Ausstellung zeigt kuriose Fundstücke der Aachener Domschatzkammer

Rätselhaftes in der Domschatzkammer

Ein Blick hinter die Kulissen der Aachener Domschatzkammer lohnt sich. Kunsthistoriker haben dort längst vergessene Stücke ungewisser Herkunft entdeckt. Die Ausstellung "Nicht gesucht, aber gefunden" zeigt die aufwendige Spurensuche.

Autor/in:
Lisa Maria Plesker
Exponate der Ausstellung "Nicht gesucht, aber gefunden" in der Domschatzkammer in Aachen. / © 	Lisa Plesker/KNA (KNA)
Exponate der Ausstellung "Nicht gesucht, aber gefunden" in der Domschatzkammer in Aachen. / © Lisa Plesker/KNA ( KNA )

Was haben hundert hübsche Tabakdosen mit dem Aachener Dom zu tun? "Man hat uns früher nicht als Museum gesehen, sondern vor allem als Kunstdepot für Nachlässe", stellt Birgitta Falk fest. Bis in die 1990er Jahre hinein seien kirchliche Museen noch "das Gebiet von Prälaten" gewesen, die nach ihrem persönlichen Dafürhalten über die Sammlungen bestimmten.

Ergebnis dieses Sammlungskonzeptes ist die Anhäufung vieler Dinge, die niemand so recht in den kirchlichen Zusammenhang einordnen kann. Was es mit den im Archiv schlummernden Exponaten auf sich hat? Die Ausstellung "Nicht gesucht, aber gefunden – Rätselhaftes in der Domschatzkammer" lässt Besucherinnen und Besucher noch bis zum 27. September an der kniffligen Recherche teilhaben.

Aachener Domschatzkammer / © SSKH-Pictures (shutterstock)
Aachener Domschatzkammer / © SSKH-Pictures ( shutterstock )

Ein bunter Porzellandrache gehört auch dazu

Denn die Domschatzkammer hat sich daran gemacht, die bisher nicht inventarisierten Restbestände des Archivs aufzuarbeiten. Zwei Projektmitarbeiterinnen befassen sich aktuell mit bisher weitgehend Ignoriertem – und werden durch alle anderen Mitarbeitenden der Domschatzkammer unterstützt, sagt Katrin Heitmann: "Textilrestauratoren, Gemälderestauratoren, der Leiter der grafischen Sammlung und alle anderen haben geschaut, was da so schlummert, von dem wir bisher versucht haben, daran vorbeizuschauen."

Birgitta Falk (l.), Leiterin der Aachener Domschatzkammer, und Katrin Heitmann (r.), zuständig für die Archivierung historischer Fotobestände, vor einem Schrank mit inventarisierten Kelchen. Bis in die 1990er Jahre haben Prälaten für die Domschatzkammer gesammelt. / © 	Lisa Plesker/KNA (KNA)
Birgitta Falk (l.), Leiterin der Aachener Domschatzkammer, und Katrin Heitmann (r.), zuständig für die Archivierung historischer Fotobestände, vor einem Schrank mit inventarisierten Kelchen. Bis in die 1990er Jahre haben Prälaten für die Domschatzkammer gesammelt. / © Lisa Plesker/KNA ( KNA )

Die Kunsthistorikerin beschäftigt sich in der Domschatzkammer mit der Archivierung historischer Fotobestände – und hat die aktuelle Ausstellung konzipiert. Die Präsentation von etwa 40, teils kuriosen Ausstellungsstücken im sogenannten Aquarium der Domschatzkammer – einer großen Vitrine – zeigt beispielhaft die Spurensuche, die die Kunsthistoriker und Restauratoren für jedes einzelne Stück auf sich nehmen. Der kleine bunte Porzellandrache vom Ausstellungsplakat lässt zumindest auf den ersten Blick keinerlei Verbindung zur Kirche oder konkret zum Aachener Dom erkennen.

Antik oder nicht?

Ebenfalls im "Aquarium" findet sich eine große Vase, die irgendjemand irgendwann ins klimatisierte Magazin gestellt hatte – und von der niemand wusste, wie alt sie tatsächlich war. Anhand von alten Fotos fand sich die Lösung: Der Gebrauchsgegenstand von etwa Ende des 19. Jahrhunderts ist keineswegs antik – und kann in Zukunft wieder in der Sakristei aufbewahrt und genutzt werden.

Einer geheimnisvollen Truhe mit versteckten Schlössern kamen die Forscher mit Hilfe einer Endoskopkamera und alten Kirchenzeitungsberichten auf die Spur: Die Truhe aus dem 18. Jahrhundert war bei einem Kindertag in den 1990er Jahren als eine Art Zeitkapsel genutzt worden.

