Fragen und Antworten zum Verhältnis Kirche und Demokratie

Bischöfe haben doppeltes Vetorecht beim Synodalen Weg

Nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem katholischen Reformdialog Synodaler Weg kommt immer wieder die Frage auf, welches Verhältnis die katholische Kirche zur Demokratie hat. Einige Fragen und Antworten zu dieser Thematik.

Symbolfoto Synodaler Weg / © Bert Bostelmann (KNA)
Symbolfoto Synodaler Weg / © Bert Bostelmann ( KNA )

Ist die katholische Kirche demokratisch verfasst?

Nein. An ihrer Spitze steht der Papst. Er ist ein von Wahlmännern - Kardinälen - gewählter Monarch und gleichzeitig oberster Gesetzgeber, oberster Richter und Oberhaupt. Ähnlich verhält es sich in den Bistümern, in denen die vom Papst ernannten Bischöfe ohne Gewaltenteilung regieren.

Theologisch wird das damit begründet, dass der Papst als Nachfolger von Petrus gesehen wird, der von Jesus direkt eingesetzt wurde. Die Bischöfe wiederum verstehen sich als Nachfolger der von Jesus berufenen Apostel. Seit den 1970er Jahren gibt es allerdings auf Ebene der Weltkirche, der Bistümer und der Pfarreien Synoden und Räte, denen ein gewisses Mitspracherecht zukommt.

Wie ist das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie?

Historisch betrachtet schwierig. Während die Urgemeinden eher basisdemokratisch waren, setzte sich ab dem vierten Jahrhundert das monarchistische Prinzip durch. Die Französische Revolution und die meisten anderen republikanischen Revolutionen vom 18. bis ins 20.

Jahrhundert bekämpften die katholische Kirche. Der aus den Revolutionen entstandene demokratische Verfassungsstaat westlichen Typs wurde von der katholischen Kirche bis ins 20. Jahrhundert überwiegend abgelehnt. Eine grundlegende Änderung, verbunden mit der wohlwollenden Anerkennung von Menschenrechten und Religionsfreiheit, brachte erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962 -1965).

Wie steht die Kirche heute zur Demokratie als Staatsform?

Überwiegend positiv. Weltweit verlangt die katholische Kirche heute die Durchsetzung von Menschenrechten und demokratischen Strukturen in den Staaten. Allerdings kritisiert die Kirche Mehrheitsentscheidungen, wenn diese gegen Wahrheiten und Normen verstoßen, die aus ihrer Sicht unverhandelbar sind, etwa der Lebensschutz.

Gibt es demokratische Strukturen in der katholischen Kirche?

Ja. Auf Ebene der Pfarreien werden Verwaltungsräte und Gemeinderäte demokratisch gewählt. Auf Bistumsebene gibt es in einigen Diözesen demokratische Modelle: Dazu gehört außer dem Bistum Limburg das Bistum Rottenburg-Stuttgart, wo der Diözesanrat über das Haushaltsrecht sogar Vorhaben des Bischofs mit einer Zweidrittelmehrheit kippen kann. Das führt in der Praxis dazu, dass Bischof und Rat die Entscheidungsprozesse kooperativ planen.

Auch in den Schweizer Diözesen Basel und Sankt Gallen gibt es demokratische Formen der Teilhabe: Nirgendwo sonst auf der Welt ist das Mitspracherecht bei der Bischofswahl so ausgeprägt wie dort - allerdings weitestgehend beschränkt auf die Domkapitel. Auch beim Geldausgeben färbt die basisdemokratische und konsensorientierte Grundstruktur der Eidgenossenschaft auf die katholische Kirche ab.

Wie sieht es mit der innerkirchlichen Demokratie beim Synodalen Weg aus?

Der Synodale Weg besteht aus Bischöfen, Priestern und Nichtklerikern.

Bei den Abstimmungen gilt grundsätzlich das Prinzip "one man one vote", also: Jedes Mitglied hat eine Stimme. Allerdings gelten Beschlüsse nur dann als angenommen, wenn sie auch unter den teilnehmenden Bischöfe eine Zweidrittelmehrheit erreichen. Da allein die Bischöfe die Macht haben, Beschlüsse in ihren Bistümern in Kraft zu setzen, kommt ihnen faktisch ein doppeltes Vetorecht zu: Einmal über die Sperrminorität in der Synodalversammlung und dann noch mal bei der Umsetzung.

Autor/in:
Michael Jacquemain
Quelle:
KNA
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