Der sogenannte Jahreskreis, lateinisch "tempus per annum", ist ein zentraler, wenn auch auf den ersten Blick unscheinbarer Bestandteil des römisch-katholischen Kirchenjahres. Er umfasst jene Zeiten, die nicht durch die großen geprägten Festkreise – Advents- und Weihnachtszeit sowie Österliche Bußzeit und Osterzeit – bestimmt sind. Gerade weil ihm spektakuläre Zeichen, starke Symbole und ausgeprägte Riten weitgehend fehlen, kommt dem Jahreskreis eine eigene, oft unterschätzte theologische und geistliche Bedeutung zu.
Der Jahreskreis ist keine bloße "Zwischenzeit" oder liturgische Leerstelle. Vielmehr bildet er den Raum, in dem das christliche Leben in seiner alltäglichen Gestalt betrachtet und gefeiert wird. Während Adventszeit, Weihnachten, Fasten- und Osterzeit bestimmte Aspekte des Heilsgeschehens in verdichteter Form ins Zentrum rücken, entfaltet der Jahreskreis die fortlaufende Nachfolge Christi im Alltag. Die liturgische Farbe Grün, die dieser Zeit zugeordnet ist, verweist dabei symbolisch auf Wachstum, Hoffnung und Beständigkeit im Glauben.
34 Wochen in zwei Abschnitten
Im Gefüge des Kirchenjahres nimmt der Jahreskreis eine besondere Stellung ein. Er ist nicht zusammenhängend, sondern in zwei Abschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt beginnt am Montag nach dem Fest der Taufe des Herrn und reicht bis zum Dienstag vor Aschermittwoch. Nach der Unterbrechung durch die Österliche Bußzeit und die Osterzeit setzt sich der Jahreskreis mit dem Montag nach Pfingsten fort und endet am Samstag vor dem Ersten Adventssonntag.
Insgesamt umfasst er 34 Wochen, wobei der erste Sonntag als Fest der Taufe des Herrn noch zum Weihnachtsfest gezählt wird und das Hochfest Christkönig immer auf den 34. Sonntag fällt. Abhängig von der Lage des Osterfestes, aber auch von datumsgebundenen Hochfesten entfallen jedes Jahr einige Jahreskreissonntage.
Durch Liturgiereform entstanden
Die heute gebräuchliche Bezeichnung "Jahreskreis" ist vergleichsweise jung und erst im Zuge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden. Der lateinische Ausdruck "tempus per annum" meint wörtlich die "Zeit im Jahr" und legt den Akzent weniger auf einen geschlossenen Kreis als auf eine fortlaufende Abfolge. Gleichwohl bringt der Begriff "Jahreskreis" eine wichtige theologische Einsicht zum Ausdruck: Das Heilshandeln Gottes wird Jahr für Jahr neu vergegenwärtigt, nicht als bloße Wiederholung, sondern als fortschreitende Aneignung des einen Mysteriums Christi.
Die grüne liturgische Farbe des Jahreskreises unterstreicht diesen Charakter. Grün steht traditionell für Leben, Hoffnung und Wachstum. Im Unterschied zu Violett, das in Advent und Fastenzeit Umkehr und Erwartung symbolisiert, oder zu Weiß, das in Weihnachts- und Osterzeit die Festfreude und Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck bringt, verweist Grün auf den Weg des Glaubens im Alltag. Der Jahreskreis ist damit die Zeit, in der das in den Hochfesten gefeierte Heil im Leben der Gläubigen konkret Gestalt annehmen soll.
Ergebnis einer längeren Entwicklung
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der heutige Jahreskreis das Ergebnis einer längeren liturgischen Entwicklung ist. Vor der Liturgiereform des 20. Jahrhunderts war diese Zeit anders strukturiert und benannt. Die Sonntage zwischen Epiphanie und der Vorfastenzeit wurden als "Sonntage nach Epiphanie" gezählt, während die zweite Jahreshälfte von den "Sonntagen nach Pfingsten" geprägt war. Diese Benennungen machten deutlich, dass die Sonntage nicht als eigenständige Zeit verstanden wurden, sondern als Nachklang oder Fortsetzung großer Hochfeste.
Charakteristisch für die vorkonziliare Ordnung war zudem das Fehlen einer eigenständigen Werktagsliturgie im heutigen Sinn. An den Werktagen gab es keine fortlaufende Ordnung mit durchgehenden Schriftlesungen. Stattdessen gedachte man in der Regel der Tagesheiligen, feierte Votivmessen oder griff auf bereits bekannte Messformulare zurück. Werktage in grünen Gewändern standen also nicht auf der Tagesordnung.
Damit einher ging eine insgesamt begrenzte Schriftverkündigung. Das Messlektionar vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil umfasste nur einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt der biblischen Texte. Große Teile des Alten Testaments sowie zahlreiche neutestamentliche Schriften kamen im Gottesdienst kaum zur Sprache. Der Jahreskreis hatte in diesem Zusammenhang keinen eigenen theologischen Akzent, sondern erfüllte vor allem eine kalendarische Funktion.
