Vor 75 Jahren ereignete sich das bundesweit schwerste Grubenunglück

Die "traumatisierte" Stadt Bergkamen

Am 20. Februar 1946 legte eine starke Explosion eine Schachtanlage im Steinkohlebergbau in Bergkamen in Schutt und Asche. Um das schwerste Grubenunglück in Deutschland ranken sich auch heute noch viele Ungereimtheiten.

Symbolbild Förderturm / © HGU Foto (shutterstock)

Der große Knall kam am Mittag. Um 12.05 Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion die Steinkohle-Schachtanlage Grimberg 3/4 in Bergkamen im Ruhrgebiet und führte zum schwersten Grubenunglück in Deutschland. 405 Menschen kamen ums Leben, darunter drei Offiziere der britischen North German Coal Control (NGCC). Teile der Zeche waren jahrelang nicht nutzbar, weil durch die Explosion Schacht 4 und der Förderturm oberirdisch in sich zusammengefallen waren. Die Katastrophe passierte vor 75 Jahren, am 20. Februar 1946.

Sie traumatisierte eine komplette Stadt und stürzte die Familien der toten Kumpel kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seelische und materielle Not. Ehemänner, Söhne und Väter, die den Krieg, aber nicht dieses Unglück überlebten, wurden begraben - sofern sie überhaupt wieder an die Erdoberfläche gebracht werden konnten. Die Geretteten mussten mit ihren Erlebnissen zurecht kommen: Manch einer machte unter Tage weiter, andere bekamen Arbeit über Tage.

Die Brände im Schacht breiten sich schnell aus

An dem Unglückstag waren 466 Männer in den Schacht gefahren, wie der Leiter des Bergkamener Stadtmuseums, Mark Schrader, sagt. Unter ihnen seien auch Ungelernte oder Arbeiter nur mit Grundkenntnissen gewesen, die in der Nachkriegszeit einen Broterwerb brauchten. Die sogenannte Schlagwetterexplosion eines Gemisches aus Luft und dem Grubengas Methan sorgte dafür, dass sich Kohlenstaub entzündete. "Die Brände begannen sich in außerordentlicher Geschwindigkeit auszudehnen."

Dieser Umstand erschwerte die Arbeit für die auch von benachbarten Zechen herbeigeeilten Rettungstrupps, wie Schrader betont. Hinzu kamen die Instabilität von Schacht 4 und zwei größere Nachexplosionen. Es dauerte mehrere Tage, bis Überlebende gerettet werden konnten. "Alles war sehr, sehr chaotisch."

Am 26. Februar schließlich seien die Rettungsmaßnahmen eingestellt worden: "Die Grube brannte überall." Damit das Feuer nicht auf andere Zechen übergreifen konnte, habe man sich entschlossen, die Grube zu fluten, erklärt Schrader. Zudem sei der Schacht mit einer Betonhaube verschlossen worden, um die Flammen zu ersticken. 1947 dann sei der Schacht wieder geöffnet worden - die Flöze hätten noch immer geglüht. Nach einer erneuten Flutung sei der Betrieb in dem Schacht erst 1952 wieder aufgenommen worden.

Ursache der Explosion ist bis heute unklar

Wie genau es zu der Explosion kommen konnte, ist unklar. Es kursieren auch Mutmaßungen über Sabotage. Diese würden etwa dadurch genährt, dass Dokumente verschwunden und das Schweigen groß gewesen seien, gibt Schrader zu bedenken. Darüber hinaus habe der Unglücksort nicht mehr besucht werden können. "Sabotage ist möglich, es fehlen aber Indizien." Fest stehe, dass die Kleidung eines Sprengmeisters unmittelbar vor der Explosion Feuer gefangen habe. Eventuell habe es eine Fehlbelüftung oder eine Fehlstellung einer Tür gegeben. "Es bleiben viele Fragen."

Das Grubenunglück hatte eine Verbesserung des Arbeitsschutzes zur Folge, wie Schrader sagt. Damals habe es kaum Schutzvorkehrungen gegeben, Arbeiter seien zum Teil in Alltagskleidung in den Schacht gefahren. Das verhinderte jedoch nicht, dass es 1992 erneut zu einer Explosion in Grimberg kam. "Die Schachtanlage war einfach insgesamt hochgefährlich", betont Schrader.

Trotz Spendenbereitschaft konnte die Not kaum gelindert werden

Zu Unmut führte auch die Versorgung der 280 Witwen und 430 Kinder, von denen einige zu Vollwaisen wurden. Der Museumsleiter erinnert daran, dass die entsprechende Siedlung nach dem Unglück nur noch "Witwensiedlung" genannt wurde. Zwar habe es eine sehr große Spendenbereitschaft gegeben, nur hätten diese Gelder nicht die komplette Not in der Nachkriegszeit lindern können. Hinzu kam die Währungsreform. "Die Bergkamener Familien haben am Ende durch den Zusammenhalt unter den Bergleuten überlebt."

Jedes Jahr wird in der Stadt an die Opfer des Unglücks erinnert. "Es gibt eine lebendige Erinnerungskultur", sagt Schrader. Seit 1952 steht auf dem Zentralfriedhof der Stadt ein Gedenkstein, der die Namen der 405 Toten trägt. Das Stadtmuseum will in diesem Jahr von Sonntag an mit einer Plakatausstellung in den Schaufenstern der Stadtbibliothek und später mit zwei Kurzfilmen auf Facebook und der eigenen Internetseite an das Unglück erinnern.

Autor/in:
Leticia Witte
Quelle:
KNA
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