BKU-Chef Hemel kritisiert Umgang mit Missbrauchsskandal

"Wir sehen ein kollektives Führungsversagen"

Ein kollektives Führungsversagen attestiert der Unternehmensberater und BKU-Vorsitzende Ulrich Hemel der Führungsspitze der katholischen Kirche. Wie aber kann es für die Kirche nun weiter gehen?

Ulrich Hemel, BKU-Vorsitzender / © Harald Oppitz (KNA)
Ulrich Hemel, BKU-Vorsitzender / © Harald Oppitz ( KNA )

 

KNA: Herr Professor Hemel, wenn Sie aus Sicht eines Unternehmensberaters auf den Missbrauchsskandal und das Münchner Gutachten schauen: Wie bewerten Sie den Zustand der katholischen Kirche?

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel (Vorsitzender des Bundes katholischer Unternehmer / BKU): Wir sehen ein kollektives Führungsversagen, das von Rom über die Deutsche Bischofskonferenz bis in die einzelnen Diözesen reicht. Wir brauchen eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern. Bisher hat die Kirche die Perspektive der Opfer systematisch und in meinen Augen schuldhaft ausgeblendet. Notwendig ist jetzt ein klares Bekenntnis der Verantwortungsträger zu ihrer auch persönlichen Schuld beim Umgang mit den Fällen sexuellen Missbrauchs.

KNA: Kardinal Marx hat argumentiert, er sei als Bischof zu allererst für die Verkündigung zuständig. Die administrativen Aufgaben müssten der Generalvikar und das Ordinariat erledigen. Sehen Sie das auch so?

Hemel: Das ist ein eklatantes Beispiel für dieses Führungsversagen. Kardinal Marx übersieht dabei, dass die Verkündigung des Wortes Gottes immer durch Wort und Tat geschieht. Die Verantwortung für den Umgang mit Missbrauchstaten kann ein Bischof nicht einfach auf andere delegieren. Das ist Chefsache. Er muss sich um so etwas kümmern und sich dafür interessieren.

Missbrauchsgutachten: Schwere Vorwürfe gegen Benedikt XVI. und Kardinal Marx

Das lange erwartete Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München-Freising belastet amtierende und frühere Amtsträger schwer, darunter auch den emeritierten Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzinger habe sich in seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten, heißt es in der am Donnerstag in München vorgestellten Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, werfen die Anwälte unter anderem vor, sich nicht ausreichend um Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert zu haben.

Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool (KNA)
Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool ( KNA )

KNA: Der Münsteraner Bischof Felix Genn hat neulich eine "Krise des Bischofsamtes" beklagt. Sind die Bischöfe im gegenwärtigen System der Kirche vielleicht einfach überlastet?

Hemel: Ich sehe eher ein problematisches Rollenverständnis und eine in Führungsfragen unzureichende Ausbildung für eine so zentrale Position. Es gibt einen alten Grundsatz: Das Heil der Gläubigen ist das oberste Gesetz der Seelsorge. Der Bischof muss sich mit den Sorgen und Nöten seiner Gläubigen identifizieren - und nicht in erster Linie Strukturen oder Machtverhältnisse aufrecht erhalten, die zur Flucht vor klarer Verantwortung beitragen. Das bedeutet auch: Ein Bischof muss klare Prioritäten setzen. Der Missbrauchsskandal wurde über Jahrzehnte verdrängt und weggeschoben.

KNA: Muss ein Bischof auch zurücktreten können?

Hemel: Dass so etwas möglich ist, hat Papst Benedikt XVI. ja selber gezeigt. Er hat offenbar gemerkt, dass er den vielfältigen Problemen nicht mehr gewachsen war und hat die Konsequenzen gezogen. Dennoch sehe ich Rücktritte eher als Ultima Ratio, als allerletztes Mittel. Denn so ein Amtsverzicht verändert ja keine Strukturen. Es braucht Reformen und nicht ein Mehr vom immer Gleichen.

KNA: Braucht es mehr Gewaltenteilung und Kontrolle in der Kirche?

Hemel: Auf jeden Fall. Ich finde es katastrophal, dass es immer noch keine Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Kirche gibt. Das würde endlich zu mehr Rechtssicherheit führen und das Handeln kirchenamtlicher Stellen einer rechtlichen Überprüfung unterziehen. Die Betroffenen kirchlichen Handelns, gerade auch beim Thema sexueller Missbrauch, brauchen mehr Rechte. Das gilt beispielsweise für die Durchsetzung von Ansprüchen auf Auskunft und Akteneinsicht oder bei der Abwehr von Verfahrensverschleppung.

Prof. Ulrich Hemel

"Innerkirchlich braucht es so etwas wie einen Wahrheits- und Versöhnungsprozess mit den Opfern, mit den Tätern, mit den Verantwortlichen."

KNA: Was muss die Kirche jetzt mit Blick auf den Umgang mit dem Missbrauchsskandal tun?

Hemel: Ich halte eine externe Bewertung der Sachverhalte durch staatliche Institutionen, unabhängige Gutachter oder eigens eingerichtete, unabhängig besetzte Kommissionen für richtig. Der Binnenblick genügt nicht. Innerkirchlich braucht es so etwas wie einen Wahrheits- und Versöhnungsprozess mit den Opfern, mit den Tätern, mit den Verantwortlichen. Auch die Gemeinden und die katholischen Laien dort müssen sich bewusst machen, dass sie in der Verantwortung dafür stehen, dass solche Taten nicht mehr passieren.

Das Interview führte Christoph Arens.

Quelle:
KNA
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