Alpen werden zum Schauplatz eines merkwürdigen Glaubenskrieges

Hacker-Angriffe in den Bergen

In Bayern verschwinden Gipfelkreuze; in den Schweizer Bergen leuchtet ein Halbmond mit den Sternen um die Wette. Ein Kardinal und eine Bergsteigerlegende wettern um die Wette. Himmel, was ist da los in den Alpen?

Gipfelkreuz / © Ryszard Karp (KNA)
Gipfelkreuz / © Ryszard Karp ( KNA )

Es begann an Pfingsten. Und es hört nicht auf, vorläufig zumindest. Seit unbekannte Täter in den oberbayerischen Alpen auf drei Kreuze einhackten und sie schwer beschädigten, steht die Frage nach dem Umgang mit den religiösen Symbolen im Raum.

Kunsthistoriker, Kardinäle und Koryphäen des Bergsports melden sich zu Wort, die Polizei ermittelt. Derweil treibt ein Aktionskünstler in der Schweiz die ganze Sache auf die Spitze - und montiert einen Halbmond auf den "Gipfel der Freiheit" in den Appenzeller Alpen. Ein merkwürdiger Glaubenskrieg ist um die religiösen Symbole in den Alpen entbrannt.

Erstes Gipfelkreuz im Jahr 1799 am Großglockner

Für die Kulturchefin des Deutschen Alpenvereins, Friederike Kaiser, gehören Gipfelkreuze zur Kulturlandschaft. Berggipfel hätten von jeher als der Punkt gegolten, "an dem sich der Himmel als Sitz des Übernatürlichen, des Göttlichen und die Erde berühren", sagte die Kunsthistorikerin der "Süddeutschen Zeitung". Den Anfang machte Kaisers Angaben zufolge 1799 der Großglockner, mit 3.798 Metern der höchste Berg Österreichs. Viele der Kreuze haben eine ganz eigene Geschichte, oft sind sie verbunden mit den Bewohnern der Ortschaften am Fuß der Berge.

So wie das Gipfelkreuz auf dem Prinzkopf. Ein Almhirte stellte es 1982 mit eine paar Freunden auf, der Mann verunglückte später, das Kreuz begann morsch zu werden. Wohl auch, um das Andenken des Toten zu ehren, errichteten 2012 einige Einwohner aus Lenggries ein neues Kreuz, das nun attackiert wurde. Auch die beiden anderen Kreuze stehen beziehungsweise standen in der Nähe des beliebten Urlaubsortes im Isarwinkel. "Für die Menschen sind die Kreuze etwas Wertvolles", sagt der katholische Pfarrer von Lenggries, Josef Kraller. Er kann sich die Ursache für die Hacker-Angriffe beim besten Willen nicht erklären.

Polizei tappt im Dunkeln

"Was soll das?" fragt sich auch die Polizei. "Konkrete Täterhinweise, die zum Ermittlungserfolg führen könnten, gingen bisher nicht ein", sagt Josef Mayr von der zuständigen Polizeiinspektion Bad Tölz. Er persönlich halte einen religiösen Hintergrund für denkbar. "Eine andere, erklärbare Motivation hat sich noch nicht dargestellt." Offenbar gibt es Zeitgenossen, die mit dem Kreuz über Kreuz liegen.

Einer von ihnen ist Extrembergsteiger Reinhold Messner. Wobei er die Hacker-Angriffe in einem Interview der "Welt" ausdrücklich verurteilte. "Aber ich könnte persönlich auf weitere Gipfelkreuze verzichten."

Man solle, so Messner, die Berge, die doch der ganzen Menschheit gehörten, nicht zu religiösen Zwecken "möblieren". Einspruch meldete jetzt kein Geringerer an als Kardinal Christoph Schönborn. "Ist es nicht eine Freude, am Gipfel des Berges dem Schöpfer zu danken?", fragte der Wiener Erzbischof in seiner Kolumne für die Gratiszeitung "Heute". Die Redaktion der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" wandte sich gar in einem offenen Brief an Messner und verteidigte die Gegenwart des christlichen Symbols auf den Gipfeln der Alpen.

Halbmond statt Kreuz

Götterdämmerung in den Bergen? In der Schweiz will Christian Meier mit seinem zweieinhalb Meter hohen Halbmond ein Zeichen setzen - gegen Gipfelkreuze. Als Atheist empfinde er diese als absurd, gab der Künstler zu Protokoll, der mit seiner Nacht- und-Nebel-Aktion international für Schlagzeilen sorgte. Dank Beleuchtung durch Solarenergie ist die Installation im Fels auch nachts gut sichtbar.

Ausgerechnet die Schweizer, die sogar ein Kreuz in ihrer Flagge führen, scheinen damit ein Problem zu haben. Ein Landsmann Meiers, Patrick Bussard, machte sich im Winter 2009/2010 an mehreren Gipfelkreuzen zu schaffen. Sie hätten in den Bergen nichts zu suchen.

In Oberbayern wurde am 2.102 Meter hohen Schafreiter eines der drei beschädigten Kreuze zwischenzeitlich ersetzt. Ausgerechnet von Mitgliedern der rechtsradikalen "Identitären Bewegung". Es soll nicht lange stehen bleiben, sondern durch ein anderes ersetzt werden. Zu den vielen Seltsamkeiten der ganzen Angelegenheit passt auch noch diese Fußnote: Zu den wichtigsten Zeugen der Attacke am Prinzkopf gehört Medienberichten zufolge ein Ehepaar namens Resi und Anton Beilhack - ausgerechnet.

Autor/in:
Joachim Heinz
Quelle:
KNA