Caritas fordert neue Debatte um Sterbehilfe

"Druck auf Kranke und Alte könnte steigen"

Die Caritas fordert im Streit um Sterbehilfe in Deutschland nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine intensive gesellschaftliche Debatte über den Wert des Lebens. Die Gerichtsentscheidung sei problematisch.

Caritaspräsident Neher: Palliativversorgung und Sterbebegleitung sind alternativlos / © Corinne Simon (KNA)
Caritaspräsident Neher: Palliativversorgung und Sterbebegleitung sind alternativlos / © Corinne Simon ( KNA )

Präsident Peter Neher kritisierte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Montag) die Entscheidung des Gerichts, weil sie "das Selbstbestimmungsrecht letztlich als einziges Kriterium über Tod und Leben nennt". Fraglos handele es sich beim Selbstbestimmungsrecht "um ein hohes Gut", erläuterte er. "Das setzt aber voraus, dass jeder Suizidwunsch aus einer selbstbestimmten Haltung heraus geäußert wird. Und ob das immer der Fall ist, hinterfrage ich mindestens kritisch", so Neher.

Die Mehrdeutigkeit eines Sterbewunsches

Neher argumentierte, ein geäußerter Sterbewunsch könne auch missverstanden werden. "Wenn jemand unter großen Schmerzen leidet oder sich in tiefer Einsamkeit befindet, frage ich mich, ob dessen Selbstbestimmung tatsächlich so leitend ist oder ob es nicht letztlich ein Ruf nach Leben, nach Zuwendung, nach Hilfe, nach Unterstützung, nach Nähe ist. Deshalb halte ich diese starke Betonung der Selbstbestimmung angesichts der Komplexität für falsch", sagte der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Es zeige aber, dass "eine Debatte darum" notwendig sei, so Neher.

Steigt der Druck auf Alte und Kranke?

Neher, der seine Dissertation zum Thema Sterben und Sterbebegleitung geschrieben hat, befürchtet nach dem Urteil der Richter "eine schwerwiegende Folge": "Es erweckt den Eindruck, Selbsttötung wäre eine legitime Alternative bei schwerer Erkrankung oder Einsamkeit.

Damit könnte ein Mensch in die Situation gebracht werden, in der ausgesprochen oder implizit von ihm erwartet wird: Mach deinem Leben endlich Schluss." Vor allem "der Druck auf alte und schwer kranke Menschen kann dadurch steigen, die Möglichkeit der assistierten Selbsttötung in Anspruch zu nehmen", warnte Neher.

Um die negativen Folgen abzumildern, sei es "notwendig, die Maßnahmen der Palliativversorgung zu stärken", forderte Neher. "Wir müssen Sterben als Teil des Lebens anerkennen", sagte der Präsident des katholischen Sozialverbandes.

Quelle:
KNA