Beauftragter verteidigt Privileg der Kirchen im Rundfunk

"Kirchen sind gesellschaftlicher Kitt"

Kirchliche Sendungen sind als Teil des Staatsvertrags fester Bestandteil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch dieses Privileg der Kirchen steht immer wieder in der Kritik. Pater Philipp Reichling widerspricht und sieht Chancen.

Mikrofon, Kreuz und Bibel / © Chat Karen Studio (shutterstock)
Mikrofon, Kreuz und Bibel / © Chat Karen Studio ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Wie oft begegnet Ihnen die Kritik, dass die beiden großen Kirchen, die immer kleiner werden, immer noch Programm im öffentlich-rechtlichen Rundfunk machen dürfen?

P. Dr. Philipp Reichling OPraem (WDRfoto)
P. Dr. Philipp Reichling OPraem / ( WDRfoto )

Pater Dr. Philipp E. Reichling OPraem (Katholischer Rundfunkbeauftragter in NRW beim WDR): Die Fragestellung kommt regelmäßig, nicht sehr häufig, aber ab und an doch immer wieder zu uns. Das ist sicherlich ein Spiegelbild der gesamten Entwicklung, dass beide Großkirchen als Volkskirchen immer mehr abschmelzen.

DOMRADIO.DE: Warum hat man im Rundfunkstaatsvertrag den Kirchen eigene Sendungen zugestanden?

Pater Dr. Philipp E. Reichling OPraem

"Man darf nicht vergessen, das immerhin noch knapp 50 Prozent der deutschen Bevölkerung Christen und Teil der beiden großen Kirchen sind."

Pater Philipp: Das geht darauf zurück, dass die beiden Kirchen früher eine viel größere Akzeptanz in der gesamten Gesellschaft und einen viel größeren Anteil hatten. Aber man darf nicht vergessen, das immerhin noch knapp 50 Prozent der deutschen Bevölkerung Christen und Teil der beiden großen Kirchen sind.

Das ist eine Größenordnung, die man auch nicht unterschätzen darf, auch wenn das zu der Zeit, als der Rundfunkstaatsvertrag gegründet und gemacht worden ist, eine andere Zahl war. Aber es geht ja vielleicht auch nicht nur um die Zahlen, es geht ja vielleicht auch um ein kulturelles Erbe, was uns bis heute geprägt hat und was durchaus christliche Wurzeln hat.

Daraus lässt sich vielleicht auch dieses Privileg ableiten, dass die beiden Kirchen – übrigens in NRW zum Teil auch die Jüdische Kultusgemeinde – eigene Beiträge der Verkündigung, wie wir das nennen, ausstrahlen dürfen.

DOMRADIO.DE: Wird das mehr werden, dass anderen Religionen das auch zugestanden wird, was bisher für die beiden großen Kirchen im Rundfunkstaatsvertrag gilt?

Pater Dr. Philipp E. Reichling OPraem

"Wir sind ja darauf angewiesen, dass unsere Programme auch noch einmal von den Redaktionen der jeweiligen Sendeanstalt abgenommen werden."

Pater Philipp: Dafür bin ich sehr. Man muss akzeptieren, dass zum Beispiel der Islam eine gesellschaftliche Größe gerade hier in NRW oder auch in Berlin oder auch in Bayern, in München ist. Dass die muslimische Community auch in diesen Verkündigungsprogrammen vorkommt, ist aus meiner Sicht überhaupt keine Frage.

Allerdings muss es dann zu den gleichen Konditionen passieren. Und die hängen zum Beispiel damit zusammen, dass die beiden großen christlichen Kirchen Körperschaften des öffentlichen Rechts und damit auch eine juristisch fassbare Größe sind. Beim Judentum ist das auch so, beim Islam ist es noch nicht so. Das müsste sich da auch stärker finden.

Denn es gibt nicht den Islam, es gibt ganz viele Denominationen und die müssen sich einigen und könnten aus meiner Sicht dann auch unter den gleichen Bedingungen wie die christlichen Kirchen Programm gestalten.

