Bonner Dekan gegen Zentralisierung der Priesterausbildung

"Die Regionalität stärken"

Ist die Priesterausbildung im eigenen Bistum ein Auslaufmodell? Nein, sagt Jochen Sautermeister, Dekan der Katholischen Fakultät in Bonn. Die Regionalität sei wichtiger als ein volles Seminar irgendwo in Deutschland.

Jochen Sautermeister; Universität Bonn; Moraltheologe; Collegium Albertinum; Bonn; Sautermeister / © Gerald Mayer (DR)
Jochen Sautermeister; Universität Bonn; Moraltheologe; Collegium Albertinum; Bonn; Sautermeister / © Gerald Mayer ( DR )

DOMRADIO.DE: In den vergangenen Jahren ist eine Tendenz zu erkennen: Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz hat einen Vorschlag zur Zentralisierung der Priesterausbildung gemacht. Die angehenden Priester sollen nur noch an wenigen Standorten in Deutschland studieren. Wie sehen Sie diese Bestrebungen als Dekan der Katholischen-Theologischen Fakultät in Bonn?

Jochen Sautermeister (Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, Professor für Moraltheologie): Es gibt immer weniger Priesteramtskandidaten. Und die persönlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Anforderungen an Priester werden immer höher. Berechtigterweise kommt also die Frage auf: Wie also soll Priesterausbildung der Zukunft aussehen? Der Vorschlag, die Priesterausbildung auf mehrere überdiözesane Standorte zu konzentrieren, beruht auf der klassischen Vorstellung von vollen Priesterseminaren und Ausbildungshäusern; das wird für die einzelnen Bistümer immer schwieriger.

Jochen Sautermeister

"Der Vorschlag, die Priesterausbildung [...] zu konzentrieren, beruht auf der klassischen Vorstellung von vollen Priesterseminaren."

Ich bin jedoch der Meinung, dass es sich lohnt, auch über alternative Konzepte zu sprechen und neue Wege in der Priesterausbildung zu erproben. Aus verschiedenen Gründen ist Bonn ein ausgezeichneter Ort dafür. Wenn es immer weniger Kandidaten gibt, dann sollte man auch über andere Formate und Modelle nachdenken, wie es gerade zum Glück im Erzbistum Köln umgesetzt wird: etwa über begleitete Wohngemeinschaften, die in das Gemeindeleben eingebunden sind und sich in Universitätsnähe befinden, um bestmögliche Studienbedingungen und einen guten Kontakt zu anderen Studierenden zu haben. Das legt bereits Grundlagen, um für die späteren beruflichen Aufgaben vorbereitet zu sein – meines Erachtens ist ein solches Eingebundensein auch später förderlich für eine gute Psychohygiene und spirituelle Gesundheit.

DOMRADIO.DE: Warum ist es Ihnen so wichtig, dass die Priesterausbildung vor Ort bleibt?

Sautermeister: Das eine ist die Verbindung zur eigenen Ortskirche, zu den Menschen, zu den Lebensräumen, zu den sozialen Themen, die die Menschen beschäftigen. Die regionalen Herausforderungen, zum Teil auch die regionalen Traditionen und religiöse Kulturen vor Ort können von Bistum zu Bistum recht unterschiedlich sein. Dabei ist es gut, auch für ein Jahr im Ausland zu studieren, um den Horizont zu erweitern, neue Erfahrungen zu sammeln und Weltkirche zumindest exemplarisch zu erleben. Aber ich halte es für die Kandidaten für orientierend und vergewissernd sagen zu können: "Hier in dieser Diözese, in diesem Erzbistum, hier ist mein Platz."

Im Blick auf die späteren Aufgaben ist aber der frühzeitige Austausch mit Studierenden anderer Fachrichtungen und Berufsgruppen mindestens ebenso wichtig. Die Dienstgemeinschaft der Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort wird immer wichtiger. In Zukunft werden die pastoralen Berufe noch enger zusammenarbeiten müssen: Priester, Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten, Diakone und - nicht zu vergessen - die Religionslehrerin und Religionslehrer. Damit verbinden sich große Chancen für Pastoral und Kirche. Förderlich für eine gute spätere Zusammenarbeit ist es, sich bereits in der Zeit des Studiums kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen, zu kooperieren, aber auch Spannungen und Konflikte auszutragen und gute Wege des Umgangs einzuüben.

Zahlen und Fakten zur Priesterausbildung in Deutschland

Nach Angaben des Katholisch-Theologischen Fakultätentags bestehen in Deutschland insgesamt 18 Theologische Fakultäten beziehungsweise Fachbereiche an staatlichen Universitäten oder in kirchlicher Trägerschaft. Dazu kommen 33 Institute für Katholische Theologie zur Ausbildung von Religionslehrern an staatlichen Hochschulen.

