Betroffeneninitiative will staatlich geführte Aufarbeitung

"Sehr lange um den heißen Brei herumgeredet"

Die Betroffeneninitiative Süddeutschland fordert in der Missbrauchsaufarbeitung staatliches Eingreifen. Die Kirche könne die Aufgabe nicht allein übernehmen. Das Vertrauen vieler Betroffener gegenüber der Kirche sei nicht mehr da.

Teilnehmer eines Protestbündnisses demonstrieren gegen die "Vertuschung von Missbrauch in der katholischen Kirche" / © Sven Hoppe (dpa)
Teilnehmer eines Protestbündnisses demonstrieren gegen die "Vertuschung von Missbrauch in der katholischen Kirche" / © Sven Hoppe ( dpa )
Missbrauchsbetroffene Astrid Mayer / © Harald Oppitz (KNA)
Missbrauchsbetroffene Astrid Mayer / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Kardinal Marx hat heute in der Pressekonferenz mehrfach gesagt, er habe Fehler gemacht, die größte Schuld sei gewesen, die Betroffenen übersehen zu haben. Wie bewerten Sie seine Aussagen?

Astrid Mayer (Betroffeneninitiative Süddeutschland): Es ist ehrenwert, dass er um Entschuldigung bittet und sich nicht entschuldigt, was in der Vergangenheit gerne eine Formulierung war. Andererseits ist die Frage doch: Wie wird es in Zukunft sein und wie vertrauenswürdig ist es, wenn Besserung gelobt wird, das ist ja das, was er getan hat. Und es gab am Ende der Pressekonferenz die Frage, warum er den Schmerz der Opfer nicht an sich heranlassen konnte. Und da hat er sehr lange um den heißen Brei herumgeredet. Er hat eigentlich gar keine Antwort gegeben und ich würde mich schon sehr dafür interessieren, eine Antwort zu bekommen. Warum können die meisten Kleriker den Schmerz der Opfer nicht an sich heranlassen?

DOMRADIO.DE: Sie erwarten tatsächlich eine Antwort von Kardinal Marx persönlich, warum das bei ihm nicht möglich war?

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, äußert sich in einer Pressekonferenz / © Sven Hoppe/dpa-Pool (dpa)
Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, äußert sich in einer Pressekonferenz / © Sven Hoppe/dpa-Pool ( dpa )

Mayer: Ja, weil eigentlich erst die Einsicht in die Gründe, die Möglichkeit zu einer Besserung bietet. Wenn man es nicht versteht, warum sollte man es dann besser machen können?

DOMRADIO.DE: Eine personelle Konsequenz, die gezogen wurde, ist, dass Prälat Lorenz Wolf, der oberste Kirchenrechtler und einer der einflussreichsten Kirchenmänner im Erzbistum München-Freising, jetzt erst mal alle seine Ämter ruhen lässt. Das Gutachten wirft ihm in mehreren Fällen vor, nicht richtig gehandelt zu haben. Ist das aus Ihrer Sicht jetzt schon mal ein guter Schritt? Erwarten Sie personelle Konsequenzen?

Mayer: Personelle Konsequenzen erwartet man selbstverständlich. Wie in jedem Unternehmen, wenn Verantwortung übernommen wird, muss man natürlich auch irgendwann einmal personelle Konsequenzen ziehen. Bei Herrn Wolf: Ämter ruhen lassen ist ja erst mal keine dauerhafte Konsequenz. Und es ist ja so, dass Herr Wolf noch zum Beispiel im Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks ist. Und da möchte ich zumindest so jemanden eigentlich nicht mehr sehen. Er ist dann offensichtlich auch der Kontaktmann zur Staatsregierung, die dann wiederum die Menschen in die Aufarbeitungskommission beruft. Und da fragt man sich schon: Jemand, der so Täter geschützt hat, mit vertuscht hat, was für Menschen er kennt, die dann wiederum die Aufarbeitungskommission bestücken. Da sind für mich dann auch so Verfilzungen. Da stehe ich vor großen Fragen, was die sehr betonte Unabhängigkeit dieser Kommission angeht,

DOMRADIO.DE: Sollte Kardinal Marx zurückzutreten?

Mayer: Das hat er ja lang und breit erklärt, warum er jetzt nicht zurücktritt und nicht zurücktreten muss oder kann. Das kann ich auch akzeptieren. Es ist ja auch die Frage: Kann jemand, der von dieser Institution so stark geprägt ist, es besser machen als Kardinal Marx? Da gibt es wirklich große strukturelle Probleme und man fragt sich dann schon, ob ein Nachfolger das besser machen würde.

