Kardinal Woelki fordert Verschärfung des Kirchenrechts

Damit nicht "ganze Akten hinter den Schrank fallen"

Nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln gesteht Kardinal Woelki ein, im Umgang mit Missbrauchsfällen Schuld auf sich geladen zu haben. Beim Kirchenrecht möchte er derweil Änderungen anstoßen.

Rainer Maria Kardinal Woelki / © Oliver Berg (dpa)
Rainer Maria Kardinal Woelki / © Oliver Berg ( dpa )

"Die moralische Verantwortung einfach mitnehmen und gehen zum Schutz des Ansehens von Bischofsamt und Kirche - das ist mir zu einfach. Und in meinen Augen ist es auch falsch", sagte der Erzbischof am Dienstag in Köln: "So ein Rücktritt wäre nur ein Symbol, das nur für eine kurze Zeit hält." Er könne es nur aus seinem Amt heraus besser machen. "Ich werde in Zukunft alles dafür tun, dass möglichst keine Fehler mehr passieren können."

Schuld auf sich geladen

Woelki gestand ein, im Umgang mit Missbrauchsfällen Schuld auf sich geladen zu haben. Zwar wisse er durch das Gutachten, dass er etwa im Fall des beschuldigten Priesters O. pflichtgemäß und rechtssicher gehandelt habe. "Aber es geht nicht nur darum, das Richtige zu tun, sondern alles Menschenmögliche zu tun. Und das habe ich nicht getan." Es wäre besser gewesen, wenn er denn Fall nach Rom gemeldet hätte.

Auch in einem weiteren Fall hätte er einen beschuldigten Geistlichen schon viel früher suspendieren sollen, als es tatsächlich geschah.

Jedem der im Gutachten genannten über 300 Betroffenen von sexuellem Missbrauch bot Woelki ein persönliches Gespräch an. "Kommen Sie, wenn Sie möchten und ich will versuchen, ihnen zuzuhören." Er könne aber auch jeden verstehen, der nach seinen schlimmen Erfahrungen nicht mit einem Vertreter der Kirche reden wolle.

"Chaos in der Verwaltung"

Weiter hat Kardinal Woelki "systembedingte Vertuschung" im Erzbistum Köln eingeräumt. Das in der vergangenen Woche veröffentlichte Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen Priester habe dies nachgewiesen, so Woelki weiter. "Das hätte so nie passieren dürfen", sagte der Kölner Erzbischof. Deshalb müsse nun "rigoros gehandelt" werden, um dies für die Zukunft zu verhindern.

Woelki räumte "Chaos in der Verwaltung" sowie ein "System aus Schweigen, Geheimhaltung und mangelnder Kontrolle" ein. "Generell fehlte es an Mitgefühl, generell fehlte es an Empathie", konstatierte der Erzbischof.

Gefragt nach seiner moralischen Verantwortung als möglicher Mitwisser von Missbrauchsfällen in seiner Rolle als Geheimsekretär von Kardinal Joachim Meisner und als Kölner Weihbischof betonte Woelki, dass er damals nur wenig mit dem Thema konfrontiert worden sei. Als Sekretär sei er nicht mit Personalangelegenheiten befasst worden, "zumindest nicht was Missbrauch betrifft". Als Weihbischof habe er zwar der Personalkonferenz angehört. Dort seien die Fälle "irgendwie thematisiert" und "so explizit nicht behandelt worden".

Die Runde habe nur "eher verklausuliert" erfahren, dass ein beschuldigter Priester nach Vorwürfen zu suspendieren und eine Voruntersuchung einzuleiten sei. Nie aber sei der einzelne Fall konkret vorgestellt und diskutiert worden.

Generalvikar Markus Hofmann ergänzte aus seiner Erfahrung als früherer Regens in der Konferenz, dass die Beschuldigungen nie im einzelnen dargestellt worden seien.

Kardinal Woelki fordert Verschärfung des Kirchenrechts

Weiter hat Kardinal Woelki Änderungen des Kirchenrechts gefordert und eine bessere Schulung von Personalverantwortlichen angekündigt. "Es braucht Änderungen im Kirchenrecht, die den Umgang mit sexuellem Missbrauch noch eindeutiger und klarer regeln", sagte er.

So müssten Verjährungsfristen von sexualisierter Gewalt ausgeweitet und Widersprüche im Kirchenrecht und in den Leitlinien der deutschen Bischöfe zum Umgang mit Missbrauchsfällen ausgeräumt werden. Woelki kritisierte auch, dass Missbrauchstaten von Priestern im kirchlichen Recht immer noch nur als Verstoß gegen das Zölibatsversprechen gesehen würden: "Das ist eine ewige Fortsetzung der falschen Perspektive."

Woelki will auch dafür sorgen, dass im Erzbistum Köln künftig keine Akten mehr vernichtet werden. Er habe dies bereits angeordnet, und "damit breche ich absurderweise geltendes Kirchenrecht", so Woelki: "Es darf und es wird nicht mehr möglich sein, dass Seiten aus Akten verschwinden und dass ganze Akten hinter den Schrank fallen." Auch müsse ausgeschlossen werden, dass Akten manipuliert werden.

Das Gutachten zeige außerdem, dass die Verantwortlichen im Erzbistum teils nur unzureichend auf ihre Führungspositionen vorbereitet worden seien, so Woelki weiter. Er kündigte an, dass es nicht mehr vorkommen dürfe, "dass ein einfacher Pfarrer von einem Tag auf den anderen etwa für 200 Mitarbeiter verantwortlich und darauf nicht vorbereitet ist".

Es brauche eine gründliche Schulung von Führungs- und Leitungspersonal in allen Belangen - auch im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, bedürfe es eines Systems der gegenseitigen Kontrolle und auch der Kontrolle von außen.

Gutachten deckt Pflichtverletzungen auf

Das am Donnerstag vorgestellte Gutachten, mit dem das Erzbistum die Kanzlei Gercke Wollschläger beauftragt hatte, zeigt auf, wie Bistumsverantwortliche mit Fällen sexualisierter Gewalt durch Priester umgingen. Die Untersuchung hält in 24 von 236 ausgewerteten Aktenvorgängen insgesamt 75 Pflichtverletzungen durch acht Amtsträger fest, darunter Erzbischöfe, Generalvikare und Personalchefs.

Zu den Beschuldigten zählen unter anderem der Hamburger Erzbischof Stefan Heße (54) sowie der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (53), die dem Papst bereits ihren Rücktritt angeboten haben, sowie der verstorbene Kölner Erzbischof Joachim Meisner (1933-2017). Woelki selbst wurde kein Fehlverhalten nachgewiesen.

Quelle:
dpa , KNA
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