In einem bislang bundesweit einmaligen Vorgang hatten das Erzbistum Berlin sowie die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz sowie die katholische Militärseelsorge am 3. Juni vergangenen Jahres mitgeteilt, dass sie ihre gemeinsame Interdiözesane Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs (IKA) aufgelöst haben.
Die verantwortlichen Bischöfe Heiner Koch (Berlin), Wolfgang Ipolt (Görlitz), Heinrich Timmerevers (Dresden-Meißen) sowie Militärbischof Franz-Josef Overbeck begründeten den Schritt mit dem Rücktritt mehrerer Mitglieder des Gremiums.
Dresden-Meißen will eigene Kommission gründen
Zudem verwiesen sie auf den letzten Jahresbericht der Kommission vom November sowie ein Minderheitsvotum von Betroffenenvertretern vom Februar, worin anhaltende kommunikative Probleme und eine dysfunktionale Arbeit beklagt würden. Gut zwei Jahre nach ihrer Konstituierung (10. Mai 2023) war die IKA damit Geschichte.
Knapp acht Monate später zeigt sich auf Anfrage, dass voraussichtlich auch noch weitere Monate ins Land gehen werden, bis in den betroffenen drei Ost-Bistümern und der Militärseelsorge wieder Aufarbeitungskommissionen ihre Arbeit aufnehmen. Plural deshalb, weil das Bistum Dresden-Meißen erklärt hatte, künftig nicht mehr an einer gemeinsamen Kommission mitzuarbeiten, sondern eine eigene zu gründen.
Das Erzbistum Berlin, das die Federführung für die IKA hatte, erklärte auf Anfrage, aktuell werde ein Statut für einen neuen gemeinsamen Betroffenenbeirat formuliert; bislang habe es ein solches Statut nicht gegeben. "Die Erarbeitung des Statuts ist auf einem guten Weg und soll baldmöglichst in Kraft gesetzt werden, die Bischöfe wollen sich am Rand des Ständigen Rats dazu verständigen", so der Pressesprecher. Der Ständige Rat findet am kommenden Montag statt.
Studie liegt auf Eis
In einem nächsten Schritt soll dann eine Ausschreibung zur Mitwirkung und Gründung eines Betroffenenbeirats erfolgen. Hat sich ein neuer Betroffenenbeirat gegründet, was angesichts der schwierigen Vorgeschichte mit dem alten Beirat nicht ganz einfach werden dürfte, kann die IKA-Neugründung angegangen werden, unter Mitwirkung - entsprechend den Standards der Betroffenenbeteiligung - des Betroffenenbeirats. In der bisherigen IKA wurden die neun Mitglieder von Landesregierungen, Bistümern und einem Beirat von Missbrauchsbetroffenen benannt. Auch das braucht seine Zeit.
Die aufgelöste IKA hatte die Ausschreibung einer Aufarbeitungsstudie auf den Weg gebracht. Diese liegt allerdings auch weiterhin auf Eis. Den Bewerbern für die ausgeschriebene Studie sei ein Zwischenbescheid zugeschickt worden, hatte der Sprecher des Erzbistums wenige Wochen nach der IKA-Auflösung auf Anfrage erklärt. Sobald eine neue IKA ihre Arbeit aufnimmt, solle ihr die Ausschreibung der Studie mit Bitte um Fortsetzung übergeben werden, hieß es jetzt.
Der Aufarbeitung verpflichtet
Das Bistum Dresden-Meißen, das erklärtermaßen eigene Wege gehen möchte, erklärte auf die Anfrage, inwieweit die Vorbereitungen für eine Aufarbeitungskommission inzwischen gediehen sind: "Unser Bistum sieht sich dem Thema Aufarbeitung und der 'Gemeinsamen Erklärung' nach wie vor verpflichtet. Das Bistum steht dazu auch in Kontakt mit der Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM). Ein Termin zum Gespräch bei Frau Claus/UBSKM ist für die zweite Februarhälfte vereinbart."
Weiter hieß es, dass ein Gutachten zu den Missbrauchsfällen des Bistums Dresden-Meißen vorgesehen sei. Dabei werde ein Gremium begleitend tätig sein, in dem auch Betroffene mitarbeiten. Die "Freie Presse" Chemnitz berichtete unterdessen unter Berufung auf Missbrauchsbetroffene, dass der Historiker Bernd Schäfer derzeit im Auftrag des Bistums in den Akten nach Hinweisen zu Missbrauchsfällen suche und an einer Ausarbeitung darüber sitze.
Das Bistum erklärte auf KNA-Nachfrage, ob dem so sei oder es eine anderweitige Absprache oder Vereinbarung mit Schäfer gebe, dass es sich dazu nicht äußere. Pikant ist, dass Schäfer ab Juni 2023 vom Betroffenenbeirat in die IKA entsandt worden war. Nach wenigen Monaten überwarfen sich die Betroffenen allerdings mit ihm und beriefen ihn wieder ab.
Monatelanger Stillstand droht
Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hatte die IKA-Auflösung seinerzeit scharf kritisiert. Mit Blick auf den Stand in Dresden-Meißen sagte sie nun der "Freien Presse": "Das Bistum sollte nicht - dies gilt für alle beteiligten Bistümer - hinter verschlossenen Türen an einer Lösung arbeiten, ohne den zeitlichen und inhaltlichen Rahmen seiner Planungen nach außen zu kommunizieren." Zudem müssten eine strukturelle Betroffenenbeteiligung in einer Kommission sowie über ein begleitendes Betroffenengremium gewährleistet sein.
Angesichts des Sachstands ist damit zu rechnen, dass realistischerweise auch in den kommenden Monaten Berlin, Görlitz und Dresden-Meißen weiterhin ohne Aufarbeitungskommission dastehen.