Philosoph Habermas und sein Verhältnis zur katholischen Theologie

"Ein Bewusstsein von dem, was fehlt"

Seit über einem halben Jahrhundert ist der Sozialphilosoph Jürgen Habermas Stichwortgeber für gesellschaftliche Diskurse. Dabei spielten immer wieder auch theologische Begriffe und Überlegungen eine Rolle. Ein Porträt zum 90. Geburtstag.

Jürgen Habermas / © Heike Lyding (KNA)
Jürgen Habermas / © Heike Lyding ( KNA )

Selbst ein Philosoph kann mitunter schroff werden, wenn es um die oftmals eher vermuteten denn tatsächlichen Übergänge zwischen Werk und Biografie geht. "Ich bin alt, aber nicht fromm geworden", sagte Jürgen Habermas, der große und - wie er selbst sagt - "alte" Mann der deutschen Sozialphilosophie, in einem Interview vor zehn Jahren aus Anlass seines damals 80. Geburtstages.

In diesem Jahr darf er bereits seinen 90. Geburtstag (18. Juni) feiern; fromm dürfte er jedoch wohl auch in den vergangenen zehn Jahren trotz seines inzwischen biblischen Alters nicht geworden sein. Dass ihn jedoch religiöse Fragen zeitlebens herausgefordert haben, lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, dass für Herbst eine große, zweibändige Religionsphilosophie angekündigt wurde. 

Legendäres Treffen mit Kardinal Ratzinger

Gewiss, er habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass auch seine Begriffe von Verständigung und kommunikativem Handeln "vom christlichen Erbe zehren", wie er in einem Interview zugestand. Dennoch beharrt er auf einer "methodischen Differenz der Diskurse" – und das selbst dort, wo er mit seiner viel diskutierten Begriffsschöpfung der "postsäkularen Gesellschaft" oder der Forderung nach einer säkularen Übersetzung religiöser Semantik für Brücken der Kooperation zwischen Religion und Philosophie wirbt – wie etwa bei jener denkwürdigen Begegnung mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger im Jahr 2004 in der Katholischen Akademie in München.

Damals stritt man über "vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates" – wobei das handverlesene Publikum nachher bestätigte, die Diskutanten seien sich dabei recht nah gekommen. Habermas räumte dabei ein, dass er den Religionen ein besonderes Gespür für Sünde, Verfehlung, Scheitern und Gelingen des Lebens zutraut, an das die philosophische Sprache nicht zu rühren vermag.

Religion als Etwas, das langsam verschwindet?

In seinen frühen, großen Werken wie etwa der 1981 erschienenen "Theorie des kommunikativen Handelns" ging Habermas noch – ganz im Stil der frühen Säkularisierungsthese – von einem langsamen Verschwinden der Religion aus. Mit fortschreitender gesellschaftlicher Modernisierung würden die Funktionen, die Religion in der Gesellschaft hat, nämlich die Reproduktion von Solidarität, schlichtweg überflüssig. Heute betrachtet Habermas diese These wie viele andere Philosophen als überholt: Religion sei weiterhin ein wichtiger, auch gesellschaftlicher Faktor – aber sie bleibt für ihn "opak", wie er selbst sagt, also dunkel, undurchsichtig.

Dennoch, der Reiz, sich mit Religion zu befassen, bleibt – gewiss immer mit einer Haltung kritischer Distanz, die sich darin zeigt, dass er Religion weiterhin als eine Art Vorstufe säkularer Vernunft betrachtet. Wenn er dennoch die Koalition mit den Religionen sucht, so darum, angesichts einer "entgleisenden Moderne" mit ihren gesellschaftlichen Zersetzungserscheinungen und moralischen Defiziten nach Ressourcen zu suchen, die das Zeug haben, Kitt für die Gesellschaft zu sein.

Austausch mit Theologen Metz und der Neuen Politischen Theologie

Vorrangiger Gesprächspartner – und zugleich langjähriger, freundschaftlich verbundener Kritiker – war bei all dem Johann Baptist Metz und seine "Neue Politische Theologie". Beide Denker verbindet eine ähnliche biografische Brucherfahrung, die mit Auschwitz benannt werden kann: Es war und ist die Monstrosität dieses Verbrechens, die Philosophie und Theologie letztlich aneinander kettet – im gemeinsamen Ringen um ein "Nie wieder!".

Akademisch verdienstvoll und berühmt ist indes Metz‘ Kritik, dass die "Theorie des kommunikativen Handelns" geschichtsvergessen sei; sie würde unter Gleichzeitigkeitsvorbehalt stehen. Hier steht im Hintergrund der Gedanke der universalen Solidarität: die könne nicht nur auf die Zeitgenossen bezogen sein, sondern müsse auch die Opfer der Geschichte mit einbeziehen. Diese Kritik muss Habermas zutiefst irritiert haben – immerhin kommt er aus der Tradition der Frankfurter Schule, ist also mit den geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins, die ja die Tradition der Unterdrückten einbeziehen wollen, zutiefst vertraut.

Zuletzt meldete sich Habermas im vergangenen Jahr in einem an den ebenfalls 90-jährigen Theologen Johann Baptist Metz adressierten Brief zu seinem eigenen theologischen Ringen zu Wort. Er sei im Rückblick auf persönliche Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Metz überrascht gewesen "zu erkennen, dass es die produktivsten Anstöße Ihrer Theologie gewesen sind, die meine Gedanken in diese Richtung gelenkt haben", räumte Habermas in dem Brief ein, der in der Festschrift "Theologie in gefährdeter Zeit" (LIT-Verlag) zu Ehren Metz' erschienen ist.

Information der Redaktion: Gastautor Dr. Henning Klingen ist Theologe und Journalist.

Dr. Henning Klingen, Journalist und Theologe (privat)
Dr. Henning Klingen, Journalist und Theologe / ( privat )
Johann Baptist Metz / © Harald Oppitz (KNA)
Johann Baptist Metz / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR
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