Symbolbild Unterricht im Priesterseminar / © Maria Irl (KNA)

Mit den Menschen zu studieren, mit denen man später zusammenarbeiten wird, das geht erheblich besser dezentral und vor Ort. Es macht einen großen Unterschied, ob man vier, fünf Jahre lang gemeinsam studiert, gemeinsam reflektiert, sich entwickelt oder sich nur punktuell am Wochenende oder in einzelnen Studienwochen trifft. Dass gemeinsam etwas Tragfähiges wachsen und reifen kann, benötigt Zeit und gemeinsame Erfahrungen. Hier spielt das gemeinsame Theologiestudium eine ganz wichtige Rolle, um später in den Dienstgemeinschaften mit Freude und Motivation gemeinsam gute und glaubwürdige Arbeit machen zu können.

DOMRADIO.DE: Und das kann nicht an einem zentralen Ort in Deutschland passieren?

Sautermeister: Gerade junge Männer, die auf der Suche sind und sich fragen, ob der Priesterberuf der richtige Weg für sie ist, stellen dies Frage vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensgeschichte. Und die Biografie ist an Erfahrungsräume und Orte gebunden. Angesichts der kommenden Herausforderungen ist das soziale Eingebundensein nicht zu unterschätzen. Es ist etwas anderes, ob ich am Abend oder am Wochenende in meiner Heimat unterwegs sein kann, oder 200, 300 Kilometer fahren muss, um dann wieder dort zu sein, wo man später gemeinsam mit anderen wirken möchte.

Auch für die anderen Theologiestudierenden ist das wichtig: Schon im Studium jemanden über eine längere Zeit kennenzulernen, der Diakon oder Priester werden will, schafft ein anderes Verständnis füreinander und eröffnet andere Möglichkeiten als lediglich punktuelle Begegnungen. Andere können ebenfalls wahrnehmen, dass es auch für die Priesteramtskandidaten ein Weg, ein Entwicklungsprozess ist. Mit dem Beginn des Studiums ist man ja nicht schon fertig, ganz im Gegenteil. Solche Einsichten und Wegerfahrungen schützen vor Überhöhung und Idealisierung ebenso wie vor Überforderung. Daher lohnt es sich meines Erachtens sehr, die Regionalität mit neuen, integrativen Ausbildungskonzepten zu stärken.

DOMRADIO.DE: Was ist der Vorteil, wenn die Priesterausbildung in ein universitäres Umfeld eingebunden ist?

Sautermeister: Die Universität ist ein Ort, an dem Theologie und Kirche in die verschiedenen Wissenschaften und in Gesellschaft eingebunden sind. Dieser Dialog zwischen Theologie, Wissenschaft und Gesellschaft ist absolut notwendig. Hier hat sich auch die gesellschaftliche Relevanz von Kirche zu bewähren. Der Universität würde ohne die Theologie etwas fehlen, da es um existenzielle Fragen, um Sinndeutungen, Verantwortung und grundlegende Orientierungen geht. Umgekehrt würden Theologie und Kirche etwas ohne die Universität fehlen, nämlich die Einbettung in unterschiedliche Wissenskulturen, in die Gesellschaft und das Lernen von den Wissenschaften, was für eine kompetente Beschäftigung mit den Fragen unserer Zeit und ein verantwortliches Handeln von Kirche in der Welt von heute notwendig ist. Hinter die Aussagen von Gaudium et spes des Zweiten Vatikanums dürfen wir nicht zurückfallen.

Gerade die Exzellenzuniversität Bonn mit ihrem spezifischen Profil als eine international führende Universität beschäftigt sich auch mit solchen Themen, die Papst Franziskus etwa in Laudato si‘ oder Veritatis gaudium adressiert und dem Auftrag einer glaubwürdigen Evangelisierung auch ins Stammbuch geschrieben hat: Nachhaltigkeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, interreligiöser Dialog und Frieden. An einem solchen Ort Theologie zu studieren, eröffnet auch in dieser Hinsicht neue Horizonte. Damit das in der Bildung von Priesteramtskandidaten von Anfang an seinen Raum hat, dafür ist die Universität der richtige Ort.

DOMRADIO.DE: Das Erzbistum Köln hat sich in der Debatte um die Zentralisierung der Priesterausbildung in Deutschland zurückgehalten. Ist es für Sie vorstellbar, dass an der Universität in Bonn in naher Zukunft keine Priesteramtskandidaten mehr ausgebildet werden könnten?

Sautermeister: Für die Universität Bonn gehört die Priesterausbildung klar dazu. Die Priesterausbildung ist selbstverständliche Aufgabe der Katholisch-Theologischen Fakultät. Unsere Fakultät ist Gründungsfakultät der Universität Bonn. Seit über 200 Jahren ist die Priesterausbildung des Erzbistums hier verankert. Die Priesterausbildung vor Ort unterstreicht die regionale Bindung, sie fördert ein großes Commitment auch der Studierenden an das Heimatbistum. An der Universität Bonn gibt es ein gutes Zusammenspiel von Priesterausbildung, der Ausbildung der Pastoralreferentinnen und -referenten, der Religionslehrerinnen und -lehrer sowie Studierender anderer Fächer und Studiengänge an unserer Fakultät.