Kardinal Marx will vorerst im Amt bleiben

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx will zumindest vorerst im Amt bleiben. "Ich klebe nicht an meinem Amt", betonte er allerdings auch in München: "Das Angebot des Amtsverzichts im letzten Jahr war sehr ernst gemeint. Papst Franziskus hat anders entschieden und mich aufgefordert, meinen Dienst verantwortlich weiterzuführen."

Nachdenklich und erschöpft: Kardinal Reinhard Marx / © Harald Oppitz (KNA)

DOMRADIO.DE: Wie wird denn die heutige Reaktion von Kardinal Marx von anderen Betroffenen aufgenommen?

Mayer: Da kann ich jetzt nicht für alle sprechen, natürlich. Wir nehmen jemanden wahr, dessen Selbstbewusstsein eigentlich nicht wirklich erschüttert ist, auch wenn diese Erschütterung sehr stark betont wird. Jemanden, der dem ehemaligen Papst und dem jetzigen Papst weiter gehorsam bleibt und ihn nicht kritisiert. Jemanden, der von der Führungsverantwortung des Evangeliums spricht, obwohl er andererseits sich gegen Klerikalismus wendet. Dass angeblich das jetzt so ein einschneidendes Ereignis sei, dieses Gutachten, das nehmen ihm, glaube ich, wenig Menschen wirklich ab. Zumal er davon spricht, dass 2010 auch schon ein Einschnitt war. 2018 war auch schon ein Einschnitt. Jetzt kommt wieder ein Einschnitt. Aber die Frage ist ja dann: Ja, was hat das eigentlich für Folgen?

DOMRADIO.DE: Kann die Aufarbeitung denn überhaupt geschafft werden von der Kirche allein? Oder sollte Ihrer Meinung nach der Staat eingreifen, wie dies zum Beispiel in Spanien jetzt gehandhabt wird?

Mayer: Ich glaube, dass viele Leute in der Kirche erleichtert wären, wenn man die Aufarbeitung tatsächlich der Kirche aus der Hand nehmen würde. Das Vertrauen ist ja sowieso längst nicht mehr da. Sie haben es ja auch von mir jetzt wieder gehört, wenn das diese angeblich unabhängige Aufarbeitungskommission gibt, da bezweifele nicht nur ich die Unabhängigkeit. Dann haben wir das Problem, dass die Kanzlei, die für das Gutachten verantwortlich war, auch angesprochen hat. Man kann diese Aufarbeitung nicht machen ohne Zeugenbefragung, weil die Aktenlage einfach so schlecht ist. Und ich bin nicht sicher und ich habe meine Zweifel, dass es viele Betroffene gibt, die als Zeugen auftreten möchten, in Aufarbeitungskommissionen, die von der Kirche geführt werden. Da ist der Wunsch nach Eingreifen nicht nur unter Betroffenen ziemlich groß, würde ich sagen.

DOMRADIO.DE: Und grundsätzlich die Haltung der Kirche: Was muss sich ändern?

Mayer: Wir haben es mit einer Institution zu tun, die eine Sexualmoral vertritt, die genau dazu geführt hat, dass so viel missbraucht wurde und das dann auch noch vertuscht wurde. Wie soll das gehen, dass gerade so eine Institution dann aufarbeitet oder sich um die Opfer kümmert oder was auch immer? Ich weiß nicht, ob das geht, von der Kirche zu verlangen, dass sie die Sexualmoral reformiert oder aufgibt, weil das eigentlich ein konstituierendes Element dieser Kirche ist. Aber wenn, dann würde ich mir das, glaube ich, am meisten wünschen.

Dringend notwendig wären auch Anlaufstellen für Betroffene, die nicht mehr katholisch oder gläubig sind. Für diese gibt es aktuell kein Angebot. Wir haben Kardinal Marx um eine Finanzierung für unseren Verein gebeten, damit wir professionell und nicht nur ehrenamtlich arbeiten können. Eine Vernetzung der Betroffenen ist dringend notwendig, damit sie sich nicht vereinzelt der Institution gegenüber finden. Viele Menschen überfordert das nämlich völlig. Und das sind diejenigen, die man gar nicht sieht. Weil sie sich gar nicht erst melden.

 

Quelle:
DR