Corona erschwert laut Studie weiterhin die Inklusion

Verpasste Chancen

Menschen mit Behinderung haben weiterhin mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Das zeigt das Inklusionsbarometer Arbeit, das die Aktion Mensch in Bonn vorstellt. Das Problem sei vor allem Langzeitarbeitslosigkeit

Ein blinder Mann mit Blindenstock in der Fußgängerzone in Bonn am 20. September 2019. / © Harald Oppitz (KNA)
Ein blinder Mann mit Blindenstock in der Fußgängerzone in Bonn am 20. September 2019. / © Harald Oppitz ( KNA )

Zwar sei die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung gesunken - die Langzeitarbeitslosigkeit habe sich jedoch verschärft. Als langzeitarbeitslos gelten Personen, die mindestens ein Jahr nach einem Arbeitsplatz suchen. Deren Anteil an allen Arbeitslosen mit Behinderung stieg von 41,2 Prozent vor der Pandemie auf nunmehr 46,5 Prozent, wie es hieß.

Inklusion

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion.

 Inklusion  / © Fredrik von Erichsen (dpa)
Inklusion / © Fredrik von Erichsen ( dpa )

Grund dafür sei "eine Art Rückstau bei den Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, von denen insbesondere Langzeitarbeitslose profitieren". Viele dieser Maßnahmen seien während der Corona-Zeit ausgefallen, sagte Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Intitute, das das Inklusionsbarometer Arbeit gemeinsam mit der Aktion Mensch erstellt.

Darüber hinaus bestehe bei Unternehmen weiterhin eine zu geringe Bereitschaft, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anzubieten, so Rürup. Etwa 173.000 Unternehmen in Deutschland sind demnach gesetzlich gehalten, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. 40 Prozent der Unternehmen besetzen Arbeitsplätze den Angaben zufolge dementsprechend; 26 Prozent beschäftigen jedoch niemanden mit Behinderung.

Rahmenbedingungen verbessern

Dabei berge die Digitalisierung der Arbeitswelt, die während der Pandemie einen Schub erfahren habe, große Chancen, sagte die Leiterin Aufklärung und Kommunikation der Aktion Mensch, Christina Marx. Sie könne die Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderung erheblich verbessern, etwa durch assistierende Technologie, räumliche Flexibilität im Homeoffice oder digitale Barrierefreiheit.

Zudem erklärten 80 Prozent der Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, dass sie keine Leistungsunterschiede zwischen ihnen und Beschäftigten ohne Behinderung wahrnähmen. 89 Prozent der Angestellten mit Behinderung bestätigen ihrerseits, entsprechend ihrer beruflichen Qualifikation eingesetzt zu werden. "Trotz zunehmender Personalengpässe ignorieren viele das Potenzial von Arbeitnehmer*innen mit Behinderung", kritisierte Rürup.

"Missstand verfestigt sich"

Große Probleme gibt es laut Studie, wenn Menschen mit Behinderung ihre Arbeit verlieren. So gelang im Jahr 2021 lediglich drei Prozent die Rückkehr in den Arbeitsmarkt; bei Menschen ohne Behinderung waren es sieben Prozent. Insofern sei der gestiegene Anteil von langzeitarbeitslosen Menschen mit Behinderung alarmierend, sagte Marx: "Dieser Missstand verfestigt sich mehr und mehr."

Die Bemühungen um Inklusion müssten verstärkt werden, forderte die Expertin. So gebe es eher Bewerbungen von Menschen mit Behinderung, wenn bereits in Stellenausschreibungen auf "gelebte Diversität, flexible Arbeitsmodelle und Unterstützungsmöglichkeiten" hingewiesen werde. Auch Bewerbungsverfahren müssten barrierefrei ablaufen. Von der Politik forderte Rürup, die Schaffung von Barrierefreiheit in Unternehmen zu unterstützen, "und zwar in physischer wie digitaler Hinsicht".

Autor/in:
Paula Konersmann
Quelle:
KNA