Wir haben neben neuen Studienmodulen – etwa zu Ohnmacht, Macht und Missbrauch – neue Professuren eingerichtet für Christliche Sozialethik, für Philosophie und die Exzellenzprofessur für Systematische Theologie unter besonderer Berücksichtigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Als Fakultät entscheiden wir uns damit ganz bewusst auch für eine gesellschaftsrelevante Theologie, die interdisziplinär eingebunden ist und Studierende sprachfähig macht, um später kompetent, glaubwürdig und verantwortlich in Kirche, Gesellschaft und Schule wirken zu können.

Jochen Sautermeister

"Für die Universität Bonn gehört die Priesterausbildung klar dazu."

DOMRADIO.DE: Wie profitieren Katholische Fakultät und Priesterausbildung voneinander?

Sautermeister: Als Theologinnen und Theologen beschäftigen wir uns auch mit Fragen, die wir aus dem Leben, aus Wissenschaft, aus Glauben, aus Kirche gestellt bekommen. Diese Verbindung von Theologie und Lebenswirklichkeit ist ganz wichtig. Im Collegium Albertinum findet zum Beispiel jede Woche ein Gottesdienst statt, zu dem alle Studierenden und Lehrenden eingeladen sind. Das ist ein Ort des gemeinsamen Gottesdienstfeierns, der Begegnung und Gemeinschaft bei anschließendem Mittagessen.

Die Studierenden bringen ihre Erfahrungen und Fragen mit in unsere Fakultät, Priesteramtskandidaten wie alle anderen Studierenden: Wie verstehe ich die biblisch-christlichen Zeugnisse des Glaubens angesichts der Vielfalt und zum Teil Widersprüchlichkeiten von Traditionen? Was bedeutet es zu glauben und wie lässt sich der Gottesglaube heute noch plausibilisieren? Wie kann man heute theologisch verantwortlich in Kirche, Schule und Gesellschaft wirken? Wie müsste heute eine theologisch kompetente und glaubwürdige Evangelisierung aussehen, die den Menschen zugewandt ist? Was bedeutet es, mitten in der Gesellschaft zu wirken?

Die gute Zusammenarbeit bestätigt, dass Priesterausbildung, kompetente Persönlichkeitsbildung und Formatio nicht etwas sind, was nur außerhalb des Studiums und der Universität geschieht, sondern eben auch ein theologischer Auftrag ist. Die Universität ist hierfür ein wichtiger Lernort, Erfahrungs- und Erprobungsraum. Davon profitieren wir alle.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch ganz praktische Verbindungen: etwa die Anerkennung von Ausbildungselementen für das Studium, spezifische Lehrangebote, die der wechselseitigen Reflexion von Theologie und Praxiserfahrung dienen und viele weitere Angebote über verschiedene Fächer hinweg. Ein weiteres Beispiel: Wir haben auch einen gemeinsamen Studientag zum Thema „Stigmatisierung psychischer Erkrankungen als Herausforderung für die Seelsorge“ durchgeführt. All das sind gute Erfahrungen und Grundlagen, um gemeinsam neue Wege der Priesterausbildung zu gehen.

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn / © Harald Oppitz (KNA)
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was macht Ihnen als Dekan am meisten Freude an der Zusammenarbeit mit der Priesterausbildung?

Sautermeister: Die gemeinsame Leidenschaft für die Lebensrelevanz von Theologie und dafür, Entwicklungspotenziale von Menschen zu fördern und als Moraltheologe und Theologieprofessor in leitender Funktion daran mitzuwirken und mitzubekommen, dass junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität sind, nach Sinnquellen suchen, aus denen sie Kraft ziehen und ihr Leben gestalten wollen, man könnte auch sagen, der eigenen Berufung auf der Spur sind – und das theologisch reflektiert und kompetent. Die künftigen Aufgaben als Priester sind sehr verantwortungsvoll.

Menschen im Theologiestudium zu fördern und zu theologischen Persönlichkeiten zu bilden, sich von den großen Fragen herausfordern zu lassen, zu lernen und zu wachsen, um in Kirche, Gesellschaft und Gemeinde gemeinsam auf dem Weg zu sein und etwas von dem weitergeben zu können, was man gelernt hat und aus dem man selbst schöpft, das macht mir große Freude. Dann geht es nicht um Zahlen, sondern es geht um eine kompetente theologische Bildung, die immer auch mit Persönlichkeitsbildung und Professionalisierung einhergeht. Die Aufgaben für die pastoralen Berufe in unserer Gesellschaft werden noch anspruchsvoller und komplexer. Gemeinsam nach vorne zu denken, für die Menschen, für die Kirche, für die Gesellschaft, auch hinsichtlich der Priesterausbildung - dafür bin ich dankbar und das bereitet mir Freude.

Das Interview führte Gerald Mayer.

Quelle:
DR
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