Autorin Kampmann zieht Parallelen zwischen 1933 und heute

Demokratien sind verletzlich

Demokratien sind fragil. Anja Kampmanns Roman "Die Wut ist ein heller Stern", der im Jahr 1933 beginnt, handelt von einer Varieté-Künstlerin. Im Interview erzählt die Autorin, wie beängstigend nah diese Zeit uns heute ist.

Autor/in:
Johannes Schröer
Bücherverbrennung 1933 (dpa)
Bücherverbrennung 1933 / ( dpa )

„Die Zeit des Nationalsozialismus ist nicht historisch abgeschlossen“, sagt Anja Kampmann im DOMRADIO.DE-Interview. Schon während der Arbeit an ihrem Roman habe sie gespürt, dass die Auseinandersetzung mit der Zeit der Machtergreifung Hitlers keineswegs erledigt ist. Vielmehr zeige sich, dass zentrale Dynamiken von damals auch heute wieder sichtbar werden.

Anja Kampmann / © Johannes Schröer (DR)
Anja Kampmann / © Johannes Schröer ( DR )

In “Die Wut ist ein heller Stern” erzählt die Autorin die Geschichte einer Frau am Rande der Gesellschaft. Hedda ist Varieté-Künstlerin auf der Reeperbahn und lebt ihren Traum. Doch die Zeiten ändern sich. 1933 beginnt der Roman. Die Nationalsozialisten beginnen, alles aus dem Weg zu räumen, was nicht ihrer völkischen Moral und ihrem Frauenbild entspricht. Hedda lebt in der frivolen, eigenen Welt der Künstlerinnen und Künstler auf der Reeperbahn. Diese Welt gerät zunehmend unter Druck.

Sprache prägt Bewusstsein

Im DOMRADIO erzählt Anja Kampmann von ihren vielen Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern während ihrer Lesungen. Viele kämen nicht nur aus literarischem Interesse, sondern auch aus einem Bedürfnis nach Orientierung und gemeinsamer Reflexion. Dahinter, so sagt die Autorin, stehe eine spürbare gesellschaftliche Verunsicherung.

Unsere Sprache prägt unser Bewusstsein. Bereits in den 1930er Jahren sei es gelungen, durch gezielte sprachliche Abwertung bestimmte Gruppen auszugrenzen und ihnen Zugehörigkeit abzusprechen, sagt die Autorin. Begriffe wie „asozial“ oder „moralisch verkommen“ hätten konkrete Konsequenzen: Sie legitimierten staatliche Eingriffe, Entrechtung und Gewalt. Kampmann findet es beunruhigend, wie sich auch heute Sprache verschärft, wie Feindbilder konstruiert werden und wie politische Rhetorik Grenzen verschiebt. Gerade diese schleichenden Veränderungen machen demokratische Systeme anfällig.

Fragilität demokratischer Strukturen

Der Roman zeigt dabei bewusst nicht die großen politischen Akteure, sondern das Leben einer Frau am Rand der Gesellschaft. Anhand der Figur Hedda wird deutlich, wie schnell Menschen aus dem Schutzraum der Gesellschaft herausfallen können. Kampmann betont im Interview, dass politische Umbrüche nicht abstrakt bleiben: Sie greifen unmittelbar in das Leben Einzelner ein – in ihre Sicherheit, ihre Beziehungen und ihre Zukunftsperspektiven. 

Besonders eindrücklich beschreibt Kampmann die Fragilität demokratischer Strukturen. Auch in der späten Weimarer Republik hätten viele Menschen geglaubt, ihre gesellschaftlichen Errungenschaften seien dauerhaft gesichert. Tatsächlich aber konnten politische Rechte, soziale Sicherheiten und Freiheiten innerhalb kurzer Zeit abgeschafft werden. Diese Erfahrung schärft für Kampmann den Blick auf heute: Demokratie sei kein stabiler Zustand, sondern ein verletzliches System, das kontinuierlich gepflegt und verteidigt werden müsse.

Gemeinschaft und Austausch

Mit Sorge blickt Anja Kampmann auf Parallelen der damaligen Zeit mit aktuellen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Dort habe sie selbst erlebt, wie schnell sich ein Klima der Angst und Unsicherheit ausbreiten kann – etwa, wenn Menschen beginnen, sich selbst zu zensieren, oder sich staatlichen Maßnahmen ausgeliefert fühlen. Solche Entwicklungen zeigen für sie, dass selbst etablierte Demokratien nicht immun sind. Besonders gefährlich sei dabei eine Art kollektive Lähmung: Wenn Institutionen nicht reagieren und Individuen sich allein fühlen, verstärke das den Eindruck, politischen Prozessen hilflos ausgeliefert zu sein.

Gleichzeitig betont Kampmann die Bedeutung von Gemeinschaft und öffentlichem Austausch. Viele ihrer Leserinnen und Leser suchten gerade deshalb das Gespräch, weil sie spürten, dass demokratische Gesellschaften auf Dialog angewiesen sind. Literatur könne hier eine wichtige Rolle spielen: Sie schafft Räume, in denen Erfahrungen geteilt und reflektiert werden. Auch das Erzählen selbst versteht Kampmann als Form des Handelns – als Möglichkeit, sich gegen Sprachlosigkeit und Ohnmacht zu stellen.

„Die Wut ist ein heller Stern“ zeigt Menschen, die zutiefst verunsichert sind und oft zwischen Anpassung und Widerstand schwanken. In dieser Ambivalenz wird deutlich: Auch heute gehe es nicht nur um große politische Entscheidungen, ist Kampmann überzeugt, sondern um alltägliche Haltungen – um Aufmerksamkeit, Widerspruch und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Notwendigkeit von Empathie

Es stehe „viel auf dem Spiel“, sagt die Autorin. Die Aktualität ihres Romans liege darin, sichtbar zu machen, wie schnell demokratische Sicherheiten brüchig werden können und wie wichtig es ist, frühzeitig auf Warnsignale zu reagieren. Dazu gehören Veränderungen in der politischen Sprache, die Erosion von Zusammenhalt und das Gefühl, dass gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Dem setzt sie die Notwendigkeit von Empathie, Streitkultur und gemeinschaftlichem Handeln entgegen.

"Die Wut ist ein heller Stern" ist nicht nur ein Roman, der in vergangenen Zeiten spielt, sondern erinnert daran, dass Demokratie Aufmerksamkeit und Engagement erfordert. Die Vergangenheit kann dabei ein Resonanzraum für die Gegenwart sein – und als Warnung dienen, wie schnell sich gesellschaftliche Verhältnisse verändern können.

Quelle:
DR

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