Wenn Cay Rademacher Nazareth beschreibt – den Ort, an dem Jesus Christus laut biblischer Erzählung aufgewachsen ist –, wird man mitten in dieses Dorf- und Familienleben hinein entführt. Überhaupt sind die plastischen Beschreibungen Rademachers von Orten, Personen und Zeiten dazu geeignet, Lesende in die damalige Welt hineinzuziehen. Doch beginnt die Biografie nicht chronologisch – also mit der Geburt oder der Familiengeschichte Jesu –, sondern dramatisch: "Pontius Pilatus will kein Risiko eingehen. Die Lage in Jerusalem ist angespannt."
Diese Dramatik zieht sich durch und wechselt ab mit wissenschaftlichen Zugangsversuchen unterschiedlicher Disziplinen - von der Physik über die Archäologie, die Bibelwissenschaft und Geschichte. Sie alle können helfen, den "geheimnisvollen Mann aus Galiläa" näher zu beleuchten. Wer etwa wissen will, in welcher Jahreszeit Jesus tatsächlich geboren ist, wie kurz und nüchtern die Kreuzigung abgehalten wurde oder was überhaupt erst zu Jesu Verhaftung führte, der kommt auf seine Kosten.
Neue theologische Erkenntnisse werden hier nicht vorgestellt, aber das ist auch nicht der Anspruch des Buchs. Schließlich führt Rademacher die Lesenden zum Phänomen der Auferstehung hin und bespricht diesbezüglich einige Anfragen, aber auch Plausibilitäten.
Kontrast zwischen Rom und Nazareth
Diese besondere Perspektive zielt auf den Kontext, in dem sich die Geschichte Jesu zugetragen hat - zeitlich, örtlich und kulturell. Rom wird als Stadt ohne Religion beschrieben. Und das, obwohl überall im Reich Tempel für die verschiedenen römischen Götter errichtet werden.
Aber all das ist nur Fassade, politisch motiviert. In der konkreten Beschreibung der Lebensverhältnisse im Römischen Reich spart Rademacher nicht einmal an der Beschreibung von Latrinen und deren Eintrittsgebühren.
Nazareth wird dagegen als Weiler von Bauern und Handwerkern beschrieben, abseits des Geschehens der Zeit und der Handelswege, etwa der zehn Kilometer entfernten Via Maris. Staubige Wege, nicht eine Straße oder ein Platz sind in Nazareth gepflastert. Jesus selbst lebt und arbeitet dort als Baumeister. Genau dadurch werden die Menschen dieser Zeit und vor allem auch Jesus selbst nahbar – man kann sich an ihm stoßen, ihm als Mensch unter Menschen nahekommen.
Die Bibel wird zum Krimi
Mitunter liest sich das Buch wie ein Politkrimi. Das ist vor allem dann der Fall, wenn aus der Bibel bekannte Figuren wie Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas auftreten. Die im Evangelium beschriebene Tempelreinigung wird als Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse um Jesus in Jerusalem identifiziert. Hier wird die Macht des Hohepriesters angegriffen: "Ohne Händler keine Opfer. Ohne Opfer kein Kult".
Ohne diese Tempelreinigung wäre die Lehre Jesu, so radikal sie war, womöglich dem Vergessen anheimgefallen, mutmaßt Rademacher. Der Autor hält fest: "Das Wort und die Welt Jesu: Es ist die Beschreibung einer ungewöhnlichen Zeit, eines außerordentlichen Lebens, einer ebenso tröstlichen wie beunruhigenden Lehre."
Spannend für Suchende und Überzeugte
Die Spannung des Buches rührt auch daher, dass sich aus dem Buch gleichermaßen etwas völlig anderes herauslesen lässt: eine Zeit wie viele andere Zeiten auch, ein gewöhnliches Leben mit einigen Skurrilitäten und einer dramatischen Wendung, einer tröstlichen Lehre für die Armen und Aussätzigen, immerhin beunruhigend für alle.
Das Buch ist für alle interessant, die sich in packende Geschichten aus römischer Zeit hineinziehen lassen, immer wieder einmal zurücktreten und beobachten wollen und sich am Schluss mit der Frage konfrontiert sehen: Glaube ich das? So kann das Buch sowohl als Grundlage für spannungsreiche Gespräche dienen als auch als Handbuch für Betrachtungen des Lebens Jesu im Exerzitienformat.