Reaktionen auf neue Studie zu wachsendem Antisemitismus

Besorgniserregende Daten

Nach der jüngsten Studie zu wachsendem Antisemitismus in Deutschland haben sich Vertreter der jüdischen Gemeinschaft und der Bundesregierung alarmiert gezeigt. Die Umfrage hatte ergeben, dass jeder vierte Bundesbürger antisemitisch denke.

"Kippa-Tag" in Frankfurt / © Boris Roessler (dpa)
"Kippa-Tag" in Frankfurt / © Boris Roessler ( dpa )

Es gebe allen Anlass, sich zu fragen, "ob Deutschland sich wirklich von seiner schwierigen Vergangenheit gelöst hat", so der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald S. Lauder. Einen "neuen Höhepunkt" des Antisemitismus sieht der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete die Ergebnisse als wenig überraschend.

Die repräsentative Umfrage hatte ergeben, dass 27 Prozent aller Deutschen und 18 Prozent einer als "Elite" kategorisierten Bevölkerungsgruppe antisemitische Gedanken hegen. 41 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Der WJC ist der Dachverband jüdischer Gemeinden und Organisationen aus mehr als 100 Ländern.

Bildung gegen Antisemitismus

Lauder nannte in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Freitag) als Antrieb für den "gefährlichen Trend" die politische Rechte, die "den Juden" für alles verantwortlich mache. Dann gebe es noch einen "radikalen muslimischen Antizionismus", der sich auf vielen Feldern "mit dem traditionellen Antizionismus einer extremen Fraktion der deutschen Linken deckt".

Dass der Antisemitismus ansteige, hänge auch mit einem Mangel an Bildung zusammen, so Lauder. "Bildung muss ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Antisemitismus sein." Lauder schreibt, er sehe auch "deutliche Rückstände bei Polizei und Justiz. Der WJC dringe auf eine Kampagne zur Bekämpfung von Antisemitismus. Dabei solle man sich auf Bildung konzentrieren sowie auf eine stärkere Vernetzung von Akteuren und der Gesellschaft - "jenseits aller Ideologien und Religionen".

Knobloch erklärte, der Judenhass und "damit auch die latente Bedrohung für das jüdische Leben in unserem Land" seien nie ganz verschwunden gewesen - "im Gegenteil hat beides in den vergangenen Jahren wieder spürbar zugenommen". Positiv sei aber, dass die Studie auch eine wachsende Bereitschaft zum Eintreten gegen Antisemitismus zeige.

"Hemmschwellen sind gesunken"

Auch Klein sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass der Antisemitismus in bürgerlichen Kreisen immer vorhanden gewesen sei. "Doch heute äußern sich die Menschen offener. Die Hemmschwellen sind gesunken, zum Beispiel durch die Verbreitung von Hass und die Verrohung im Internet." Es sei "skandalös", dass viele Verfahren zu antisemitischen Straftaten von den Staatsanwaltschaften eingestellt würden. Die Gerichte müssten Antisemitismus stärker ahnden.

Israels Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, bezeichnete die Daten als besorgniserregend. Sie sollten jeden Bürger beunruhigen, "der dem Fortbestand der deutschen Demokratie und der Toleranz verpflichtet ist", sagte er der Funke Mediengruppe. "Wir hoffen und erwarten, dass die deutschen Behörden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Erscheinungsformen des Antisemitismus zu beseitigen."

 

Charlotte Knobloch / © Peter Kneffel (dpa)
Charlotte Knobloch / © Peter Kneffel ( dpa )
WJC-Präsident Ronald S. Lauder (dpa)
WJC-Präsident Ronald S. Lauder / ( dpa )
Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung: Felix Klein / © Rene Bertrand (dpa)
Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung: Felix Klein / © Rene Bertrand ( dpa )
Quelle:
KNA
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