Britischer Vatikanexperte ordnet Kritik am Synodalen Weg ein

"Einige Kardinäle sind nervös"

74 Bischöfe aus aller Welt warnen vor einer Kirchenspaltung durch Deutschlands "Synodalen Weg". Ist diese Kritik ernst zu nehmen? Christopher Lamb sieht die Spaltungsgefahr eher bei den Reformgegnern, als in Deutschland.

Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Ein Brief von 74 Bischöfen aus der Weltkirche warnt vor einem Schisma, einer Kirchenspaltung durch das deutsche Reformprojekt "Synodaler Weg". Ist diese Angst vor einem Schisma berechtigt oder realistisch?

Christopher Lamb / © Lamb (privat)
Christopher Lamb / © Lamb ( privat )

Christopher Lamb (Vatikan-Korrespondent des britischen Magazins "The Tablet"): Ich denke die wirkliche Gefahr für die Einheit der Kirche kommt nicht aus Deutschland, sondern aus den Ecken der Kirche, die sich weigern, sich auf Reformen einzulassen. Es gibt so viele große Herausforderungen und Kontroversen in der Kirche, dass man das nicht ignorieren kann. Einfach den Mund halten ist gefährlicher, als zu diskutieren.

Die Gefahr des Schismas kommt also nicht aus Deutschland. Was aber stimmt, ist, dass es eine potentielle Gefahr gibt, dass Deutschland zu schnell und zu weit mit einigen Reformideen voranschreitet, die der Rest der Kirche nicht bereit ist, mitzutragen. Das ist die große Herausforderung, die vom deutschen Reformprozess ausgeht.

DOMRADIO.DE: Gucken wir uns den Brief an, der am Dienstag veröffentlicht wurde. 74 Bischöfe, vornehmlich aus Amerika, aber auch aus Afrika, werfen Deutschland vor die Einheit mit dem Papst zu gefährden. Viele der Unterzeichner, wie die Kardinäle Pell und Burke, sind als konservative Kritiker kirchlicher Reformen allgemein bekannt. Muss man diesen Brief ernst nehmen?

Lamb: Ich denke jeder Brief, der von so vielen Bischöfen unterzeichnet wird, muss ernst genommen werden. 74 haben ihn unterzeichnet, wer weiß wie viele die Meinung teilen, die nicht ihren Namen darunter gesetzt haben? Es stimmt, eine große Zahl der Unterzeichner sind als Reformgegner bekannt. Offensichtlich sind der Ausgangspunkt auch die Vereinigten Staaten. Wir wissen, dass es dort Widerstand gibt, gegen Papst Franziskus und auch gegen verschiedene synodale Reformansätze.

Gleichzeitig gibt es Unterzeichner aus Afrika, die mich doch überraschen. Erzbischof Gabriel Charles Palmer-Buckle aus Ghana zum Beispiel. Er war bei der Familiensynode noch recht offen für die Kommunion für Wiederverheiratete. Es scheint also doch ein breiteres Meinungsspektrum zu geben, als man vielleicht auf den ersten Blick erwarten würde.

DOMRADIO.DE: Das ist jetzt schon der dritte offene Brief von Bischöfen, die Deutschland kritisieren, nach den Bischofskonferenzen aus Polen und Nordeuropa. Ist das eigentlich ein ungewöhnlicher Schritt, Konflikte mit den Amtsbrüdern auf diese Art auszutragen?

Lamb: Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich und mir fällt kein vergleichbarer Fall ein, bei dem so viele verschiedene Bischöfe einen einzelnen, nationalen Reformprozess kommentieren. Man hätte ja erwarten können, dass der deutsche Reformprozess vor allem Deutschland interessiert, da er ja auch eine Antwort auf deutsche Problemstellungen ist.

Das ist ein grundsätzlicher Konflikt, mit dem man umgehen muss. Einerseits betreffen diese Probleme Katholiken auf der ganzen Welt, andererseits muss jede nationale Bischofskonferenz ihre eigenen Antworten darauf finden. Die Frage ist: Wie weit kann ein Land wie Deutschland gehen, mit eigenen, spezifischen Antworten auf die Reformfragen, dabei trotzdem anderen Ländern zugestehen, andere Antworten zu finden. Wie viel Unterschiedlichkeit kann es geben in einer gemeinsamen Weltkirche? Das ist jetzt das erste Mal, dass sich die Kirche diese Frage stellen muss.

