Der Katholikentag blickt in den Abgrund des Bösen

Russlands Krieg zeigt das Dilemma des Pazifismus

Der Slogan "Frieden schaffen ohne Waffen" war bei Katholiken- und Kirchentagen der letzten drei Jahrzehnte fast ein Grundkonsens. Doch angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine hat sich der Wind gedreht.

Demonstranten mit vielen Plakaten bei einer Friedensdemonstration auf dem Katholikentag / © Julia Steinbrecht (KNA)
Demonstranten mit vielen Plakaten bei einer Friedensdemonstration auf dem Katholikentag / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Der katholische Bischof Stefan Sus aus Kiew erzählt vom Horror der russischen Besatzung in einem Dorf im Norden der Ukraine, das er unlängst besucht hat. Er berichtet von Einkerkerung, Raub und Vergewaltigungen und von den traumatisierten Menschen nach der mehrwöchigen Besatzung. Rund hundert Menschen lauschen gebannt und schweigen betroffen. Am Ende sagt der Bischof: "Man kann mit dem Bösen keinen Dialog führen, man muss es vernichten. Andernfalls wird dieses Böse bald auch zu Ihnen kommen!"

Russlands Krieg ändert radikal

Man muss Jahrzehnte zurückgehen, um einen Katholikentag zu finden, bei dem ein Redner für einen solchen Satz mehrheitlich Applaus bekam. In den frühen 1970er Jahren, als die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer frisch in Erinnerung war, konnten CDU-Politiker mit einer vergleichbaren Aufrüstungs-Rhetorik des Kalten Krieges noch viele der damaligen Katholikentagsteilnehmer begeistern. Doch spätestens ab den 1980er Jahren gaben Pazifisten zuerst auf den Kirchen- und dann auch auf den Katholikentagen den Ton an. Die junge Partei der Grünen warb mit dem Slogan der Gewaltfreiheit. Und den Wehrdienst zu verweigern, war unter engagierten Katholiken und Protestanten der Normalfall.

 (DR)

Mit dem Angriff von Putins Russland auf die Ukraine hat sich auch unter Christen vieles radikal geändert. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verkündete "Zeitenwende" war deshalb auch beim Katholikentag mit Händen zu greifen. Bei der Diskussion mit Bischof Sus spitzte der langjährige ukrainische Caritas-Direktor Andrij Waskowycz die neue Realität mit wenigen Worten zu: "Das beste Mittel, um die schreckliche humanitäre Krise in der Ukraine zu bekämpfen, sind erstens Waffen, zweitens Waffen und drittens Waffen."

Bischof Bohdan Dzyurakh von den katholischen Ukrainern des byzantinischen Ritus in Deutschland lenkte hingegen den Blick auf die Zeit nach dem Krieg. Kirche müsse für Versöhnung arbeiten, "damit die Herzen nicht von Hass und Rachegefühlen überwältigt werden". Deshalb versuchten die Geistlichen, die Menschen mit Gebet und Trost zu begleiten: "Wir bringen ihre Tränen im Gebet vor Gott." Und er sprach davon, dass ein künftiger Frieden im Osten Europas von einer Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern abhängen werde - so wie der Friede im Europa des 20. Jahrhunderts von der Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen abhing.

Bischof Kohlgraf warnt vor übereilten Schlüssen

Die langjährige Europaabgeordnete Rebecca Harms (Grüne) warnte bei derselben Veranstaltung vor zu frühen und zu weitgehenden Friedenskompromiss-Angeboten an die Adresse Putins. Man brauche diesmal härtere Lösungen als beim gescheiterten Minsker Abkommen von 2014. Bei zu frühen Kompromissen werde der Krieg in einigen Jahren neu aufflammen. Dass eine Grünen-Politikerin bei einem Katholikentag dafür plädiert, Russland mit aller Härte entgegenzutreten, wäre bis vor kurzem kaum denkbar gewesen.

Bischof Peter Kohlgraf

"Es kann nicht angehen, dass plötzlich Menschen, die für eine pazifistische Linie stehen, als fünfte Kolonne Moskaus dastehen."

Bischof Peter Kohlgraf / © Bert Bostelmann (KNA)
Bischof Peter Kohlgraf / © Bert Bostelmann ( KNA )

Ihre pazifistische Grundhaltung nicht so schnell aufgeben will die katholische Friedensbewegung Pax Christi. Ihr Präsident, der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, warnt die Politik vor übereilten Schlüssen, ohne auch kritische Stimmen zu hören: "Es kann nicht angehen, dass plötzlich Menschen, die für eine pazifistische Linie stehen, als fünfte Kolonne Moskaus dastehen."

Zugleich beschreibt er aber auch das kaum zu lösende Dilemma und fordert eine Neuausrichtung der christlichen Friedensethik. Denn Situationen wie der aktuelle Angriffskrieg Russlands seien in den meisten bisherigen friedensethischen Theorien, Büchern und Debatten nicht wirklich vorgesehen.

Zeitenwende und ein Gefühl von Ausweglosigkeit also auch hier. Bei einer deutsch-ukrainischen "Friedenskundgebung" am Schlossgarten brachte die Vorsitzende des katholischen Laiendachverbands ZdK, Irme Stetter-Karp, die Sache auf den Punkt, als sie davon sprach, dass Christen angesichts des russischen Angriffskrieges seit dem 24. Februar ihre Friedenshoffnungen hinterfragen und neu begründen müssten. Und dann sagte sie mit tränenerstickter Stimme zu den auf der Bühne sitzenden ukrainischen Frauen: "Wir teilen Ihre Verzweiflung, wir teilen Ihre Trauer über die Toten und Verwundeten."

Anschließend erhoben sich Hunderte Menschen zu einer Schweigeminute, und dann sang ein Chor: "Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir." Mehrere ukrainische Frauen berichteten von ihren schrecklichen Kriegserfahrungen und warben unter großem Applaus ebenfalls für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine, damit sich diese Gräuel nicht wiederholen. Das Ganze mündete in ein vom Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst vorgetragenes Friedensgebet.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel und Gottfried Bohl
Quelle:
KNA