DOMRADIO.DE-Chefredakteur zieht Bilanz zur Vollversammlung

"Wie ein frischer Wind"

Im Vorfeld der dritten Synodalversammlung des Synodalen Wegs stand das Treffen von Bischöfen und Laien nicht zuletzt durch das Münchner Missbrauchsgutachten unter hohem Erwartungsdruck. Wurde sie dem gerecht? Ein Fazit.

Das gelochte Metallkreuz und die brennende Kerze des Synodalen Weges auf der dritten Synodalversammlung in Frankfurt. / © Julia Steinbrecht (KNA)
Das gelochte Metallkreuz und die brennende Kerze des Synodalen Weges auf der dritten Synodalversammlung in Frankfurt. / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Ingo, du warst für uns vor Ort in Frankfurt. Wie hast du diese dreitägigen Beratungen der Synodalen erlebt?

Ingo Brüggenjürgen (DOMRADIO.DE-Chefredakteur): Ich greife mal ein Bild vom Wetter auf: Das waren stürmische Zeiten, aber nicht in dem Sinne, dass die Kirche da weggeweht wurde, sondern dass wirklich der Geist Gottes spürbar war. Wie ein frischer Wind wirkte das. Und wir erinnern uns an die Ausgangssituation: Da war enorm viel Druck. Das kirchliche Schiff ist in ganz schwerem Fahrwasser. Und der Druck im Kessel war in den letzten Wochen ja noch mal kräftig gestiegen. Man denke da nur an das jüngste Gutachten der Erzdiözese München-Freising, all die Wirren um den emeritierten Papst Benedikt und das Coming-out vieler Mitarbeitenden in der katholischen Kirche. Da wurde einfach deutlich: So kann das alles nicht weitergehen.

 (DR)

Insofern habe ich diese Tage in Frankfurt als ein ganz ernsthaftes Ringen der Delegierten erlebt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und auch entsprechende Beschlüsse zu fassen. Und da waren ja nicht irgendwelche Leute zusammen, sondern da waren alle katholischen Bischöfe versammelt und alle Delegierten, die Gewählten und die Berufenen. Es war wirklich ein großer Querschnitt der aktuellen Kirche. Da kann keiner sagen: Da bin ich nicht vertreten. Nein, das war die Kirche, wie sie leibt und lebt. Und ich habe sie als sehr lebendig erlebt.

DOMRADIO.DE: Was sind denn aus deiner Sicht die wichtigsten Ergebnisse dieser Beratungen? Wurde wirklich etwas bewegt?

Brüggenjürgen: In der Tat. Die Delegierten waren ja das dritte Mal zusammengekommen. Es hat sich alles wegen Corona ein bisschen verzögert. Aber es war gut, dass sie zusammengekommen sind, denn so konnte richtig gerungen werden. Man konnte sich trotz der Entfernung in die Augen sehen. Es gab eine ganz hohe Impfquote und ein riesiges Sicherheitskonzept. Fertig ist zum Beispiel der Orientierungstext geworden, an dem man heftig gearbeitet hat. Man hat gefragt: Was ist denn wichtig? Das Lehramt ist wichtig. Natürlich! Die Tradition ist wichtig. Ok. Das Wort Gottes, da kommen wir doch gar nicht dran vorbei. Aber eben auch die Zeichen der Zeit müssen erkannt werden.

Ein weiterer Text ist fertig geworden, der den Sendungsauftrag aller betrifft. Das ist das große und schwierige Thema Macht. Die soll besser verteilt werden. Bischöfe sollen besser kontrolliert werden. Dann gibt es auch einen Handlungstext, laut dem die Gläubigen bei der Bestellung eines (Erz-)Bischofs einbezogen werden sollen. Wie soll das denn gehen?, fragt man sich da. Man kann natürlich vorher gucken, wer da ausgeguckt wird und dann kann das Kapitel wählen. Das sind also alles Dinge, die jetzt vielleicht schon gehen, wenn denn alle wollen. Und da wollten alle. Auch in den Fragen: Wie ist das mit den Frauen - die sollen endlich mehr Rechte bekommen. Oder die Priester: Das zölibatäre Leben, der Pflichtzölibat kann demnach aufgehoben werden. Und auch im Bereich der Sexualmoral will man endlich nachsteuern und den Papst auffordern, den Katechismus hier zu ändern. Der Tenor ist: Kirche hat unter der Bettdecke nix mehr zu suchen.

