Seminaristen über ihren Berufungsweg

"Das hat mir das Herz gebrochen"

Sein Leben Gott weihen und dafür auf Partnerschaft und Familie verzichten – das mutet in einer säkularen Welt wie aus der Zeit gefallen an. Die Theologiestudenten des Bonner Priesterseminars Redemptoris Mater sehen aber genau darin ihr Lebensglück.

Der Italiener Tommaso Berselli studiert im 4. Semester Theologie / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Italiener Tommaso Berselli studiert im 4. Semester Theologie / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Es hätte nicht viel gefehlt und Samuel Jacobs wäre heute beim Katastrophenschutz in der Gefahrenabwehr tätig. Ein Freies Soziales Jahr bei den Johannitern, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, war für den damals 18-Jährigen nach dem Abitur jedenfalls zunächst genau das Richtige. Die Vorstellung, eines Tages als Priester glücklich werden zu können und den Wunsch nach einer eigenen Familie gegen das Zölibatsversprechen einzutauschen, dagegen eher weit weg. Doch an dem Tag, an dem die Zulassung für den Bachelor-Studiengang an der TH Hamburg in seinem Briefkasten liegt, tritt er ins Priesterseminar Redemptoris Mater in Bonn ein.

Ein Aufenthalt in Südafrika über die geistliche Gemeinschaft "Neokatechumenaler Weg", der seine Familie angehört, hat alles verändert. "Sieben Monate lang habe ich einen Priester und ein Ehepaar bei deren pastoraler Arbeit in Städten wie Pretoria und Kapstadt unterstützt. Was ich dabei erlebt habe – auch in den Townships – hat mich nicht mehr losgelassen. Heute weiß ich, dass das die Initialzündung für einen Weg war, der mich plötzlich in eine ganz andere Richtung geführt hat. Nach langem Suchen habe ich eine Antwort auf die Fragen gefunden: Was will Gott von mir? Und was will ich vom Leben? Worin finde ich meine Erfüllung?"

Vor allem aber, so schildert der heute 25-jährige Student rückblickend, habe er bei dem Missionspraktikum erfahren, dass Gott existiert, dass dieser Gott ein guter Gott ist und daher auch für ihn nur das Beste will. "Vielleicht musste ich erst auf mich selbst zurückgeworfen werden – fernab von zuhause in dieser fremden Umgebung, in der ich niemanden kannte – um zu spüren, dass Gott eigentlich überall die Menschen berührt. Diese Erfahrung brachte die Wende. Nun will ich sein Angebot an mich ausprobieren, diesem Ruf folgen und bewusst 'Ja' dazu sagen."

Seit Corona eine noch engere Vita communis im Seminar

Seit knapp fünf Jahren lebt der gebürtige Düsseldorfer nun bereits im "Redemptoris Mater", dem Erzbischöflichen Missionarischen Priesterseminar in Bonn-Endenich. Ein bisschen sei das Leben hier wie in einem Internat – mit durchgetakteten Zeiten, erklärt er lachend. Um 6.15 Uhr geht der Wecker. In diesem Fall eine Glocke, die zur Laudes ruft. Schließlich leben die Seminaristen in einem ehemaligen und malerisch gelegenen Benediktinerinnenkloster hoch über Bonn. Nach dem Frühstück übernehmen die Seminaristen den Küchendienst – Tisch abdecken und Spülen – selbst. Auf diese Weise sollen sie alltagstauglich werden und nebenbei hauswirtschaftliche Tätigkeiten erlernen. Das hilft dabei, eines Tages auch alleine zurecht zu kommen. Und es erdet. Denn schon an diesen kleinen Dingen lässt sich ablesen, dass es von nun an um einen Dienst geht. Außerdem verfügt das Seminar, das weitgehend von Spenden lebt, nur über wenige Angestellte. Vieles nehmen die Seminaristen daher sprichwörtlich selbst in die Hand. Fürs Kochen und Waschen, für die Verwaltung oder Hausleitung, den IT-Bereich, Renovierungen oder den Pfortendienst gibt es ansonsten ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die sich bereitwillig um die jungen Leute kümmern.

Was eine enorme Entlastung ist. Denn über den Tag verteilt nehmen diese dann an den Vorlesungen und Seminaren der Theologischen Fakultät in Bonn oder der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) teil. In Coronazeiten natürlich nur online – versteht sich. Auch die Übungen mit einem Gesangslehrer für die Liturgie oder Sprecherziehung finden zurzeit ausschließlich am Bildschirm statt. Das war vor einem Jahr, als Corona zum Homestudying zwang, für alle eine ziemliche Umstellung. Seitdem ist das Zusammenleben, die Vita communis, noch sehr viel konzentrierter – um nicht zu sagen – enger geworden. Studium und geistliches Leben mit verpflichtenden Gebetszeiten dreimal täglich finden nun an ein und demselben Ort statt. Trotzdem biete das große Areal – draußen wie drinnen – viele Möglichkeiten zum Ausgleich – auch in sportlicher Hinsicht, erzählt Jacobs. Fußball, Laufen oder Trainieren in einem kleinen Fitnessraum gehörten genauso zur Freizeitgestaltung wie der Kicker oder die Playstation im Aufenthaltsraum.

