Die Krippe der Müllarbeiter am Petersplatz in Rom

Der Straßenkehrer, das Christkind und die Päpste

Krippendarstellungen findet man gelegentlich an unerwarteten Orten. So auch unweit des Petersplatzes in Rom im Hinterhof der Müllabfuhr: "il presepe dei netturbini" - die Krippe der Straßenkehrer.

Giuseppe Ianni, Erbauer der Krippe der Straßenkehrer, vor dem Eingang zur Krippe in Rom / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Giuseppe Ianni, Erbauer der Krippe der Straßenkehrer, vor dem Eingang zur Krippe in Rom / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )

Die bekannteste Erzählung der Weltgeschichte, die von der Geburt Jesu in Bethlehem, stammt vom Evangelisten Lukas. Hier, in der Via dei Cavalleggeri, gut 100 Meter südlich des Petersplatzes, heißt Lukas Giuseppe. In der ehemaligen Garage für Müllautos erzählt er seine Geschichte von Bethlehem und der Krippe der Straßenkehrer, vor der schon Päpste und Präsidenten gebetet haben. Die Krippe ist sein Werk, das von Giuseppe Ianni. Der heute 82-Jährige - gedrungen, voller weißer Bart und ein herzliches Lachen im Gesicht - könnte als Weihnachtsmann durchgehen; statt eines roten Mantels trägt er heute aber einen weißen Arbeitskittel und Hut.

"Die schönste Krippe Roms"

Die Geschichte begann Anfang der 1970er Jahre mit einer großspurigen Ankündigung: "Ich werde die schönste Krippe Roms bauen, und der Papst wird kommen, um sie sich anzuschauen", verkündete der damals gut 30-jährige Straßenkehrer, angestellt beim römischen Amt für Straßenreinigung und Müllabfuhr AMA. Der eine oder andere Kollege wird sich an die Stirn getippt haben. Doch Ianni ließ sich nicht beirren, begann 1972 mit dem Bau der Krippe, erhielt Hilfe von Kollegen - und behielt Recht. 1974 pilgerte Paul VI. zur Krippe der Müllmänner. Johannes Paul II. kam elfmal zu Besuch - von 1979 bis 2002 - und Benedikt XVI. im Jahr 2006. Franziskus war noch nicht da.

Aber Mutter Teresa, Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano, Bürgermeister, Kardinäle sowie jährlich viele Römer und Touristen. Wie viele, kann Ianni nicht sagen. "Wir zählen sie nicht, freuen uns aber über jeden", sagt er und lacht. Ach ja - Geld wollen sie auch nicht: "Gebt kein Geld, sondern betet für den Frieden in der Welt! Die Straßenkehrer", bittet ein Plakat.

Ein frommer Mann

Über dem Eingang zur roh verputzten Krippe steht so etwas wie das Credo des Projekts: "Ich bin gekommen, dich anzubeten, Jesus, komm herab auch in mein Herz." Kein Zweifel, Giuseppe Ianni ist ein frommer Mann. Auf dem Betonfußboden vor der Krippe ist Stroh ausgebreitet. "So fühlen sich die Besucher ein bisschen wie im Stall", schmunzelt er.

Vieles hat Ianni hier verbaut: römischen Tuffstein, Marmor von der restaurierten Fassade des Petersdomes, den er von Hand zerkleinert hat. Außerdem plätschernde Wasserläufe und tropfende Tropfsteinhöhlen, flackernde Lichter, zierliche Figuren und vor allem biblische Zitate. "Hier sind die glühenden Kohlen, wie jene, mit denen die Lippen des Propheten Jesaja gereinigt wurden, bevor er Gottes Wort verkünden sollte", erklärt Ianni und weist auf eine Schmiede.

52 Meter lang

Unweit davon liegen "Ziegel, wie sie die israelitischen Sklaven in Ägypten schleppen mussten". Der Jakobsbrunnen, an dem Jesus mit der Samariterin sprach, ist ebenso dabei. Selbst Gleichnisse aus der Bergpredigt finden sich wieder - das Salz der Erde, das Haus auf dem Felsen, enge und weite Wege aus Sand und Basalt.

Die Wege und Straßen, die Ianni in die typisch italienische Krippenlandschaft gebaut hat, sind insgesamt 52 Meter lang. "Und alle führen zu Jesus", betont er, "denn er ist der Wichtigste." Daher sind die zentralen Figuren in dem Stall auch größer als die übrigen Bewohner des judäischen Dorfes. Das hat der römische Straßenkehrer so gebaut, "wie es früher in Bethlehem ausgesehen hat", sagt er fest überzeugt. Zeitgenössische Anspielungen, wie man sie in anderen Krippenlandschaften findet, sind nicht seine Sache.

Stammbaum Jesu

Allenfalls römische Aquädukte hat er sich zugestanden. Die sind etwa 15 Zentimeter hoch, vier breit "und so stabil, dass ein Mann darauf stehen kann", verkündet Ianni und weist zum Beweis auf ein Foto an der Wand in der kleinen Halle. Dort stehen er - noch ohne Bart und mit schwarzen Haaren - sowie zwei seiner früheren Kollegen tatsächlich auf dem Viadukt, der sich nun linker Hand durch die Landschaft schwingt.

Am hüfthohen Fries der Anlage ist der Stammbaum Jesu aufgelistet, wie ihn der Evangelist Matthäus aufgeschrieben hat: Abraham, Isaak, Jakob, Juda ... bis zu Josef, "dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Messias genannt wird". Und weil dessen Geburt der ganzen Welt Heil bringt, sind in der Krippe sowie über sie hinaus, rechts und links in der Halle Steine aus aller Welt verbaut. Von Chile bis Sibirien, USA bis Australien.

Echtheitssiegel von der NASA

Ein Stein aus dem Geburtshaus Johannes XXIII. ist ebenso dabei wie ein Gedenkstein für Pilger im Heiligen Jahr 1900 mit dem Siegel Papst Leos XIII. Steine vom Mont Blanc und Mount Everest sind dabei. Ja, sogar Meteoritensplitter vom Mond und vom Mars wurden dem Jesuskind bei den Müllmännern dargebracht - mit Echtheitssiegel von der NASA und einem Foto von der Übergabe.

Das Holz für die Stalltür ist Olivenholz aus Bethlehem, erklärt er weiter. Ob er selber schon einmal dort gewesen ist, in Bethlehem, das er in Rom so liebevoll nachgebaut hat? Nein, sagt er fast ein bisschen schüchtern, das sei ihm zu weit und zu gefährlich. Was die Zukunft der Krippe der Müllmänner betrifft, ist Giuseppe Ianni zuversichtlicher. Wer sein Werk einmal fortführt, wenn er nicht mehr kann, weiß er nicht. "Aber Gott wird dafür sorgen", sagt er. Und das klingt nicht so daher gesagt.

Die Heilige Familie, das Jesuskind mit Maria und Josef, in der Krippe der Straßenkehrer / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Die Heilige Familie, das Jesuskind mit Maria und Josef, in der Krippe der Straßenkehrer / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )
Ein Junge füllt einen Krug mit Wasser in der Krippe der Straßenkehrer / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Ein Junge füllt einen Krug mit Wasser in der Krippe der Straßenkehrer / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )
Ein Ausschnitt der Krippe der Straßenkehrer in Rom / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Ein Ausschnitt der Krippe der Straßenkehrer in Rom / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )
Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA