Bei der Oberammergauer Passion fällt der Vorhang

Noch fünf Mal wird Jesus gekreuzigt und ersteht von den Toten

Trotz aller Corona-Unsicherheiten sind die 42. Passionspiele ein großer Erfolg für Oberammergau geworden. Gut 412.000 Tickets wurden verkauft, 91 Prozent Auslastung am Ende. Bleibt die Frage: Macht Christian Stückl bis 2030 weiter?

Jesus hängt am Kreuz - bei den Passionsspielen in Oberammergau / © Dieter Mayr (KNA)
Jesus hängt am Kreuz - bei den Passionsspielen in Oberammergau / © Dieter Mayr ( KNA )

T-Shirts und Jacken mit dem Aufdruck "Passionsspiele 2022" gibt es bei den Händlern in Oberammergau bereits zum halben Preis. Der prachtvolle Bildband ist noch nicht herabgesetzt. Am Dienstag und von Donnerstag bis Sonntag wird Jesus auf der Bühne nochmals mit Hosianna-Rufen empfangen, verurteilt, ans Kreuz geschlagen, sein Leichnam abgenommen und ins Grab gelegt. Am Schluss aber dominieren die Halleluja-Rufe und das Bekenntnis der Maria Magdalena: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Er ist auferstanden." 

Schon gegen 10 Uhr drängen sich die Menschen am Passionstheater. Bevor das Spiel in dreieinhalb Stunden beginnt, werden im Foyer in Englisch und auch in Deutsch kostenlose Einführungen angeboten. Sie erfreuen sich von Anfang an großer Beliebtheit. Die Leute wollen wissen, wie es zum Pestgelübde 1633 kam und wie sich über die Jahrhunderte alles weiterentwickelt hat. 

Passion geht vor

Im Pavillon gegenüber ziehen die Verantwortlichen derweil eine vorläufige Bilanz der 42. Passionsspiele. Coronabedingt um zwei Jahre verschoben, hob sich im Mai endlich der Vorhang. Im erneuten Lockdown im Januar hatte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) daran nicht glauben wollen, Spielleiter Christian Stückl schon. Ihn konnte nicht einmal ein Herzinfarkt im Februar stoppen. Statt in Reha zu gehen, machte er sich zur "Erholung" an die Volks- und Einzelproben, denn "der Passion", wie die Einheimischen das alle zehn Jahre stattfindende Spektakel nennen, geht vor. 

Oberammergauer Passionsspiele 2022 gehen zu Ende

Die 42. Oberammergauer Passionsspiele werden am ersten Oktobersonntag mit einer positiven Besucherbilanz zu Ende gehen. Lag die Auslastung zur Premiere im Mai dieses Jahres bei 75 Prozent, so steigerte sie sich von Monat zu Monat auf zuletzt 91,25 Prozent, wie Geschäftsführer Walter Rutz am 27. September bei einer Pressekonferenz in Oberammergau sagte. Rund 412.000 Tickets habe man verkauft. Es seien deutlich mehr deutschsprachige Zuschauer als in den Jahren zuvor gekommen.

Das Passionstheater in Oberammergau, alle 10 Jahre Spielort der Passionsspiele. / © Oliver Kelch (DR)
Das Passionstheater in Oberammergau, alle 10 Jahre Spielort der Passionsspiele. / © Oliver Kelch ( DR )

Der Einsatz lohnte sich. Rund 500 Spielberechtigte zogen zwar aus beruflichen und anderen Gründen zurück, so dass gut 1.700 Erwachsene und Kinder blieben. Sie sorgten für ein Theatererlebnis, das von einem großartigen Orchester sowie Sängerinnen und Sängern unter der Leitung von Markus Zwink getragen wurde. Spiel- und Chorszenen gingen sanft ineinander über. Das in erdfarben gehaltene Bühnenbild samt der farbprächtigen Lebendigen Bilder mit Darstellungen aus dem Alten Testament von Stefan Hageneier erfreute nicht nur die Augen; zusammen mit dem Spiel der Darsteller berührte alles das Herz.

Hohe Auslastung, wenig Regen

Rund 412.000 Tickets wurden verkauft und damit eine Auslastung von über 91 Prozent erreicht, berichtet Geschäftsführer Walter Rutz, der als Joseph von Arimathäa das Grab für Jesus zur Verfügung stellt. Anfangs hatte man nur mit 75 Prozent gerechnet, doch bald ging die Zahl nach oben. Erstmals kam die Mehrheit der Gäste nicht aus Übersee, sondern aus dem deutschsprachigen Raum. Das Wetter spielte gleichfalls mit. Das Schutzdach über der offenen Bühne kam in diesem Sommer so selten wie nie zum Einsatz.

Alle 110 Vorstellungen konnten stattfinden. Dabei bewährte sich ein strenges Corona-Testregime für alle Mitwirkenden. Immer vormittags erhielt Stückl die "Liste des Schreckens". Einmal fielen beide Schächer aus, dafür sprangen zwei Apostel am Kreuz ein. Am nächsten Tag fehlten fünf der zwölf Jünger beim Abendmahl. Fast jeden habe es mal erwischt, nur ihn nicht, sagt Stückl. "Der Zusammenhalt war großartig", lobt der Spielleiter. Dazu gehörte die Bereitschaft, schnell noch Text zu lernen, um für einen anderen zu agieren.

Passionsverantwortliche werden Ehrenbürger

Auch die Musik kämpfte mit Ausfällen, erzählt Zwink. Als der Hornist krank darnieder lag, sprang die erste Hornistin von der Augsburger Oper ein und spielte vom Blatt. Im Chor wirkte auch Bürgermeister Andreas Rödl mit. Der gab nun bekannt, dass Zwink, der wie Stückl viermal für die Passion verantwortlich zeichnete, so wie dieser demnächst Ehrenbürger werde.

Stückl wiederum freut es, dass die Zusammenarbeit mit den jüdischen Verbänden sich so gut entwickelt hat. Wie es weitergehen wird? Da hält sich der Theatermann bedeckt. Es sei einfach ein Glück gewesen, dass sich mit ihm, Hageneier und Zwink ein solches Team über die Jahre gefunden habe. Letzter gab bereits bekannt, für 2030 aus Altersgründen nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Der 61-jährige Stückl bekennt: "Ich war mal der jüngste Spielleiter und bin bald der älteste." Mit der letzten Aufführung am Sonntag werden nicht nur Haare und Bärte fallen, es könnte auch eine Ära zu Ende gehen.

Autor/in:
Von Barbara Just
Quelle:
KNA