Christopher Lamb, Vatikanexperte

"Deutschland stellt fundamentale Fragen, die nicht länger ignoriert werden können."

Zudem glaube ich, der Grund, weshalb wir solche Briefe aus unterschiedlichen Ländern sehen: Deutschland stellt fundamentale Fragen, die nicht länger ignoriert werden können. Das führt bei einigen Bischöfen zu Nervosität und auch Angst. Deutschland schaut sich die grundsätzlichen Fragen der Machtverteilung in der Kirche an, Fragen von Sexualität, Missbrauch, der Rolle der Frauen. Alles das sind Fragen, die auch im weltweiten Synodalprozess eine Rolle spielen, den der Papst ausgerufen hat. Diese Briefe zeigen eine Verunsicherung, dass Deutschland hier eventuell etwas lostritt, das nicht mehr einfangen werden kann.

DOMRADIO.DE: Was denken denn der Vatikan und die Weltkirche über den Synodalen Weg in Deutschland? Wenn man das verallgemeinern kann.

Lamb: Für einige ist Deutschland zum Lackmustest für die Reformfähigkeit der Kirche geworden. Wer den deutschen Prozess unterstützt, der ist auch grundsätzlich für Reformen. Wenn man dagegen ist, sieht man auch allgemein Reformen kritisch. – Was nicht wirklich hilfreich ist, wenn man ernsthaft Veränderungen anstrebt. Der deutsche Reformprozess ist ganz klar so angelegt, dass er die Probleme in Deutschland angehen will. Im größeren Kontext will man auf der ganzen Welt sehen, wie das ganze ausgeht, was dabei herauskommt. Man will von Deutschland lernen.

Christopher Lamb, Vatikanexperte

"Deutschland leistet theologische Grundsatzarbeit, die für die Kirche überlebenswichtig ist."

Natürlich gibt es auch Menschen, die kirchliche Reformen befürworten, aber den Aufbau und Prozess des deutschen Weges kritisieren. Papst Franziskus stellt ja auch solche Fragen, ob es genug Fokus auf die Evangelisierung gibt, ob man nicht zu viel nach innen statt außen blickt. Was man nicht verhehlen kann: Deutschland leistet theologische Grundsatzarbeit, die für die Kirche überlebenswichtig ist, wenn sie eben im 21. Jahrhundert überleben will. Deutschland leistet der Weltkirche hier also einen großen Dienst. Der liegt vielleicht nicht nur in den großen Entscheidungen und Ergebnissen, sondern auch in den Fehlern, die beim Gehen dieses Weges entstehen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht das Meinungsbild gegenüber dem deutschen Prozess eigentlich in Rom und im Vatikan aus?

Lamb: Einige Kardinäle sind nervös, was den Prozess angeht, und versuchen dagegen vorzugehen. Andere Kardinäle – und auch Papst Franziskus – wollen Deutschland die Freiheit zugestehen, zu tun, was nötig ist. Franziskus liefert keine fertigen Antworten, sondern sieht die Antwort auf die Reformfragen in der Synodalität. Eine Kirche im 21. Jahrhundert kann nicht mehr von oben nach unten durchregiert werden.

DOMRADIO.DE: Kommen die vatikanischen Kritiker nur aus den üblichen Ecken der Reformgegner, oder geht das darüber hinaus?

Lamb: Da gibt es zwei Gruppen. Die einen sind grundsätzlich gegen jede Art von Veränderung. Andere sind besorgt bei einigen Punkten des deutschen Reformansatzes, sie haben aber kein grundsätzliches Problem mit Synodalität. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Bischöfe warnen vor "Kirchenspaltung" durch deutschen Reformprozess

In einem Offenen Brief hat eine Gruppe konservativer Bischöfe aus aller Welt den Reformprozess "Synodaler Weg" der deutschen Katholiken kritisiert. Wie die "Neue Zürcher Zeitung" unter Berufung auf den "brüderlichen Brief" berichtet, äußern die Unterzeichner darin die Befürchtung, die angestrebten Reformen könnten abermals in der Geschichte eine Kirchenspaltung von deutschem Boden auslösen.

Kardinal Raymond Leo Burke / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Quelle:
DR
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