Mal naheliegend, mal komplex

Den Topf voller "Goldmünzen" mag Heitmann besonders – auch wenn sie seine Herkunft recht einfach herausfinden konnte: Der mittelalterliche Weihwasserkessel war mit Schoko-Goldtalern gefüllt worden, um in der Aachener Weihnachtskrippe mit fast lebensgroßen Figuren als Geschenk der Heiligen Drei Könige zu dienen.

Bei anderen Exponaten ist die Recherchearbeit bedeutend schwieriger. Die mittelalterliche Figur einer Heiligen, offenbar einer Prinzessin, lässt sich nach dem Verlust ihrer Hände heute nicht mehr viel genauer bestimmen. Für Heitmann ist es eine spannende Herausforderung, sich auf Spurensuche nach der Geschichte dieser ganz verschiedenen Objekte zu begeben. Bis Oktober soll jedes Stück eine Inventarkarte haben.

Externe Provenienzforschung beteiligt

Manche Objekte haben einen schwierigen Hintergrund und sollen noch einmal von externen Experten beurteilt werden. Provenienzforscher untersuchen die Eigentumsgeschichte von Kunst und Kulturgütern, auch mit Blick auf Enteignungen während der Nazizeit oder den Raub von Kulturgütern aus ehemaligen Kolonien.

"Das ist ein Teil unserer Verantwortung, zu schauen: Gehören die Exponate hierhin? Kann man sie guten Gewissens behalten?", erläutert Falk. Die Herkunftsforscher würden die Sammlung bald sichten und entscheiden, an welcher Stelle sich weitere Nachforschungen lohnen.

Das könnte etwa auf ein Heiligenbild zutreffen, das offenbar einst aus einem Altaraufsatz herausgeschnitten worden war, damit es sich besser verkaufen ließ. Denn auf der Rückseite ist ein Zettel mit der Aufschrift "Oberst" angebracht – der dahinterstehende Name wurde offensichtlich aus der Aufschrift herausgekratzt.

Schenkungen werden geprüft

Die Kunsthistorikerinnen sind überfragt, woher eine kunstvoll handgemalte Koranausgabe und eine jüdische Atara – ein verzierter Streifen vom Rand eines Gebetsschals – kommen. Vielleicht wurden sie dem Domschatz aus Privatbesitz überlassen? "Wir werden uns damit beschäftigen und versuchen, eine adäquate Lösung zu finden", sagt Falk.

Und auch der kleine bunte Porzellandrache vom Ausstellungsplakat bereitet den Kunsthistorikerinnen Kopfzerbrechen: "Wir wissen nichts über ihn", sagt Heitmann. Niemand könne sagen, wann, wie und warum er überhaupt in der Domschatzkammer gelandet sei. Heute wird laut Falk, anders als früher, genau geprüft, welche Schenkungen die Domschatzkammer annimmt. "Wir bewahren die Sachen auf, die aus der Geschichte des Doms kommen oder die Geschichte des Doms erläutern oder den Dom darstellen", sagt die Leiterin.

Neues Zuhause für "Entsammeltes"

Sie erklärt, kirchliche Museen und Schatzkammern seien etwas später professionalisiert worden als weltliche. Die meisten kirchlichen Museen und Schatzkammern im deutschsprachigen Raum würden heute von Kunsthistorikern geleitet, die nicht mehr Nachlässe verwalten, sondern professionelle Sammlungskonzepte verfolgen. Und das bedeutet: "Die Exponate, die heute nicht mehr ins Sammlungskonzept passen, müssen konsequent 'entsammelt' werden", so Falk.

Das könnte auch den kleinen bunten Drachen treffen. Doch das bedeutet nicht, dass es ihm an den Kragen geht: Wenn ein Exponat entsammelt werden muss, macht sich die Domschatzkammer gemeinsam mit dem Diözesanarchiv auf die Suche nach geeigneteren Aufbewahrungsorten. So könne für viele Objekte ein neues Zuhause in einer kirchlichen Einrichtung oder einem Museum gefunden werden, versichert Falk.

Bistum Aachen

Das Bistum Aachen mit einer Fläche von 4.022 Quadratkilometern liegt im Westen von Deutschland. Es erstreckt sich von der Nordeifel (Mechernich, Schleiden) bis zum Niederrhein (Krefeld). Die angrenzenden Diözesen sind Köln, Münster, Essen, Trier, Lüttich (Belgien) und Roermond (Niederlande).

Das Bistum Aachen umfasst insgesamt 57 Kommunen. In den drei Großstädten Aachen, Mönchengladbach und Krefeld lebt allein ein Drittel der Katholikinnen und Katholiken, die anderen in den 54 weiteren Kommunen.

Die Spitze des Aachener Doms / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Die Spitze des Aachener Doms / © Elisabeth Schomaker ( KNA )
Quelle:
KNA