Die dramatische Wucht der Matthäuspassion rund um Verrat, Verhaftung und Kreuzigung von Jesus Christus fesselt bis heute und führt zu unzähligen Aufführungen in Kirchen und Konzertsälen.
Längst wird sie losgelöst von jedem kirchlichen Rahmen musiziert, doch eigentlich gehört sie wie die etwas kürzere Johannespassion von Bach in die Karwoche, genauer gesagt zum Karfreitag, für dessen Gottesdienste in Leipzig sie Johann Sebastian Bach als Thomaskantor komponierte. Überhaupt beinhaltet die Karwoche, die am Palmsonntag beginnt, zahllose Werke, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Diese Werke sind überwiegend für Chor geschrieben, meist a cappella, also ohne Instrumente, da in der katholischen Liturgie nach dem Gloria am Gründonnerstag Orgel und Glocken schweigen und auch sonstige Instrumente nicht erklingen – auch wenn dies in früheren Zeiten bisweilen anders gehandhabt wurde.
Bußpsalm im Gangsterfilm
Ein sehr berühmtes, bis heute legendäres Werk ist das "Miserere mei". Bis in den Actionfilm Face/Off mit Nicolas Cage und John Travolta hat es das Werk für zwei Chöre von Gregorio Allegri geschafft. Dabei vertonte der italienische Renaissance-Komponist mit dem Werk eigentlich einen von insgesamt sieben Bußpsalmen, die die Themen menschliche Schuld und Sühne, Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gott behandeln.
Die Bußpsalmen werden besonders in der Fastenzeit und eben der Karwoche im Stundengebet gebetet und wurden über Jahrhunderte zahllos vertont. Gregorio Allegri schuf mit seiner Vertonung ein Werk, das bis heute eine Art Sog-Wirkung auf die Zuhörer ausübt. Typisch ist der Wechsel zwischen einstimmigem Gesang und dem Einsatz von zwei Chören. Einer der beiden Chöre wird heutzutage meist im Kirchenraum etwas entfernter positioniert. Das Werk wurde ursprünglich für Rom und den Vatikan komponiert.
Mozart klaut dem Papst die Musik
Bis 1870 wurde das "Miserere mei" dort jeweils am Mittwoch und Freitag der Karwoche gesungen. Es wirkte auf die Hörenden so eindrucksvoll, dass im 18. Jahrhundert kaum ein Romreisender auf das Erlebnis dieser Gottesdienste verzichten wollte. Aber es wurde auch deshalb so berühmt, weil der Papst sorgfältig darauf achtete, dass es nur in Rom erklang. Das Abschreiben des Werkes soll sogar bei Strafe der Exkommunikation verboten gewesen sein. Der junge Wolfgang Amadeus Mozart konnte das Werk aber nach einmaligem Hören aus dem Gedächtnis abschreiben.
Kirchliche Folgen hatte das für den Komponisten nicht – eher ist anzunehmen, dass die neunstimmige Komposition ohne diese Gedächtnisleistung vielleicht sogar irgendwann verloren gegangen wäre. Denn vom eigentlichen Komponisten ist nicht viel bekannt. Er war Priester und Komponist und wurde 1582 in Rom geboren. In Erinnerung geblieben ist er nur durch das "Miserere mei". Dessen charakteristisches "hohes C" im Sopran des kleineren der beiden Chöre ist übrigens ein späterer Übertragungsfehler, der aber so beeindruckend klingt, dass heutzutage dennoch die "falsche" Version gesungen wird.
Neben den Bußpsalmen gibt es einige Texte, die besonders für die Karwoche vertont wurden. Die biblischen Klagelieder des Propheten Jeremia fassen die Erschütterung über die Zerstörung von Jerusalem und des Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus eindrucksvoll in die Sprache des Alten Testaments. Der Verfasser scheint unmittelbar unter dem Eindruck der Zerstörung zu stehen.
Diese Erschütterung haben ab dem 16. Jahrhundert Komponisten wie Giovanni Pierluigi da Palestrina, Carlo Gesualdo oder etwas später der Hamburger Komponist Matthias Weckmann eindrucksvoll vertont. Die Klagelieder verbinden den Schrecken über die Zerstörung mit der Aufforderung zur Buße und Umkehr zu Gott. Deswegen passen sie gut zum Charakter der Karwoche. Erschreckend aktuell klingt dabei bis heute eine Version von Rudolf Mauersberger "Wie liegt die Stadt so wüst" aus dem Jahr 1945.
Feuer vom Himmel
Der Leiter des Dresdner Kreuzchores erlebte die verheerende Zerstörung von Dresden am Ende des Zweiten Weltkrieges. Mehrere Chorsänger kamen bei den Bombardierungen ums Leben, die Kreuzkirche brannte aus, das Chorarchiv wurde vernichtet. Mauersberger fügte Ausschnitte aus den Klageliedern zu einer beeindruckenden Trauermotette zusammen, die im Sommer 1945 in der zerstörten Kreuzkirche uraufgeführt wurde. Bis heute wird dieses Chorwerk regelmäßig an vielen Kirchorten in der Karwoche gesungen, etwa auch im Kölner Dom.