Lebensentscheidende Weichenstellung in Porto San Giorgio

Und dann fahre ja auch jeder zweimal in der Woche zu seiner kleinen Gemeinschaft, einer Art zweiten Familie, die sich aus Menschen ganz unterschiedlicher Lebenssituationen zusammensetzt: aus jungen Familien, Alleinstehenden, Priestern und Studenten. In dieser festen Gruppe die Sonntagseucharistie zu feiern oder sich an einem Werktag abends mit der Bibel zu befassen sind wesentliche Bestandteile des Neokatechumenalen Weges. Der im Übrigen nichts anderes als ein Werkzeug zum Aufbau von Gemeinde sei oder zu ihrer Stärkung beitrage, wie Samuel Jacobs dazu erklärt. "Hier geht es ganz praktisch darum, christlich zu leben – ganz nah am Evangelium. Hier werden die Worte der Schrift für mich lebendig, und ich erlebe, dass sie kein Hirngespinst sind, sondern mein Glaube in der Auseinandersetzung mit ihnen an Tiefe gewinnt, weil ich sie auf ihre Relevanz für mein Leben hin überprüfe." Im Kern gehe es bei diesen Treffen darum, das eigene Glaubensleben in allen seinen Höhen und Tiefen mit anderen zu teilen und so Christus als lebendig zu erfahren.

Dieser Aspekt spielt auch in Porto San Giorgio, einem kleinen Ort an der italienischen Adriaküste, wo das Neokatechumenat ein Zentrum unterhält, eine große Rolle. Hier treffen sich einmal im Jahr potenzielle Seminaristen und angehende Priester zu Exerzitien, bei denen oft lebensentscheidende Weichen gestellt werden. Zumal hier bestimmt wird, welcher Kandidat in welches Seminar auf welchen Kontinent ausgesandt wird. "Alle Namen kommen in einen Topf, dann wird gelost", erzählt Jacobs. "Es ist natürlich super spannend zu erleben, wenn jemand manchmal für Monate oder auch Jahre nach Israel, Guatemala oder Peru geht. Wird er dort dann auch geweiht, bindet er sich sogar ein Leben lang an dieses Land."

Vielfalt an Persönlichkeiten ausdrücklich erwünscht

Auch wenn zurzeit pandemiebedingt der Bewegungsradius im Redemptoris Mater so groß nicht ist – jedenfalls nicht wie zu normalen Zeiten, in denen es angesichts der vielen unterschiedlichen Temperamente im Seminar auch schon mal wie in einem Bienenschwarm zugehen kann, fühle sich niemand wirklich eingeengt. "Bei uns gibt es keinerlei Zwang", betont der Theologiestudent. "Im Gegenteil. Das Seminar ist für mich ein Ort, an dem ich mich absolut frei fühle. Das Angebot vom Regens, jederzeit ein Ticket nach Hause lösen zu können, wenn jemand spürt, dass das Seminarleben doch nichts für ihn ist, gilt." Seminaristen kämen und gingen. Jeder könne hier für sich in aller Ruhe herauszufinden, welcher dauerhaft der richtige Weg für ihn sei, und diesen für sich individuell gestalten.

"Das Coole ist, niemand wird in eine Form gepresst, wie ein zukünftiger Priester zu sein hat. Quadratisch, praktisch, gut gibt es hier nicht. Wir werden mit unseren Stärken und Schwächen respektiert." Außerdem spiele immer auch ein Stück der eigenen Kultur mit hinein in diese selbst gewählte Lebensgemeinschaft: egal ob jemand aus Tansania, Ecuador, Spanien, Polen oder Bolivien komme. "Diese Vielfalt an Persönlichkeiten ist belebend und ausdrücklich gewünscht. Wenn ich eines Tages Priester werde, werde ich das als Samuel Jacobs – und nicht nach den Vorstellungen anderer."

Glaubensvertiefung erfolgt in neokatechumenaler Gemeinschaft

Das Prinzip einer bedingungslosen Freiwilligkeit ohne Druck, selbst wenn jeder schon eine starke religiöse Prägung durch die Zugehörigkeit zum neokatechumenalen Weg von daheim mitbringt, bestätigt auch Tommaso Berselli. Der 20-jährige Italiener stammt wie Jacobs aus einer Familie mit fünf Kindern, ist von klein an in dieser geistlichen Bewegung aufgewachsen und studiert jetzt im 4. Semester Theologie. "Der Freiheitsaspekt dieses Seminars hat mich von Anfang an positiv beeindruckt. Hier muss ich mich hinter keiner Maske verstecken oder verstellen, sondern werde akzeptiert, wie ich bin, und lerne mich selbst auch immer noch besser kennen." Das sei eine ganz tolle Erfahrung und schaffe eine große Weite. "Das Seminar ist ein Ort der Ruhe und der Stille, aber auch des geordneten Chaos in einer froh machenden Gemeinschaft. Hier gibt es eine ganz eigene Schönheit zu entdecken", stellt Berselli strahlend fest.

