Beiratssprecher Münster fordert staatliches Handeln

"Kirche kann nicht Täter, Aufklärer und Anwalt sein"

Der Sprecher des Beirats der Historikerkommission der Uni Münster, Martin Schmitz, fordert im Umgang mit Missbrauch durch Kleriker ein staatliches Eingreifen und Handeln, um eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe zu ermöglichen.

St. Paulus-Dom in Münster unter dunklen Wolken / © Lars Berg (KNA)
St. Paulus-Dom in Münster unter dunklen Wolken / © Lars Berg ( KNA )

Die zurückliegenden Jahre der Aufklärung in Deutschland des sexuellen Missbrauchs durch Priester hätten gezeigt, dass Kirche mit dieser Aufgabe weitestgehend überfordert sei, sagte Schmitz dem WDR5-"Morgenecho" am Samstag. Das derzeit große Problem sei: "Kirche ist Täterorganisation, sie ist Richter, sie ist Aufklärer, sie ist Anwalt für die Betroffenen. Alles zusammen geht einfach nicht." Der Staat müsse an dieser Stelle reagieren.

Ein unabhängiges Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Münster hatte am vergangenen Montag mindestens 610 Missbrauchsopfer im Bistum Münster zwischen 1945 und 2020 offenbart. Die Kinder und Jugendlichen seien mehrheitlich zwischen zehn und 14 Jahre alt gewesen, ein Viertel von ihnen Mädchen, erklärte das fünfköpfige Wissenschaftlerteam. Die Studie geht von etwa 196 beschuldigten Klerikern aus. Die Dunkelziffer liege wahrscheinlich bis zu fünfmal höher, hieß es.

Grundsätzliche Problematik lösen

Studie: Flächendeckender Missbrauch im Bistum Münster

Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer im Bistum Münster ist nach einer Studie der Universität Münster deutlich höher als bekannt. Laut der über zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit eines fünfköpfigen Teams gab es von 1945 bis 2020 fast 200 Kleriker und bekannte 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Damit sind 4,17 Prozent der Priester betroffen. Die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Forscher gehen von 5000 bis 6000 Opfern aus.

Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)

Schmitz kritisierte, dass der Staat zu lange eine Auseinandersetzung zwischen Tätern und Opfern zugelassen habe, die nicht auf Augenhöhe stattfinde. Bislang seien "der große Spieler Kirche" und eine "ganz kleine Gruppe wehrloser Betroffener" gegeneinander angetreten, "und der Staat hat am Spielfeldrand gestanden und zugeschaut". Die Ankündigung von Bischof Genn nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie, keinen eigenen Betroffenenbeirat einzurichten, sondern eine selbst organisierte, bistumsunabhängige Betroffenenbeteiligung, gehe zwar in die richtige Richtung, würdigte Schmitz. Dies löse aber die grundsätzliche Problematik nicht.

Schmitz kritisierte auch den Umgang des Bistums Münster und anderer Bistümer mit den Entschädigungszahlungen an Betroffene. Bist zu 50.000 Euro würden gezahlt. Betroffener erhielten allerdings keinen Einblick über die Begründung für die an sie ausgezahlte Summe.

Konsequenzen, aber kein Rücktritt

"Es wird nicht wirklich vergleichbar. Die Zahlungen fallen völlig unterschiedlich aus und sind in vielen Fällen nicht ausreichend, denn als Betroffener, der lange Zeit gesundheitlich eingeschränkt gewesen ist, der schweres Leid erfahren hat, da nehmen sich bis zu 50.000 Euro unglücklich aus, einfacher gesagt: als verletzend."

Nach Veröffentlichung einer Studie über sexuellen Missbrauch im Bistum Münster hatte Bischof Felix Genn am vergangenen Freitag Konsequenzen sowie Reformen angekündigt und Fehler eingeräumt. Einen Rücktritt schloss Genn allerdings aus. Er glaube nicht, dass er sexuellen Missbrauch vertuscht und die Interessen der Institution über die Sorge der Betroffenen gestellt habe. Seine verbleibende Amtszeit von etwa anderthalb Jahren wolle er noch Bischof bleiben.

Quelle:
epd
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