Nicht nur die Musik, auch die Gottesdienste sind in der Karwoche besonders. Beginnend mit dem Palmsonntag, der an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert, bei dem der Sohn Gottes erst von den Menschen bejubelt ("Singt dem König Freudenpsalmen"), wenig später ans Kreuz gebrüllt wird.
Der Gründonnerstag erinnert an das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, während die Karfreitagsliturgie ab 15 Uhr den Tod Jesu Christi am Kreuz vergegenwärtigt.
Der Karsamstag ist vom Gedenken an Jesus im Grab geprägt und beinhaltet lediglich das Stundengebet und hat wie der Karfreitag keine Messfeier, ehe in der Osternacht dann die Auferstehung Jesu Christi freudig gefeiert wird.
Trauermetten mit archaischer Anmutung
Vorher gibt es mit den Trauermetten (die auch Tenebrae genannt werden) ganz spezielle, fast schon archaisch anmutende Gottesdienste, die sich in ihrer Fremdheit deutlich von sonstigen Gottesdienstformaten abheben. Am Kölner Dom beispielsweise gibt es die Trauermette am Gründonnerstag nach der Messe vom Letzten Abendmahl.
Der Ablauf der Trauermetten ist aber anders als bei Eucharistiefeiern oder Vespergottesdiensten. Dabei haben sich Uhrzeit und Form im Laufe der Jahrhunderte verändert. Sie sind Tagesgebetszeiten am Morgen oder Abend des Gründonnerstags, Karfreitags und Karsamstags.
Zentral sind längere Lesungen, vor allem aus den Psalmen, den Klageliedern des Propheten Jeremia und außerbiblischen geistlichen Texten. Ein besonderer Brauch ist, dass nach jeder Lesung eine von 13 oder 15 Kerzen auf einem sogenannten Tenebrae-Leuchter gelöscht wird. Am Ende der Mette brennt traditionell dann nur noch eine Kerze, die an Jesus erinnert. Musikalisch wurden und werden einige der Psalmen und vor allem der Klagelieder gesungen und entsprechend mehrstimmig vertont. Der spanische Renaissance-Komponist Tomás Luis de Victoria schuf diesbezüglich den umfassendsten Zyklus, der auch heute noch in Auszügen zum Beispiel im Kölner Dom bei der Trauermette am Gründonnerstag gesungen wird.
Kreuzweg und Karfreitagsliturgie
Bei der Messe vom Letzen Abendmahl mit der Fußwaschung sind Chormotetten mit dem Text "Ubi caritas est" von Maurice Duruflé oder von Morten Lauridsen aus dem 20. Jahrhundert so etwas wie "Klassiker", die von Chören an vielen Kirchorten gesungen werden.
Die Karfreitagsliturgie um 15 Uhr wird durch das Lesen oder eben Singen der Passion nach dem Evangelisten Johannes geprägt, meist durch Kirchenlieder wie "O Haupt voll Blut und Wunden" unterbrochen. In der katholischen Liturgie erklingt nicht die den zeitlichen und liturgischen Rahmen sprengende Johannespassion von Johann Sebastian Bach, sondern an vielen Kathedralen deutlich kürzere A-cappella-Vertonungen, etwa von Hermann Schroeder, Wolfram Menschick oder Oliver Sperling.
Dazu kommen eindrucksvolle Motetten, die den Kreuzestod Jesu als Hingabe für die Menschen thematisieren, etwa das expressive "Christus factus est" von Anton Bruckner, das eindringliche "Adoramus te, Christe" von Claudio Monteverdi oder von Giovanni Pierluigi da Palestrina das Werk "O crux ave".
Mehrere Chorwerke vergegenwärtigen den Todesmoment auf besonders beeindruckende Weise, etwa die Motette "Eli, Eli!" von Georgius Bárdos oder "Tenebrae factae sunt" von Carlos Gesualdo. Jedes Jahr immer wieder eindringlich sind die so genannten Heilandsklagen, die unter der Nummer 300 im Gotteslob stehen und auch für Chor mehrfach vertont wurden und zur Kreuzverehrung während der Karfreitagsliturgie gesungen werden.
Doch ob umfangreich besetzte Matthäuspassion für Doppelchor und Orchester, einstimmiger liturgischer Gesang ("Ecce lignum crucis") oder ein Gemeindelied zur Kreuzverehrung am Karfreitag: Die geistlichen Werke in der Karwoche gehören mit zu dem eindrucksvollsten, was es an christlicher Musik überhaupt gibt.