Betroffener Pfarrer erschüttert über Gipfelkreuz-Attacke

"Ein großes Fragezeichen"

Immer wieder zerstören Unbekannte Gipfelkreuze. Auch die Pfarrei von Josef Kraller im oberbayerischen Lenggries ist betroffen. "Wir machen uns den Glauben aus den eigenen Reihen heraus kaputt", sagt er bei domradio.de.

Gipfelkreuz / © Ryszard Karp (KNA)
Gipfelkreuz / © Ryszard Karp ( KNA )

domradio.de: Unbekannte haben am Wochenende das Gipfelkreuz am Kotzen im Karwendelgebirge abgesägt. Beschreiben Sie einmal Ihr Gefühl, als Sie von diesem erneuten Vorfall in Ihrer Pfarrei erfahren haben.

Josef Kraller (Pfarrer von St. Jakob in Lenggries in Oberbayern): Ich kann es selber nicht verstehen. Ich weiß nicht, was in einem Menschen vorgeht, der so etwas macht. Manchmal denke ich: Will uns jemand wachrütteln? Sollen wir über unseren Glauben neu nachdenken? Oder ist es ein Affront gegen unseren Glauben? Für mich ist es wie ein großes Fragezeichen, ich kann auch keine Antwort geben.

domradio.de: Der Straftatbestand ist vermutlich einfach nur Sachbeschädigung. Was ist es für Sie?

Kraller: Es ist Sachbeschädigung. Aber es ist auch eine Beschädigung unseres Glaubens. Dabei tut das Kreuz doch keinem Menschen etwas. Weshalb haben die Menschen ein Kreuz auf den Berg gestellt? Es ist ein Zeichen, Gott nahe zu sein. Ein Kreuz ist für mich ein Zeichen der Erlösung und der Freude. Ich darf in die Natur hineinschauen, um Gott zu begegnen.

domradio.de: Ein Gipfel ohne Kreuz - ist das unvollständig für Sie?

Kraller: Ja, es ist unvollständig. Natürlich kann ich auch so in der Natur beten und mit Gott reden. Aber ein Gipfelkreuz ist etwas Besonderes - besonders wenn ich den Berg erklommen habe und die Natur und die Landschaft sehe. Jetzt darf das Kreuz wegen der Religionsfreiheit dort nicht mehr stehen - für mich unverständlich. Heute steht in der Zeitung, dass auch Richter keine Kreuze mehr tragen dürfen. Wie weit sind wir gekommen….

domradio.de: Es gibt ja in unserer Gesellschaft immer wieder religionskritische Äußerungen: So sollen zum Beispiel auch aus den Klassenzimmern die Kreuze raus. Auch ein Berggipfel soll religionsfreier Raum sein. Können Sie diese Forderungen auch verstehen?

Kraller: Ich kann die Forderungen nicht verstehen. Ein Beispiel: Als vor ein paar Jahren die Flüchtlinge zu uns gekommen sind, gab es auch eine Diskussion über die Kreuze an der Wand. Eine 84-jährige Frau aus der Nachbargemeinde hatte gefordert, dass diese abgenommen werden sollten. Auch die Flüchtlinge wurden gefragt, ob ihnen das Kreuz schadet. Da sagt eine Frau flehend: Bitte lasst dieses Kreuz an der Wand. Diese Reaktion zeigt ganz deutlich: Wir machen uns den Glauben aus den eigenen Reihen heraus kaputt.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Quelle:
DR
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