KNA: Herr Kardinal, vor 35 Jahren begann der Jugoslawienkrieg. Wie sichtbar ist das noch im Leben der Menschen in Serbien?
Ladislav Kardinal Nemet (Erzbischof von Belgrad): Es ist durchaus noch präsent. Es ist noch keine Versöhnung erreicht, und sie wird auch nicht wirklich gesucht. Es gibt zahlreiche Fragen, die spalten, wenn es etwa um den Genozid von Srebrenica geht, das weiterhin offene Problem mit Kosovo oder die Bombardierung Serbiens von 1999. Wir leben im Schatten dieser Realitäten. Die Menschen sind daran gewöhnt, damit umzugehen, weil es unmöglich ist, ständig nur daran zu denken. Gleichzeitig lebt man in dem Bewusstsein, dass jederzeit ein altes Problem wieder aufflammen kann.
KNA: Wie ist die Situation der katholischen Kirche?
Nemet: Wir sind eine Minderheitenkirche, die Katholiken machen weniger als fünf Prozent der Bevölkerung aus. Insgesamt sprechen wir von rund 300.000 Katholiken im Land, davon leben die meisten, etwa 275.000, in der Vojvodina im Norden und nur rund 25.000 im Raum Belgrad. Es gibt zwar ein normales pastorales Leben, aber es ist schwierig, die Menschen zusammenzubringen.
KNA: Wie ist das Verhältnis zur orthodoxen Kirche, der rund 85 Prozent der Serben angehören?
Nemet: Die Situation ist in den letzten zehn Jahren besser geworden, auch weil die Kriege immer weiter zurückliegen. Auch gab es einen positiven Effekt durch Papst Franziskus und seine guten Beziehungen zur Orthodoxie. Gleichzeitig muss man realistisch sein: Ökumenischen Dialog gibt es vor allem im Alltag. Die Menschen leben und studieren zusammen, die Frage der Religion ist dabei oft nicht entscheidend. Aber einen theologischen Dialog gibt es nicht. Die orthodoxe Kirche ist nicht so offen für Reformfragen, wie wir sie im synodalen Prozess beschreiben.
KNA: Bei nur fünf Prozent Katholikenanteil, wirkt da die Kirche in die Gesellschaft hinein?
Nemet: Durchaus. In der Gesellschaft sind wir vor allem durch unsere karitativen Tätigkeiten präsent. Die Caritas Serbien wurde vor 30 Jahren gegründet, und sie war immer in Krisenzeiten da: während der Jugoslawienkriege, beim Zerfall des Landes, bei der Bombardierung 1999, später bei den Flutkatastrophen 2014, bei der Migrationswelle von 2015 und heute.
Wir sind Teil der weltweiten Kirche, und dadurch ist die Caritas auch international vernetzt. Sie hat viel mehr Möglichkeiten, Hilfe zu organisieren, als zum Beispiel die orthodoxe Kirche, die eine Nationalkirche ist. Viele haben mehr Vertrauen in die Caritas als in andere Organisationen oder staatliche Akteure. Die Korruption ist hoch in Serbien, das ist bekannt. Aber die Caritas hat in der serbischen Gesellschaft einen guten Ruf.
KNA: Viele Menschen verlassen Serbien in Richtung Westen. Welche Bedeutung hat Europa heute für die Menschen im Land?
Nemet: Wenn Menschen Serbien verlassen, gehen sie in die Staaten der Europäischen Union. Niemand geht nach Moskau oder Peking.
Gleichzeitig fühlen sich viele enttäuscht und ausgespielt. Seit Jahren gibt es Verheißungen aus Brüssel, aber keine Entscheidung, Serbien aufzunehmen. Viele fragen sich, warum andere Länder aufgenommen wurden, als sie politisch und wirtschaftlich schwächer waren als Serbien heute – etwa Rumänien und Bulgarien, aber auch Portugal und Griechenland. Das wird als unfair empfunden. Vielleicht ist es auch so, dass einige in der Europäischen Union froh sind, wenn junge, gut ausgebildete Menschen aus Serbien kommen, ohne dass Serbien selbst aufgenommen wird. Das ist ein Spiel mit Menschen und ihren Lebensgeschichten.
KNA: Diese Enttäuschung über Europa fällt zusammen mit anhaltenden Protesten im Land. Wie ist das gesellschaftliche Klima in Serbien?
Nemet: Unsicherheit prägt das Leben der Menschen sehr stark. Seit einem Jahr gibt es Demonstrationen. Viele haben das Gefühl, dass sie politisch loyal sein müssen, um überhaupt arbeiten zu können oder um keine Nachteile zu haben. Wenn man ständig darüber nachdenken muss, ob ein falsches Wort Konsequenzen haben könnte, erzeugt das großen Druck. Es gibt auch eine reale Angst vor Gewalt. Gewalt haben wir bereits erlebt. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Lage ohne Gewalt gelöst wird.
Das Interview führte Markus Nowak.