Journalist über das Phänomen der Autobahnkirchen

"Das gibt es tatsächlich nur in Deutschland"

Autobahnkirchen sind ein deutsches Phänomen, sagt Autor und Journalist Ulli Tückmantel, der ein Buch über Autobahnkirchen geschrieben hat. Inzwischen gibt es in Deutschland 44 solcher Autobahnkirchen, die 45. ist in Planung.

Hinweisschild Autobahnkirche / © Jens Wolf (dpa)
Hinweisschild Autobahnkirche / © Jens Wolf ( dpa )

DOMRADIO.DE: Gibt es wirklich keine Autobahnenkirchen in anderen Ländern?

Ulli Tückmantel (Journalist und Autor): Na ja, es gibt so was Ähnliches. Es gibt eine echte Autobahnkirche in Italien. Das ist San Giovanni Battista. Die ist im Autobahnkreuz Florenz. Die Kirche ist den Arbeitern gewidmet, die beim Bau der Autobahn ums Leben gekommen sind, das war so eine der ersten Kirchen, die so einen Autobahnbezug hatte.

Dann gibt es in der Schweiz einen Andachtsraum in der Nähe des Gotthard-Tunnels, wo überlegt wird: Soll man das machen oder nicht? Aber dieses Phänomen Autobahnkirchen, also mehr oder weniger flächendeckend als Teil der Autobahninfrastruktur, wie Tankanlagen und Rasthof, das gibt es tatsächlich nur in Deutschland. Es ist nicht nur in Europa einzigartig, sondern das gibt es weltweit nirgendwo – nur in Deutschland.

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Idee, warum das so weit verbreitet ist in Deutschland?

Tückmantel: Das sind in Deutschland vor allem lokale Phänomene. 1958 fing es in Adelsried an: Am Anfang war es ein Stifter, ein Fabrikant aus der Nähe von Augsburg, der sich an diesen Wegekapellen orientiert hatte, die wir ja seit dem Mittelalter kennen. Die sind ja nun wirklich kein neues Phänomen. Diese Autobahnkirche sollte dann eigentlich nur Reisenden am Sonntag den Gottesdienstbesuch ermöglichen. Da mussten sie dann auch erst lernen, dass es ein Bedürfnis danach gibt, diese Kirche ständig besuchen zu können. Die war eigentlich wirklich nur dafür gedacht, sonntags einen Gottesdienst für die Reisenden von der Autobahn zu machen – und fertig.

Dann zu sagen: Nein, die mache ich jetzt aber an allen Tagen der Woche auf, und ich brauche auch gar nicht eine Messe zu haben, und es muss auch gar kein Priester anwesend sein – das war ein Lernprozess. Nach 1958 ging es dann erst mal dann recht schnell, und dann passierte länger nichts, und dann kam so ein kleiner Boom. 1959 hat dann die erste protestantische Kirche als Autobahnkirche eröffnet. Das war aber schon eine Bestandskirche, der man eine Funktionserweiterung als Autobahnkirche gegeben hatte. Dann dauerte das, und dann wurde es dann irgendwann sehr modern. Dann habe ich mal nachgezählt und kam dann auf 44 Kirchen.

DOMRADIO.DE: Es sind ja vor allem Vereine, Gemeinden, Bistümer, die sich engagieren für Autobahnkirchen. Warum ist das gerade für kleine Gemeinden eine wirklich große Herausforderung?

Tückmantel: Sie können das zum Beispiel sehen, wenn Sie mal das Beispiel nehmen einer Autobahnkirche, wo wahrscheinlich viele vorbei kommen, weil die Autobahn so befahren ist, nämlich die A3. Da gibt es die Autobahnkirche Medenbach vorm Frankfurter Kreuz. Dafür ist die kleine evangelische Gemeinde in Medenbach zuständig. Die Gemeinde ist aber so klein, dass die es nicht mehr schaffen, mit Hauptamtlichen schon mal gar nicht – noch nicht mal mehr mit Ehrenamtlichen schaffen, ihr Pfarrbüro kontinuierlich geöffnet zu halten.

Und jetzt soll sich so eine Gemeinde um eine Autobahnkirche kümmern, von der sie als Gemeinde nichts hat. Das ist immer der Knackpunkt: Schaffen Sie es als Gemeinde, wenn mal die Gründungsphase vorbei ist und die Menschen dann auch älter werden, die Autobahnkirche oder Kapelle (manchmal sind sie auch kleiner) in das Gemeindeleben einzubinden? Eigentlich passt die Idee der Autobahnkirche ja überhaupt nicht in den Territorialbegriff der Gemeinde rein. Das kriegen sie entweder hin, oder sie kriegen Probleme. 

