Bundestagspräsidentin zu Holocaust-Gedenken in Jerusalem

"Scham und Wut"

Als Vertreterin der Bundesregierung hat Bundestagspräsidentin Bärbel Bas an den alljährlichen Yom HaShoah-Gedenkfeiern in Israel teilgenommen. Das deutsche Engagement zur Unterstützung der Ukraine werde in Israel "positiv bewertet".

Bärbel Bas (SPD), Bundestagspräsidentin, legt im Museum Yad Vashem am Holocaust-Gedenktag einen Kranz nieder / © Ilia Yefimovich (dpa)
Bärbel Bas (SPD), Bundestagspräsidentin, legt im Museum Yad Vashem am Holocaust-Gedenktag einen Kranz nieder / © Ilia Yefimovich ( dpa )

DOMRADIO.DE: Zum ersten Mal ist eine ranghohe Vertreterin Deutschlands als Ehrengast bei dem Holocaust-Gedenken dabei gewesen. Was bedeutet Ihnen das?

Bärbel Bas (Bundestagspräsidentin / SPD): Das ist zum einen eine sehr große Ehre, und mir ist auch vollkommen klar, dass das keine Selbstverständlichkeit war. Ich durfte hier bei diesen nationalen Gedenktagen und bei den ganzen Veranstaltungen auch den Deutschen Bundestag repräsentieren. Das war schon ein außergewöhnlicher Anlass.

DOMRADIO.DE: Sie waren in Yad Vashem dabei. Sie haben der Zeremonie im Parlament beigewohnt, bei der die Namen von Opfern des Holocaust verlesen wurden. Ist da nicht jeder Name ein Stich?

Bas: Ja, das ist immer ein Stich ins Herz und es erfüllt einen auch, wenn ich das so sagen darf, mit großer Scham und auch mit Schuldgefühlen, die man für das deutsche Volk entgegennimmt an der Stelle. Das waren auch sehr berührende Momente für mich und sicherlich auch keine einfachen.

DOMRADIO.DE: Die Überlebenden des Holocaust haben eine große Bedeutung. Was sie zu erzählen haben, kann man mit Bildern nicht immer ausdrücken. Von ihnen gibt es natürlicherweise immer weniger. Wer bei Kriegsbeginn 17 war, der ist heute 100. Werden so dann auch langsam die Gräueltaten Nazi-Deutschlands verblassen?

Bas: Das glaube ich nicht. Denn erstens hat Yad Vashem eine großartige Erinnerungsarbeit geleistet und leistet sie noch heute. Sie sammeln nach wie vor immer noch Dokumente. Und auf der anderen Seite gibt es zwischenzeitlich auch so viele Geschichten und Videos der Überlebenden, die ihre Geschichte ihren Kindern, ihren Enkeln und Urenkeln weitererzählen.

Wir haben bei den Gesprächen, die ich geführt habe, vereinbart, dass wir diese Geschichten an die junge Generation weitergeben. Wir wollen hier auch Begegnungen in Zukunft möglich machen, wenn es klappt mit einem Jugendwerk, wo sich junge Menschen begegnen. Ich glaube, so kann man die Erinnerung wach halten, aber auch die Verantwortung für den Staat Israel.

Bärbel Bas

"Wenn man [Juden in Deutschland] ihre Kultur, ihre Religion abspricht, dann ist das nicht nur Scham, dann macht es mich auch wütend."

DOMRADIO.DE: Wer in anderen Ländern über die Straße geht, sieht ganz selbstverständlich Menschen, die die jüdische Kopfbedeckung tragen, die Kippa. In den USA zum Beispiel ist das kein Thema. In Deutschland ist es fast ein Tabu. Erzeugt das bei Ihnen nicht Scham?

Bas: Ja, das erzeugt bei mir Scham. Auf der anderen Seite aber auch Verärgerung, weil damit den Jüdinnen und Juden, die in Deutschland leben, ihre Kultur abgesprochen wird. Wir können sehr froh sein, dass es überhaupt sehr viele derer gibt, die in Deutschland selbstverständlich leben.

Aber wenn man ihnen ihre Kultur, ihre Religion abspricht, dann erzeugt das nicht nur Scham, dann macht es mich auch wütend. Deshalb müssen wir als deutscher Staat da auch gegenhalten, auch mit Gesetzgebungen, sodass Judenhass nicht offen auf die Straße getragen werden darf, sondern auch bestraft werden muss.

DOMRADIO.DE: Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte auch in besonderer Verantwortung, was die Unterstützung der Ukraine angeht. International steht die Bundesregierung in einem etwas schrägen Licht. Vor allem das Kanzleramt. Zögerliche Waffenlieferungen, ein Hin und Her bei schweren Waffen. Spricht man auch über so was bei einem solchen Treffen?

Bas: Ich habe am Rande dieser Gedenkveranstaltung viele Gespräche geführt, auch mit dem Premierminister, mit dem Präsidenten. Natürlich haben wir auch über Aktuelles gesprochen.

Zumindest kann ich sagen, dass der Weg, den Deutschland mit dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro jetzt geht, zumindest hier im Land positiv bewertet wird. Darauf bin ich hier vor Ort sehr oft angesprochen worden und darüber haben wir auch diskutiert.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Quelle:
DR
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