Britische Kirchen reagieren auf geplante Ruanda-Abschiebung

Bischöfe und Gemeinden teils unterschiedlicher Meinung

Großbritannien will illegale Einwanderer nach Ruanda abschieben. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stoppte das Vorhaben vorerst. Auch wenn die Amtskirche klar Position bezieht, gefällt das nicht allen Gläubigen.

Gestoppter Abschiebefug nach Ruanda / © Andrew Matthews (dpa)
Gestoppter Abschiebefug nach Ruanda / © Andrew Matthews ( dpa )

DOMRADIO.DE: In letzter Minute hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den ersten Flug am Abend noch gestoppt. So ein Eingriff passiert ja recht selten. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Pfarrer Andreas Blum (Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in London): Ich persönlich war natürlich auch ein Stück weit erleichtert. Es sind sich, glaube ich, alle im Klaren darüber, dass diese Lösung keine gute Lösung ist, keine dauerhafte Lösung. Und die englische Regierung ist auch die erste, die das selber eingesteht.

Pfarrer Andreas Blum / © N.N. (privat)
Pfarrer Andreas Blum / © N.N. ( privat )

Es geht nicht darum, alle illegalen Flüchtlinge nach Ruanda abzuschieben, sondern es geht um ein Pilotprojekt, was versucht, den illegalen Menschenhandel auf dem Kanal zu begrenzen oder eine abschreckende Wirkung zu entfalten. Ich glaube, die Regierung selber ist sich im Klaren darüber, dass das noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Sie hat auch dazu aufgerufen, alternative Vorschläge zu machen, die allerdings bisher auch sehr rar sind bzw. nicht vorhanden sind. Also es ist ein Ringen um eine Lösung, wie man dem Menschenhandel auf dem Kanal und auch dem Sterben auf dem Kanal irgendwie ein Ende bereiten kann.

DOMRADIO.DE: Kritik gab es auch von den Kirchen. Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, sagt, dieses Vorhaben sei gegen die christliche Ethik. Dass seine Kirche sich da jetzt so politisch äußert, ist eher ungewöhnlich. Zeigt das auch noch mal die Brisanz des Themas?

Blum: Es gibt viele Regierungsstellen, die kritisiert werden von den Kirchen. Auch der Thronfolger Prinz Charles hat sich ja eingeschaltet. Sehr viele Wohltätigkeitsorganisationen im Lande natürlich auch. Man gesteht der Kirche in England natürlich eine politische Funktion zu. Das sieht man allein daran, dass sie im House of Lords, also in der zweiten Parlamentskammer, auch Sitze hat.

Vereinigtes Königreich will an Asyl-Deal mit Ruanda festhalten

Die britische Regierung will trotz des Scheiterns des ersten Abschiebeflugs nach Ruanda an dem umstrittenen Asylabkommen mit dem ostafrikanischen Land festhalten. Sie sei sehr zuversichtlich, dass der nächste Flug abheben wird, sagte Arbeitsministerin Thérèse Coffey dem Sender Sky News am Mittwochmorgen. Nach einer Eilentscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte war die umstrittene Abschiebung von mehreren Asylbewerbern von Großbritannien nach Ruanda am Dienstagabend gestoppt worden.

Abgelehnte Asylbewerber steigen in ein Flugzeug / © Daniel Maurer (dpa)
Abgelehnte Asylbewerber steigen in ein Flugzeug / © Daniel Maurer ( dpa )

Die Frage ist vielmehr, ob die Bischöfe stellvertretend für ihre Kirche sprechen. Es hat hier zum Beispiel während des Brexits die interessante Beobachtung gegeben, dass auch da sich die Bischöfe eindeutig positioniert hatten, nämlich für einen Verbleib in der Europäischen Union, dass man dann aber nachher, nach dem Referendum festgestellt hat, dass das aber nicht den Kirchengemeinden vor Ort entspricht, sondern dass die Mehrheit der Anglikaner für den Brexit gestimmt hat.

Ähnliches vermutet man jetzt auch. Also die Bischöfe positionieren sich sehr eindeutig, aber in den Gemeinden auf dem Land sieht es dann doch wieder etwas anders aus.

DOMRADIO.DE: Premierminister Boris Johnson rechtfertigt seinen Kampf gegen illegale Einwanderung und Menschenhandel. Er meint, Ruanda sei ein sicheres Land. Ist das aus Ihrer Sicht glaubwürdig?

Blum: Also ich bin noch nie in Ruanda gewesen und kann mir deshalb wirklich kein Urteil erlauben. Aber was vielleicht noch interessant ist und was in der Diskussion ein bisschen untergeht, ist natürlich auch die Positionierung der afrikanischen Bischöfe. Ein afrikanischer Bischof, der sich bei seinen europäischen Kollegen meldet und sagt: "Ja, hier gehen die Besten, aber was passiert mit uns in Afrika?"

Oder die Westafrikanische Bischofskonferenz, die einen Aufruf an Jugendliche startet, im Land zu bleiben, auch wenn es schwer ist und auch wenn es harte Arbeit ist. Aber ihr könnt auch hier erfolgreich sein. Wir müssen unseren eigenen Kontinent, unsere eigenen Länder voranbringen. Also da gibt es auch Spannungen zwischen den europäischen und zwischen den afrikanischen Bischöfen.

DOMRADIO.DE: Aber es soll ja auch viel Geld fließen. 120 Millionen Pfund soll Ruanda vom Vereinigten Königreich bekommen für diesen Deal. Gilt das vielleicht sogar noch als Entwicklungshilfe?

Blum: Ich fürchte, das gilt auch schon fast als Entwicklungshilfe. Wobei natürlich auch Frankreich 50 oder 54 Millionen jedes Jahr bekommt, um die Strände in Nordfrankreich besser zu kontrollieren und zu patrouillieren. Natürlich ist Asylpolitik auch Geldpolitik. Die illegale Einwanderung kostet Großbritannien 1 Million Pfund am Tag zusätzlich zu den anderen Asylverfahren, die ja auch regulär noch laufen.

Es ist sicherlich ein großes Geschäft und es geht um viel Geld. Aber wenn man jetzt nicht zynisch sein will, dann geht es doch, glaube ich, hauptsächlich um die Menschen, die in Nordfrankreich einreisen wollen nach Großbritannien, den legalen Weg nicht einschreiten, sehr gefährlich, ihr Leben riskieren. Hunderte von Toten hat es ja im Kanal schon gegeben. Und ja, ob man das gegen Geld aufrechnen kann, weiß ich nicht.

Wichtiger ist, dass man vielleicht wirklich eine Lösung findet, diesem Menschenhandel ein Ende zu bereiten. Da müssen die europäischen Länder und Organisationen eigentlich zusammenarbeiten.

Das Interview führte Florian Helbig.

Quelle:
DR