Zudem passt die Autobahnkirche ja auch eigentlich nicht zur sonstigen Diskussion, die wir in den Kirchen und Gemeinden in Deutschland haben, wo man überlegt, wie man sich verkleinern kann. Und dann haben Sie da diese Autobahnkirche, um die Sie sich kümmern müssen. Das kann für die eine oder andere Gemeinde tatsächlich zu einer Herausforderung werden, wo man dann Jahrzehnte später sagt: Na ja, das war vielleicht vor 30 Jahren eine gute Idee. Aber ob wir das heute noch mal machen würden, wissen wir gar nicht so genau.

DOMRADIO.DE: Die 45. Autobahnkirche wird gerade gebaut. Eine andere wird wohl, soweit ich weiß, bald abgerissen. Infrastrukturen verändern sich. Haben denn Autobahnenkirchen ihrer Meinung nach Zukunft?

Tückmantel: Das ist eine gute Frage. Wir sind gerade dabei zu erleben, wie Geschichte sich ereignet. Da zu sagen: Wie wird die ausgehen, das ist schwierig. Was erst mal auffällig ist: Es ist ein extrem lokales und lokalisiertes Phänomen. Es gibt zwar so eine Konferenz der Autobahnkirchen, aber es gibt ja nicht wirklich so einen funktionalen Zusammenschluss, der auch in irgendeiner Form schlagkräftig wäre – noch nicht einmal kommunikativ. Die sind da wirklich sehr vereinzelt.

Das finde ich deshalb so spannend, weil wir hier von einer Million Besuchern in diesen Autobahnkirchen pro Jahr reden. Und wenn Sie mal angucken, für was wir alles Spezialseelsorgen haben, dann finde ich das schon erstaunlich, das es das ausgerechnet für Autobahnkirchen nicht gibt. Meine These wäre, wenn da die beiden großen Kirchen nicht zentralisierter drauf gucken und sich mal überlegen, wie man das unterstützen kann, dann lassen sie da eine Chance an sich vorbeifahren.

Die eine oder andere Gemeinde wird das nicht schaffen. Eine wir vermutlich abgerissen: Das ist die Autobahnkapelle Geismühle an der A57 in Krefeld. Ob die aber wirklich abgerissen wird, müssen die Gemeinden entscheiden. Die hat aber wegen der Verbreiterung der Autobahn demnächst keine Funktion mehr. Sie verliert Ihre Funktion, und sie ist auf dem Landwege praktisch nicht erreichbar und nicht einbindbar. Das könnte ich mir schon vorstellen, dass es dann auch sinnvoll ist, so ein Gebäude niederzulegen, weil ansonsten passieren da üble Dinge mit. Nun ist aber spannend, was passiert, wenn diese Rastanlage neu gebaut wird. Da wäre auch ein Bauplatz schon vorgesehen für eine neue Autobahnkapelle.

Da ist jetzt die Frage: Tun sich die beiden Gemeinden, die katholische und die evangelische, das an dieser Stelle an? Wollen die dieses Abenteuer noch mal eingehen? Sagen die: Ja, das kriegen wir hin, oder oder oder lassen sie es an der Stelle? Man muss ganz klar sagen: Das ist auch eine Chance für eine Gemeinde. Deshalb sind zum Beispiel in den neuen Bundesländern seit der Wende überhaupt zwei neue Kapellen gebaut worden. Das andere sind Funktionserweiterungen von Bestandskirchen, wo man gesagt hat: Wir nutzen diese Chance.

Ich glaube, einfach zu sagen, "ich mache eine Autobahnkirche" und nicht darüber nachzudenken, was sie damit tun, funktioniert nicht. Gute Chancen haben Kirchen, die tatsächlich diese Funktionserweiterungen haben, die aber Teil einer Gemeindekirche sind. Die können dann auch überlegen: Ich muss das ja nicht nur für Autofahrer machen. Inzwischen gibt es zum Beispiel auch Radwanderkirchen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Auotbahnkirche: Dem Stress und der Hektik auf der Autobahn entfliehen (KNA)
Auotbahnkirche: Dem Stress und der Hektik auf der Autobahn entfliehen / ( KNA )
 Autobahnkirche Siegerland an der A45 bei Wilnsdorf (KNA)
Autobahnkirche Siegerland an der A45 bei Wilnsdorf / ( KNA )
 Autobahnkirche Siegerland an der A45 bei Wilnsdorf (KNA)
Autobahnkirche Siegerland an der A45 bei Wilnsdorf / ( KNA )
Autobahnkirche Medenbach an der A3 bei Wiesbaden (epd)
Autobahnkirche Medenbach an der A3 bei Wiesbaden / ( epd )
Quelle:
DR