Wir sind ja darauf angewiesen, dass unsere Programme auch noch einmal von den Redaktionen der jeweiligen Sendeanstalt abgenommen werden. Warum? Damit sichergestellt wird, dass die Religionen keine Hasspredigten in die Öffentlichkeit setzen, zum Beispiel gegen die Demokratie oder gegen die Verfassung sprechen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, wenn die Muslime das jetzt konkreter angehen würden, bestünde die Möglichkeit, dass dann in Zukunft auch solche Beiträge in den Programmen laufen könnten?

Pater Philipp: Ich bin nicht der WDR, ich kann nicht für den WDR sprechen, aber ich wäre sehr dafür. In anderen Sendeanstalten wie zum Beispiel beim NDR gibt es kleine Formate, wo auch schon Beiträge kommen.

Da geht es aber auch sehr stark vom Sender aus, dass man sich zum Beispiel Islamwissenschaftler heranholt, die dann einen Beitrag leisten. Dann ist es aber mehr eine intellektuelle Herangehensweise und nicht primär eine Glaubensverkündigungsangelegenheit.

DOMRADIO.DE: Wirkt sich die Kritik am kirchlichen Programm im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf die Inhalte aus?

Pater Dr. Philipp E. Reichling OPraem

"Dafür würde ich mich sehr stark machen, eine Sprache zu finden, die die Rede von Gott wachhält, ohne ihn immer explizit zu nennen."

Pater Philipp: Ja, sie wirkt sich aus. Wir sind sehr darum bemüht, denn wir sprechen ja in die gesamte Gesellschaft hinein. Wir können nicht davon ausgehen, dass das alles fromme Katholiken oder fromme Protestanten sind, zu denen wir sprechen, sondern die gesamte Gesellschaft.

Deswegen müssen wir versuchen eine Sprache zu finden, die bei den Menschen ankommen kann. Das bedeutet auf der einen Seite, dass wir – wir nennen es niederschwellig – Lebenshilfen, Zuversicht, Trost spenden wollen, was wiederum bei sehr eingefleischten Kirchgängern dann immer zu wenig ist. Da war ja das Wort "Gott" gar nicht zu hören. Aber man kann ja über Gott reden, ohne ihn beim Namen zu nennen.

Also eine Art von impliziter Religiosität. Dafür würde ich mich sehr stark machen, eine Sprache zu finden, die die Rede von Gott wachhält, ohne ihn immer explizit zu nennen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, dass die Rechte der Kirchen im Rundfunkstaatsvertrag auf Dauer Bestand haben werden?

Pater Philipp: Ich bin kein Prophet. Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Ich habe aber den Eindruck, dass die politische Seite nicht daran rütteln wird, weil sie auch sieht, dass die Kirchen immer auch noch ein bisschen gesellschaftlicher Kitt sind, den wir brauchen, den auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht.

Denn der wird ja auch angefragt, ob es den noch geben soll oder geben muss, zumal wenn es um Gebühren geht. Ich weiß nicht, was kommen wird, aber die politischen Weichenstellungen, wie ich sie wahrnehme, sind eigentlich den Kirchen gegenüber nach wie vor positiv, dass wir da nicht um unsere Existenz fürchten müssen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Hintergrund: Katholiken und Protestanten predigen unterschiedlich

Katholiken und Protestanten unterscheiden sich aus Sicht der Sprachforscherin Anna-Maria Balbach in ihrer Art, über ihren Glauben zu reden. Katholiken nutzten etwa viel häufiger das Pronomen "mein" oder "meine", wenn sie über Gott und die Kirche sprächen, sagte Balbach im Interview des Portals katholisch.de am Donnerstag. Dadurch entstünden ein persönlicheres Gottesbild und eine größere Bindung an die Kirche. Protestanten hingegen zitierten häufiger aus der Bibel und zeigten dadurch ein distanzierteres Gottes- und Kirchenbild.

Predigtmappe / © Harald Oppitz (KNA)
Predigtmappe / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR