Beschwerden machen deutschen Synodalen Weg internationaler

Offene Briefe unter der Lupe

Nach vier "mitbrüderlichen" Bischofs-Briefen und Verlautbarungen aus Warschau und Rom scheint der Synodale Weg zwischen Polen, Skandinavien, Deutschland und dem Vatikan nun auf der internationalen Diskursebene angekommen zu sein.

Symbolbild: Briefe / © Ambient Ideas (shutterstock)

"Sehr geehrter Herr Erzbischof, gern bin ich am 30. November des vergangenen Jahres zu Ihnen nach Posen gekommen, um an den guten Dialog unserer Vorgänger und der Kirche in unseren Ländern anzuknüpfen. Wir konnten uns dabei über die kirchliche und gesellschaftliche Situation in Polen und Deutschland austauschen, unter anderem - das war mir ein besonderes Anliegen - auch über den Synodalen Weg...

Bischof Georg Bätzing / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bischof Georg Bätzing / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Wir haben dabei vereinbart, dass Fragen, die mit dem Synodalen Weg aufkommen, in der ständigen Kontaktgruppe unserer beiden Bischofskonferenzen erörtert werden sollen."

Mit diesen scheinbar unaufgeregten Sätzen beginnt der Brief, den der deutsche Bischofskonferenz-Vorsitzende Georg Bätzing am 16. März an sein polnisches Gegenüber Stanislaw Gadecki in Posen schrieb.

Offener Brief: Sorge vor weltlicher Anpassung

Vorausgegangen war ein streckenweise kultur-kämpferischer "Offener Brief" des polnischen Konferenz-Vorsitzenden, der es in sich hatte.

Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Posen / © Paul Haring (KNA)
Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Posen / © Paul Haring ( KNA )

Zitat: "Getreu der Lehre der Kirche dürfen wir nicht dem Druck der Welt und der vorherrschenden Kultur nachgeben, da dies zu moralischer und geistiger Korruption führen kann. Vermeiden wir die Wiederholung abgedroschener Slogans und Standardforderungen wie die Abschaffung des Zölibats, das Priestertum der Frauen ... oder die Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften."

Es waren vor allem die Umstände der Veröffentlichung, die den sonst so besonnen wirkenden Bätzing zornig machten. Nicht nur, dass statt des vereinbarten theologischen Dialogs der beiden Konferenzen ein Offener Brief verschickt wurde, sorgte für Wallungen. Zudem wurde der Text zuerst der Wochenzeitung "Die Tagespost" zugespielt und danach dem Adressaten zugemailt. Das sei schlechter Stil, hieß es aus der Bischofskonferenz, und zunächst schien die Neigung gering, darauf auf gleicher Ebene zu antworten.

Bätzing äußert Irritation im Antwortbrief

Doch um dem auch in Rom gern zitierten Satz "Qui tacet consentire videtur" (frei übersetzt: Schweigen bedeutet Zustimmung) entgegenzutreten, schrieb Bätzing doch eine Antwort. Sachlich, aber deutlich. Explizit kam der im mitbrüderlichen Austausch sonst selten gebrauchte Satz vor: "Ich war darüber irritiert." Und anders als Gadecki veröffentlichte Bätzing den Brief nicht im Wortlaut, sondern ließ seine Pressestelle darüber informieren, denn, so Bätzing: "Es wäre besser, wenn Briefe zwischen uns nicht öffentlich gemacht würden, sondern echtem Austausch untereinander dienten."

Im weiteren Verlauf des Briefes schilderte Bätzing noch einmal den Weg von der Missbrauchsstudie des Jahres 2018 zum einmütigen Beschluss der deutschen Bischöfe, "sich auf einen Synodalen Weg zu begeben, um die systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt im Raum der Kirche und ihrer Vertuschung anzuschauen und zu bearbeiten".

Und weiter. "Dass in diesem Zusammenhang mit den Themen von Macht, priesterlicher Lebensform, der Rolle der Frau und der Sexualmoral auch Fragen ins Blickfeld geraten, die schon länger diskutiert werden, macht diese Themen nicht unwichtiger, sondern zeigt ihre Dringlichkeit."  

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten.

Ausgangspunkt ist eine jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Missbrauchsstudie als entscheidender Wendepunkt

Eine Spitze gegen die in Polen noch ausbaufähige Missbrauchs-Aufarbeitung war auch enthalten: "Gern würde ich von Ihnen lernen, wie Sie den systemischen Ursachen des tausendfachen Missbrauchs begegnen, den wir bei uns in Deutschland, bei Ihnen in Polen, aber auch weltweit wahrnehmen müssen." Um dann für Deutschland festzustellen: "Wir gehen den Weg der Umkehr und der Erneuerung nicht leichtfertig und schon gar nicht außerhalb der Weltkirche."

Danach verwies Bätzing auf mehrere Gespräche mit Papst Franziskus zu diesem Thema und an dessen - in der Auslegung freilich nicht ganz eindeutigen - Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland aus dem Juni 2019, in dem dieser die Deutschen ermahnte, die Einheit mit der Weltkirche zu wahren und sie zugleich ermutigte, weiter voranzuschreiten.

Gadeckis Besuch beim Papst

Der Zufall wollte es, dass Gadecki wenige Wochen später, am 28. März, einen Termin bei Franziskus hatte und bei dieser Gelegenheit - anders als üblich - dem Papst auch seine Sorgen über die benachbarte Deutsche Bischofskonferenz vortrug. Da das vatikanische Presseamt wie üblich nichts über den Inhalt des Gespräches verlauten ließ, übernahm Gadecki selbst diesen Part und teilte mit, er habe den Papst über die Schwierigkeiten informiert, die sich für die Weltkirche aus dem deutschen Weg ergäben.

Auch die Haltung des Papstes zum Synodalen Weg erläuterte Gadecki und machte sich damit quasi zum Sprecher des Pontifex, indem er eine klare Distanz des Papstes zu diesem Weg erwähnte und dies mit dessen Befürchtung vor einer "Protestantisierung" der katholischen Kirche in Deutschland begründete. Freilich machte er nicht ganz klar, wer in diesem Zusammenhang welches Wort gesagt hatte - vermittelte aber den Eindruck, er gäbe die Worte (oder wenigstens die Gedanken) des Papstes wieder.

Als dies dann auch noch über den polnischsprachigen Kanal der semioffiziellen "Vatican News" verbreitet wurde, ließ die offizielle Antwort nicht lange auf sich warten. Der KNA teilte Vatikansprecher Matteo Bruni mit, die Haltung des Papstes sei unverändert dieselbe, die er in seinem Brief an die Deutschen im Juni 2019 dargelegt habe.

Dort war von "Distanz" oder der "Warnung vor einer Protestantisierung" nicht die Rede. Ein italienischer Kommentator merkte daraufhin süffisant an, dass noch kein vatikanischer Pressesprecher nach so kurzer Zeit wieder abgesetzt worden sei wie der Posener Erzbischof Gadecki.

Offener Brief nordischer Kirchen folgte

Unterdessen wurde an einer anderen internationalen Front die Kritik an den Texten des deutschen Synodalen Wegs fortgesetzt. Schon während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe hatte die Nordische Bischofskonferenz, zu der unter anderen die (Erz-)Bischöfe von Stockholm, Kopenhagen und Oslo gehören, ihrerseits in einem Offenen Brief Bedenken gegen die Reformbestrebungen der deutschen Mitbrüder veröffentlicht. Der Ton war etwas weniger schroff als der aus Posen, aber im Kern überwogen auch hier die Warnungen und die Skepsis.

Wieder nahm sich Bätzing Zeit für eine Antwort, und wieder veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz mit erheblicher Verzögerung lediglich eine kurze Zusammenfassung des vom 9. März datierten Briefs. Diesmal argumentierte Bätzing werbender für das Projekt:

Bätzing wirbt für Synodalen Weg

"Blickt man auf die Texte, die aus diesen intensiven Beratungen hervorgehen und insbesondere auf den theologischen Orientierungstext, den die Synodalversammlung mittlerweile verabschiedet hat, dann wird klar, dass der Synodale Weg gerade auf der synodalen Suche nach lebensspendendem Potenzial im Leben und Wirken der Kirche heute ist, zu der Papst Franziskus, wie Sie selbst sagen, die ganze Kirche aufruft. Ausgehend von der ... zutiefst beschämenden Tatsache des sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung inmitten der Kirche suchen die deutschen Katholiken mit großer Sorgfalt und fundierter theologischer Rückbindung nach neuen Wegen kirchlicher Praxis."

Dabei orientiere sich der Synodale Weg "an den zentralen Erkenntnisquellen des Glaubens: der Schrift und der Tradition, dem Lehramt und der Theologie sowie dem Glaubenssinn der Gläubigen und den Zeichen der Zeit. Im Zueinander dieser Erkenntnisquellen verdichtet sich ja die Gewissheit der Glaubensaussagen. Der Blick auf die Zeichen der Zeit lässt natürlich auch an die von Ihnen ausgesprochene Mahnung denken, nicht dem Zeitgeist 'nachzugehen'.

Gerne will ich Ihnen versichern, dass der Synodale Weg diese Mahnung stets beherzigt. Niemandem kann es darum gehen, leichtfertig das kirchliche Handeln nach der jeweiligen Mode auszurichten."

Spannungen innerhalb der Weltkirche?

Auch dem Vorwurf eines deutschen Sonderwegs tritt Bätzing entgegen und versichert seine Mitbrüder in Nordeuropa, "dass in den Überlegungen und Beschlüssen des Synodalen Weges sehr sorgfältig differenziert wird, welche Veränderungen und Reformen im Rahmen der diözesanen Verantwortung der Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz realisiert werden können und welche Fragen, Anliegen und Reformwünsche in den weltkirchlichen Kontext, insbesondere in den Synodalen Weg der Weltkirche eingebracht werden müssen."

Ob aus diesem teils polemischen, teils brüderlichen Austausch aus der Ferne (und teilweise auf Umwegen über Rom) sich tatsächlich so etwas wie ein weltkirchlicher Diskurs über die Thesen des Synodalen Wegs in Deutschland herauszubilden beginnt, ist eine offene Frage. Auch der ein oder andere Offene Brief scheint jedenfalls jetzt schon zum weltweiten Synodalen Prozess beizutragen.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Quelle:
KNA
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