"Es geht um einen Prozess, in dessen Zentrum die Vertiefung des Glaubens steht", sagt der junge Mann über seinen Eintritt ins Redemptoris Mater im Oktober 2019. "Das geschieht zunächst einmal vor allem in meiner neokatechumenalen Gemeinschaft in Köln, aber auch dadurch, dass mein Glaube durch die Arbeit an der Uni nun Struktur annimmt." Gefremdelt mit seinem Studium an der KHKT in Köln und der großen Distanz zu Trient, woher er stammt, hat er zu keinem Zeitpunkt. Seine Mutter ist Deutschlehrerin, auch eine deutsche Schule hat er vorübergehend mal besucht. Die deutsche Kultur ist ihm daher vertraut. Die Sprache spricht er fließend, so dass er auch nicht – wie die vielen Kommilitonen aus dem europäischen Ausland oder entlegenen Kontinenten – erst einmal an der Uni das Sprachlevel C1 erreichen muss oder Zeit für eine Art Akklimatisierung benötigte.

Erfahrung des Angenommenwerdens

Freimütig spricht er davon, dass er schon als Kind von der Eucharistie, aber auch von der Kirche insgesamt fasziniert gewesen sei. "Das war immer schon etwas, was mich angezogen hat." Und schon früh die Frage aufgeworfen habe: Was wäre eigentlich, wenn ich nicht heirate, einen ganz anderen Weg einschlage? Als einschneidendes Erlebnis bewertet Berselli den Weltjugendtag in Krakau, das Erleben so vieler Gleichaltriger und die Begegnung mit Papst Franziskus. "Eigentlich war das damals das Alter, in dem ich ausschließlich Party machen und von Kirche nichts hören wollte. Mit 15 hatte ich Probleme der Selbstakzeptanz, habe mich gleichzeitig aber nach Freundschaften und Liebe gesehnt und mit einem Mal erfahren, dass ich in dieser Gemeinschaft nicht ausgegrenzt, sondern angenommen werde."

Der Satz, dass Gott ihn liebt, habe ihn dann mit einem Mal ganz unvermittelt getroffen. "Das hat mir das Herz gebrochen. Und da habe ich dann gewusst, dass die Entscheidung steht, ich zukünftig Gott dienen und von meinem Glauben auch anderen erzählen will."

Beatrice Tomasetti 

Die langen Gänge und die Spitzbogengewölbe sind typisch für einen Klosterbau / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die langen Gänge und die Spitzbogengewölbe sind typisch für einen Klosterbau / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Samuel Jacobs im Gespräch mit Daniel Florentino Barbosa aus Brasilien / © Beatrice Tomasetti (DR)
Samuel Jacobs im Gespräch mit Daniel Florentino Barbosa aus Brasilien / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Ein Ort der Einkehr: die Hauskapelle im Redemptoris Mater / © Beatrice Tomasetti (DR)
Ein Ort der Einkehr: die Hauskapelle im Redemptoris Mater / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Das Redemptoris Mater steht für Internationalität: Javier Cenoz Larrea kommt aus Pamplona, Tommaso Berselli aus Trient / © Beatrice Tomasetti (DR)
Das Redemptoris Mater steht für Internationalität: Javier Cenoz Larrea kommt aus Pamplona, Tommaso Berselli aus Trient / © Beatrice Tomasetti ( DR )
In ihrer Freizeit kümmern sich die Seminaristen um den weitläufigen Garten des Seminars / © Redemptoris Mater (DR)
In ihrer Freizeit kümmern sich die Seminaristen um den weitläufigen Garten des Seminars / © Redemptoris Mater ( DR )
Samuel Jacobs öffnet den Tabernakel in der Sakramentskapelle / © Beatrice Tomasetti (DR)
Samuel Jacobs öffnet den Tabernakel in der Sakramentskapelle / © Beatrice Tomasetti ( DR )
In die Bibliothek ziehen sich die Seminaristen zum Studium zurück / © Redemptoris Mater (DR)
In die Bibliothek ziehen sich die Seminaristen zum Studium zurück / © Redemptoris Mater ( DR )
Mangels Personal haben die Seminaristen bei den Umbauarbeiten selbst mit Hand angelegt / © Redemptoris Mater    (DR)
Mangels Personal haben die Seminaristen bei den Umbauarbeiten selbst mit Hand angelegt / © Redemptoris Mater ( DR )
Die "Vita communis" wird im Redemptoris Mater groß geschrieben / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die "Vita communis" wird im Redemptoris Mater groß geschrieben / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR
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