelle Paare in der Kirche? Aber die Synodalversammlung will unter Umständen auch weitergehen. Es wurde hier offen die Frage gestellt, ob die Ehe als Sakrament zwischen Mann und Frau alleine stehen bleiben sollte oder ob man auch das infrage stellt und es einmal ein Sakrament der Ehe für Homosexuelle gibt. Da hat wiederum eine relativ knappe Mehrheit gesagt: Das Alleinstellungsmerkmal der Ehe zwischen Mann und Frau ist etwas Wichtiges in der katholischen Kirche - aber man sollte andere gleichwertige Lösungen für Homosexuelle finden. 

DOMRADIO.DE: Wie haben denn die teils durchaus konservativ eingestellten Synodale auf diesen Ausspruch, den Du gerade zitiert hast, reagiert? Wie ist da die Stimmung vor Ort? 

Schlegelmilch: Also, es gibt hier einen großen Teil von Progressiven - das ist so. Die Stimmen dagegen sind immer ungefähr 30 bis 35 - mehr nicht. Und ich habe den tatsächlichen Eindruck, dass die meisten Konservativen sich nicht wirklich trauen zu widersprechen, weil sie merken, die Stimmung im Saal ist gegen sie. Das merkt man auch daran, wie groß der Applaus ist, wenn progressive Ideen tatsächlich ausgesprochen werden.

Eine große Ausnahme, so ziemlich die einzige Ausnahme, bildet der Regensburger Bischof Voderholzer, der immer wieder betont, wie wichtig es ist, an der katholischen Lehre wie sie ist festzuhalten, und dass man ja zum Beispiel auch dem Missbrauch begegnen kann, wenn man die Lehre nur ernst nimmt. Da muss man aber auch fairerweise sagen, dass er auch Aussagen bringt, die wirklich sehr, sehr fragwürdig sind. Er stellt zum Beispiel die MHG-Studie, die ja die Ausmaße des Missbrauchsskandals in Deutschland erst klar gemacht hat, in Frage. Oder er spricht ironisch vom "unfehlbaren Lehramt der Betroffenen". Er sagt damit, dass er ein Problem hat, dass es so dargestellt wird, als ob Missbrauchsopfer unfehlbar sind - und spielt damit auf die Unfehlbarkeit des Papstes in einigen Dingen an. Also da wird dann auch ziemlich polemisiert und vermutlich auch bewusst provoziert von der Seite. 

DOMRADIO.DE: Es gibt da also die Konfliktlinien zwischen eher progressiven und eher konservativen Kräften. Wagen wir einen Blick in die Glaskugel: Was denkst Du, wer wird sich am Ende durchsetzen? 

Schlegelmilch (lacht): Das ist eine gute Frage. Wenn es nach den reinen Zahlenverhältnissen geht, definitiv die Progressiven. Ich bin davon überzeugt, wenn am Ende dann tatsächlich abgestimmt wird, werden progressive Ideen wie "Segen für homosexuelle Paare" durchkommen. Das Problem ist - und das ist auch meine ganz große Kritik an dem Prozess - das wird in der Weltkirche nicht umsetzbar sein.

Der Vatikan hat einen sehr genauen Blick auf diese Veranstaltung. Der Vatikanbotschafter in Deutschland, Erzbischof Eterovic, ist auch hier und hört sich alles an. Sobald es an Fragen geht, die nicht bloße Organisationsstrukturen der Kirche in Deutschland sind, ob es z.B. ein neues Gremium eines "Synodalen Rats" für die Kirche braucht - so was kann man umsetzen - weiter gehen wird schwierig. Das, was der Vatikan als Grundwahrheiten des Glaubens erfasst, kann man nicht alleine auf nationaler Ebene abändern. Da wird der Vatikan die rote Karte ziehen. Und deswegen finde ich es auch ein bisschen schwierig, Hoffnungen zu wecken, von denen man ausgehen kann, dass sie nicht erfüllt werden. 

DOMRADIO.DE: Ist da nicht im Zweifel eher ein negativer Effekt zu erwarten?

Schlegelmilch: Die progressive Seite bricht das runter auf diesen Spruch: Der Weg ist das Ziel. Es geht natürlich um mehr, als nur de reinen Ja/Nein-Entscheidungen in diesem Prozess. Das Wichtige ist der Mentalitätswandel, wie viele Menschen in der Kirche zum Beispiel für die Rechte Homosexueller auf die Straße gehen. Das ist ja auch etwas Gutes und richtig. Bloß, ich finde, man sollte sich auch bewusst machen, wo die Grenzen liegen in dem ganzen Prozess. 

DOMRADIO.DE: Dieser Prozess ist ja ein großes Konfliktthema. Im Ausland hat man Angst, dass es zu einem Schisma, also einer Spaltung kommt und die deutsche Kirche sich im Zweifel abspaltet. Es sind vor Ort auch Beobachter aus dem Ausland mit dabei. Was sagen die denn? 

Schlegelmilch: Die Beobachter vor Ort sagen im Großen und Ganzen, dass es wichtig ist über die politischen Debatten, den Glauben, die Evangelisierung, nicht zu vergessen. Ich drehe es aber mal und und sage etwas Positives: Ich habe gestern mit einem Kollegen aus dem Ausland gesprochen, der sich das über den englischen Livestream anguckt, der ja genau aus diesen Gründen bereitgestellt wird, weil man will, dass das Ausland wirklich Wort für Wort mitbekommt, was man sagt. Und der sagt positiv: So eine Debatte, die hier passiert, die ist nur in Deutschland möglich. Einerseits wegen des riesigen Organisationsaufwands - das ist ja so schön das Klischee von den Deutschen - aber auch, dass Frauen die Moderation der Veranstaltung übernehmen und Bischöfen im Publikum das Wort verbieten. Und dass das beim Synodalen Weg quasi eine Selbstverständlichkeit ist. Das ist eine neue Form von Miteinander in der Kirche und vielleicht bringt das ja auch einen größeren Mentalitätswandel mit sich. 

Das Gespräch führte Moritz Dege. 

Renardo Schlegelmilch / © Marion Sendker (privat)
Renardo Schlegelmilch / © Marion Sendker ( privat )
Quelle:
DR
Mehr zum Thema