Reichere Darbietung der Heiligen Schrift
Bereits im 19. Jahrhundert und verstärkt im frühen 20. Jahrhundert formierten sich innerhalb der Kirche Reformbestrebungen, die unter dem Begriff der liturgischen Bewegung zusammengefasst werden. Ihr Anliegen war es, die Liturgie wieder stärker aus ihren biblischen und frühkirchlichen Wurzeln heraus zu erneuern und den Gläubigen eine bewusstere und aktivere Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen. Die Forderung nach einer reicheren Darbietung der Heiligen Schrift und nach einer verständlicheren Ordnung des Kirchenjahres spielte dabei eine zentrale Rolle.
Diese Impulse fanden schließlich im Zweiten Vatikanischen Konzil ihren kirchenamtlichen Ausdruck. Die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" aus dem Jahr 1963 forderte ausdrücklich, den Tisch des Wortes Gottes reicher zu decken und die inneren Zusammenhänge des Kirchenjahres deutlicher sichtbar zu machen. Das Pascha-Mysterium, also Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi, sollte als Mitte aller liturgischen Zeiten hervortreten. In diesem Zusammenhang wurde auch der Jahreskreis neu bewertet und theologisch aufgewertet. Insofern ist es mehr als bedauerlich, dass in vielen Sonntagsmessen in deutschen Landen häufig eine Schriftlesung entfällt.
Drei Lesejahre
Im Zuge der nachkonziliaren Liturgiereform wurde das Kirchenjahr systematisch neu geordnet. Der Jahreskreis erhielt erstmals den Charakter einer eigenständigen, zusammenhängenden Zeit, wenn auch weiterhin in zwei Abschnitte gegliedert. Die Sonntage wurden fortlaufend nummeriert, was ihren Charakter als kontinuierliche Wegstrecke unterstreicht. Inhaltlich entfalten die Evangelien dieser Sonntage das öffentliche Wirken Jesu: seine Verkündigung vom Reich Gottes, seine Gleichnisse und Wunder, seine Begegnungen mit Menschen, aber auch die wachsenden Konflikte, die schließlich auf das Pascha-Mysterium hinführen.
Von besonderer Bedeutung ist die Einführung des dreijährigen Lesezyklus für die Sonntage. In den Lesejahren A, B und C stehen jeweils das Matthäus-, Markus- und Lukasevangelium im Mittelpunkt, ergänzt durch Abschnitte aus dem Johannesevangelium. Hinzu tritt eine erste Lesung, die in der Regel aus dem Alten Testament stammt und thematisch auf das Evangelium bezogen ist, sowie eine zweite Lesung aus den apostolischen Briefen, die über mehrere Sonntage hinweg fortlaufend gelesen wird.
Hauptzeit der Schriftverkündigung
Eine grundlegende Neuerung stellte auch die Ordnung der Werktage im Jahreskreis dar. Erstmals erhielten sie eine eigene liturgische Struktur mit einem – bezogen auf die erste Lesung – zweijährigen Lesezyklus. Diese sogenannte "lectio continua" ermöglicht es, biblische Bücher über einen längeren Zeitraum hinweg abschnittsweise zu hören. Der Jahreskreis wurde damit zur eigentlichen Hauptzeit der Schriftverkündigung im Kirchenjahr.
Der Jahreskreis bleibt dabei nicht unbeeinflusst vom Heiligen- und Festkalender. Hochfeste, Feste und gebotene Gedenktage können ihn unterbrechen oder überlagern. Grundsätzlich jedoch bildet der Jahreskreis das tragende Gerüst des Kirchenjahres, dem die Heiligengedenktage untergeordnet sind. Diese Gewichtung soll sicherstellen, dass die Feier des Christusmysteriums im Zentrum der Liturgie bleibt.
Pastorale Herausforderung
In geistlicher Hinsicht lädt der Jahreskreis dazu ein, den Glauben im Alltag zu vertiefen. Er ist die Zeit des regelmäßigen Hörens auf das Wort Gottes, der Einübung christlicher Lebenspraxis und der langsamen, oft unspektakulären Reifung des Glaubens. Gerade weil ihm außergewöhnliche liturgische Zeichen fehlen, fordert er eine bewusste innere Teilnahme und eine wache Aufmerksamkeit für die Botschaft der Schrift.
Pastoral stellt der Jahreskreis zugleich eine Herausforderung dar. Nicht selten wird er als "gewöhnliche Zeit" missverstanden und entsprechend wenig profiliert gestaltet. Umso wichtiger sind eine sorgfältige Auslegung der fortlaufenden Schriftlesungen, eine bewusste Gestaltung der Liturgie und Predigten, die den Bezug zwischen biblischer Botschaft und Lebenswirklichkeit der Menschen herstellen.
Der Jahreskreis ist somit eine Frucht der liturgischen Erneuerung des 20. Jahrhunderts und zugleich eine Rückbesinnung auf ältere Traditionen der Kirche. In seiner scheinbaren Unscheinbarkeit entfaltet er eine besondere Stärke: Er ist die Zeit des Wachstums im Glauben, getragen von der Hoffnung, die das Grün der Liturgie sichtbar macht.