Markus Brandis ist es gewohnt, alte Bücher genau durchzuschauen. Wenn er eines bekommt, blättert er Seite für Seite vorsichtig um, riecht auch mal am Papier. "Es ist immer ein Herzklopfen dabei, man ist immer Entdecker. In alten Büchern finden wir nie nichts", sagt der Berliner Antiquar und Auktionator. "Bücher haben ihre Schicksale. Die sind von Mann zu Mann, von Frau zu Frau weitergewandert und haben ihre Besitzer irgendwie immer in sich aufgenommen."
Brandis ist Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare und handelt mit Büchern, die teilweise 500 Jahre alt sind. Jeder Mensch habe beim Lesen seine Spuren hinterlassen: entweder durch Dinge, die zwischen die Seiten gelegt und dann vergessen wurden. Oder durch Besitzvermerke, Stempel, Einträge, Anmerkungen, Widmungen oder Zeichnungen, die Aufschluss über den Besitzer geben. "Zeig' mir deine Bibliothek, und ich zeig' dir, was für ein Mensch du bist", zitiert der Antiquar die Autorin Marie-Luise Ebner-Eschenbach.
Echte Picasso-Zeichnung in unscheinbarem Buch
Manche Bucheinträge könnten auch sehr wertvoll sein. "Ich hatte mal ein Buch über Picasso von 1952, ein ganz billiges Paperback, das 50 Cent kosten würde, wenn man es jetzt anbieten würde. Aber vorne hatte ein gewisser Pablo Picasso ein kleines Clownsgesicht hineingemalt. Das Buch haben wir dann für 22.000 Euro verkauft", erzählt Brandis.
Auch getrocknete Pflanzen finden sich immer wieder in alten Büchern: vom Efeu- bis zum Ginkgoblatt. "Teilweise sind die Pflanzen so selten, dass sich Pflanzensamenbanken dafür interessieren, weil es Pflanzen sind, die eigentlich schon ausgestorben sind", so der Experte.
Die Trüffelschweinnase des Antiquars
Manche Dinge, die die Buchbesitzer einst zwischen den Seiten vergessen haben, könnten den Wert eines Buches enorm steigern. Einmal sei er auf einen geheimen Schlachtenplan mit Kriegsfinte aus dem 17. Jahrhundert in einem Buch aus dieser Zeit gestoßen. "Dort waren sechs Blättchen mit gezeichneten Schiffchen und einem Leuchtturm eingelegt, denen ich erstmal keine Beachtung geschenkt habe", erzählt Brandis.
"Als ich mir dann die Mühe machte, die alte niederländische und lateinische Schrift zu entziffern, stellte sich heraus, dass es sich um ein Navigationsmanöver von holländischen und französischen Kriegsschiffen handelte während des französisch-spanischen Krieges." Ein solcher Fund sei für ihn ein Heureka-Moment: "Ich hab's herausgekriegt. Das ist die Trüffelschweinnase des Antiquars, die ist unverzichtbar. Sie schnüffelt den historischen Kontext heraus."
a-ha-Konzertkarte und Bild für Opa
Dass auch heute noch viel in Büchern liegengelassen wird, weiß auch Astrid Lehmann, Leiterin des "Medienpoint" des Kulturrings in Berlin-Reinickendorf; dort werden gebrauchte Bücher und Spiele gesammelt und kostenlos weitergegeben. "Mit den Funden aus Büchern könnten wir ganze Wände tapezieren", sagt Lehmann. Eine alte Konzertkarte aus den 1980er Jahren von a-ha, ein Liebesbrief, ein Bild für Opa - sogar ein Angelschein. "Glücklicherweise stand da der Name drauf. Wir haben ihn dem Eigentümer dann zurückgeschickt."
Eine Auswahl der Dinge, die in den Büchern gefunden wurden, hängt als bunte Collage hinter Glas auf dem Flur der Einrichtung. Auch das Unternehmen momox, das nach eigenen Angaben täglich 200.000 gebrauchte Bücher ankauft, um sie über das Netz weiterzuverkaufen, findet oft Dinge der Vorbesitzer in den Büchern.
"Meist Fotos und Postkarten, aber auch Geld", so eine Sprecherin. Wertvolle Einlagen würden den Vorbesitzern nach Möglichkeit zurückgegeben. Ansonsten sollte ein Second-Hand-Buch möglichst unbenutzt aussehen. "Je mehr Gebrauchsspuren ein Buch hat – dazu zählen auch Markierungen, Notizen, Namen oder Widmungen –, desto schlechter stufen wir den Zustand ein und desto günstiger wird es im Verkauf", erklärt das Unternehmen.
Prominenter Vorbesitzer steigert Buchwert
Ganz anders bei antiquarischen Büchern. Antiquar Brandis: "Also wenn Lieschen Müller da vorne reinschreibt: Das Buch gehört mir, dann ist das nicht so schön, denn kein Mensch kennt Lieschen Müller. Aber früher waren die Leute, die sich Bücher leisten konnten, die überhaupt lesen konnten, meistens bedeutend – so dass man sie heute noch nachweisen kann, als bedeutende Figuren der Renaissance oder des Barock oder auch des 19. Jahrhunderts. Und bei einem prominenten Vorbesitzer sind Bücher mit Widmung immer mehr wert als ohne."
Den Charme, den alte Bücher durch ihre Geschichte mitliefern, sucht man bei den cleanen und unpersönlichen E-Books vergeblich. "Die werden ja nicht weitergegeben, man kann nichts darin finden", sagt Brandis. Für den Experten ist auch interessant, wenn zum Beispiel etwas vertuscht werden soll: "Dann ist etwas ausgerissen oder ausradiert, dann soll etwa keiner wissen, dass das Buch aus dem Besitz von Goebbels stammt." Brandis nennt das eine "Damnatio Memoriae", eine Auslöschung der Erinnerung.
Hundert D-Mark als Lesezeichen
Manchmal hat das, was man in Büchern findet, auch ganz unmittelbar einen eigenen Wert: Vor vielen Jahrzehnten, als Brandis als Volontär in einem Antiquariat anfing, habe er auch einmal hundert Mark in einem Buch gefunden. "Das hatte der Vorbesitzer als Lesezeichen in das Buch gelegt. Das war etwa 1989, und das war damals viel Geld. Ich wollte es dem Besitzer, der uns das Buch überlassen hatte, zurückgeben. Aber dieser sagte zu mir: Behalten Sie es nur. Das haben Sie sich verdient."