Der Wunsch nach Grün im Grau der Krise

"Die Welt wird schöner mit jedem Tag"

Wer kann, geht derzeit in den Garten. Frisches Grün und blühende Blumen sorgen in grauen Corona-Zeiten für seelische Erleichterung.

Kreuz auf einer Wiese / © kckate16 (shutterstock)

"Die Welt wird schöner mit jedem Tag / Man weiß nicht, was noch werden mag..." Ludwig Uhlands Gedicht "Frühlingsglaube" hat in Corona-Tagen neue Kraft gewonnen. "Nun, armes Herz, vergiß der Qual / Nun muß sich alles, alles wenden."

Radtouren und Wanderungen durch die Natur erleichtern in diesen Tagen die Corona-Isolation - insbesondere am langen Himmelfahrtswochenende. Blumenläden und Gärtnereien brummen. Wohl selten haben die Deutschen so viel Zeit in ihre Gärten investiert wie in diesem Frühjahr. Das Bedürfnis nach Grün im Grau der Krise ist groß.

Grün wie die Hoffnung

Grün ist die Hoffnung. Es ist die Farbe des Frühlings, des wiederkehrenden Lebens. Der Urspung des Wortes "grün" liegt in dem germanischen Wort "groa" (Englisch: to grow), was soviel wie wachsen und keimen bedeutet.

Grün ist die Farbe des Lebens: Ohne Chlorophyll, das den Pflanzen die Farbe verleiht, wäre Leben nicht möglich. Für die Mystikerin Hildegard von Bingen ist Grün deshalb eine göttliche, heilende Farbe, eine "Herzkraft himmlischer Geheimnisse, die die Herrlichkeit des Irdischen nicht fasst". Gleichzeitig steht Grün auch für das Neue, Frische: In der Minnedichtung war es die Farbe der beginnenden Liebe. Wer heiratet, feiert seine Grüne Hochzeit.

Im Alltag symbolisiert Grün die Abwesenheit von Hindernissen. Eine grüne Ampel erlaubt freie Fahrt. Wer jemandem "grünes Licht" gibt, erteilt seine Zustimmung. Wer eine "Greencard" hat, darf einwandern. Wer im "grünen Bereich" ist, kann sich beruhigt zurücklehnen.

Farbe der Mitte

Grün bezeichnet damit auch das Normale, Unproblematische. Es ist die Farbe der Mitte, wie Goethe in seiner Farbenlehre definierte. Es entsteht, wenn Licht (Gelb) und Finsternis (Blau) sich völlig das Gleichgewicht halten. "Grün in vollendeter Neutralität zwischen allen Extremen wirkt beruhigend und sicher", schreibt Eva Heller in ihrem Buch "Wie Farben wirken". Den Maler Wassily Kandinsky (1866-1944) langweilte das: Das Grün sei "wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet".

Grün, die Lieblingsfarbe Mohammeds, ist zugleich die heilige Farbe des Islam. Sie verweist auf das Paradies mit üppigen Wiesen und Wäldern - für Wüstenbewohner eine wunderbare Vorstellung. In der kirchlichen Liturgie des Mittelalters spielte das Grün nach Angaben des Münsteraner Historikers Rudolf Suntrup eine eher untergeordnete Rolle. Vereinzelt sprächen liturgische Texte vom "Grün des Glaubens" oder vom "grünen Holz des Kreuzes", schreibt er. In der Malerei wurde der Farbton, oft durch das Mineral Malachit hergestellt, mit der Barmherzigkeit und Hoffnung gleichgesetzt. Daher tragen Heilige auf mittelalterlichen Gemälden gelegentlich grüne Mäntel.

Grün ist nicht eindeutig

Doch Grün ist nicht eindeutig. Missgünstige Menschen werden "grün vor Neid". Menschen, denen es übel wird, werden "ganz grün im Gesicht". Der Teufel - als Jäger der Seelen - trägt bisweilen einen grünen Rock. Auch Drachen, Lindwürmer und ähnlich widerliches Getier, die in vielen Märchen und Sagen erwähnt werden, wird eine grüne Farbe zugeschrieben.

Grün ist auch bitter oder sauer; intensive Grüntöne werden als Giftgrün bezeichnet. Das hat auch damit zu tun, dass lange Zeit alle Pigmente zur Herstellung der Farbe giftig waren, etwa das arsenhaltige Schweinfurter Grün oder Grünspan. Im Sprachgebrauch wird Grün auch häufig mit Unreife gleichgesetzt: Ein Grünschnabel ist noch "grün hinter den Ohren".

Die Beliebtheit der Farbe schwankt stark - etwa bei den Neuzulassungen für Autos. Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren 2019 weniger als ein Prozent der Neuwagen grün. 1996 noch hatte das Grün bei Neuzulassungen die 20-Prozent-Marke gekratzt. Andererseits rief die Mode-Zeitschrift Vogue die Farbe Grün gerade zum neuen Modetrend für 2020 aus. "Die Trendfarbe Grün liegt quasi in der Luft. Immerhin passt sie wie keine andere zu unserem immer stärker werdenden Bewusstsein für Natur und Nachhaltigkeit", heißt es in der März-Ausgabe. Die Zeitschrift zitiert die bekannte niederländische Trendforscherin Li Edelkoort, die Grün kürzlich zur dominierenden Farbe der gesamten Dekade ausgerufen habe.

Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA
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