DOMRADIO.DE: Wenn die Delegierten jetzt wieder alle zu Hause sind, wie geht es denn dann weiter? Die Papiere, die jetzt verabschiedet wurden, die sind ja geduldig, oder?

Ingo Brüggenjürgen

"Es geht um die Impulse, die hier ausgehen von Frankfurt in die Kirche hinein, sodass die Kirche wieder ins richtige Fahrwasser kommt."

Brüggenjürgen: Das ist in der Tat so. Der Synodale Weg ist noch nicht zu Ende, aber er hat eine ganz entscheidende Zwischenetappe absolviert. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, hat uns im Interview erzählt, es gehe nicht um die Papiere. Es geht um die Impulse, die hier ausgehen von Frankfurt in die Kirche hinein, sodass die Kirche wieder ins richtige Fahrwasser kommt. Nehmen wir mal das Thema der Frauen in der Kirche: Da fühlten sich ja viele Frauen diskriminiert. Und wie da gerungen wurde, konnte man sehen, dass natürlich auch Frauen bei der Synodalversammlung waren, die gesagt haben: Ich fühle mich überhaupt nicht diskriminiert in der Kirche, es ist doch alles in Ordnung. Dann stand eine andere Frau auf und sagte: Ja, dann ist es ja alles gut, dann werdet ihr euch doch auch nicht diskriminiert fühlen, wenn ihr noch mehr Rechte bekommt.

Auch das Wahrnehmen der ganzen verschiedenen Formen von Sexualität: Sexualität wird als Kraft empfunden und bezeichnet, die den Menschen sozusagen beflügeln soll. Impulse für das priesterliche Leben gab es auch, dass es da wirklich nicht vereinsamt, sondern dass es Möglichkeiten gibt, in der Mitte der Gesellschaft auch wieder reinzukommen und eben auch Impulse, wie eben geschildert im Bereich der Macht, die besser verteilt werden soll.

DOMRADIO.DE: Dein persönliches Fazit zu guter Letzt dieser bewegten Tage in Frankfurt: Hat die Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt gehalten, was sich viele im Vorfeld versprochen haben?

Ingo Brüggenjürgen

"Es wurde ernsthaft gerungen. Man hat aufeinander gehört, aber man hat dann auch entsprechende Entscheidungen getroffen. Ich würde sagen, die Kirche bewegt sich doch."

Brüggenjürgen: Ja, das würde ich sagen. Die Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und im Präsidium des Synodalen Wegs vertretene Irme Stetter-Karp hat gesagt: Wir haben geliefert! Und das muss man in der Tat so sagen. Ich hätte das gar nicht so einmütig erwartet. Wir müssen ja wissen, dass laut Satzung bei den wichtigen Beschlüssen eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist. Also das ist schon eine Ansage. Und alle wichtigen Beschlüsse, die da jetzt gefasst wurden, sind mit Zweidrittelmehrheit erfasst worden. Und nicht nur mit Zweidrittelmehrheit der 230 Delegierten alleine, sondern auch mit Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Das heißt, die haben auch die "Zeichen der Zeit" erkannt.

Es wurde ernsthaft gerungen. Man hat aufeinander gehört, aber man hat dann auch entsprechende Entscheidungen getroffen. Ich würde sagen, die Kirche bewegt sich doch. Das hängt auch damit zusammen, dass im Moment enorm gute Leute an der Spitze jeweils sind, die wirklich in einem großen Einklang und gemeinsam bemüht sind, die Kirche nach vorne zu bringen und die das nicht im Alleingang machen, sondern mit ganz vielen, die sich an den verschiedenen Stellen und in den verschiedenen Arbeitsgruppen richtig engagiert haben. Von daher: Ja, die Kirche, sie bewegt sich doch.

Das Interview führte Moritz Dege.

Der Synodale Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten. Ausgangspunkt ist eine jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Quelle:
DR
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