Erzbischöfliches Kunstmuseum Kolumba öffnet wieder

Ausstellung "Kunst in Zeiten der Krisen" ungewollt aktuell

Nach gut sechs Wochen öffnet das erzbischöfliche Museum in Köln wieder. Die Jahresausstellung "1919 49 69ff. - Aufbrüche" zeigt Kunst in Zeiten dieser Krisenjahre und ist dadurch aktueller denn je. Werke zeigen Bezüge zu unserer Gegenwart auf.

Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln / © domradio.de (DR)
Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln / © domradio.de ( DR )

DOMRADIO.DE: Sie werden sich sicherlich freuen, dass Kolumba wieder öffnet. Wie haben Sie diese langen Wochen der Schließung ausgehalten?

Dr. Stefan Kraus (Leiter des Kunstmuseums Kolumba): Man kommt sich als Kunstvermittler vor wie ein Fisch auf dem Trockenen, denn ein Museum ohne Besucher ist keines. Gleichzeitig muss man dazu sagen, dass die Vorstellung, Museumsmenschen hätten nur was zu tun, wenn das Museum auf ist, täuscht.

Wir haben Arbeit ohne Ende und haben es erstaunlich gut geschafft, über Homeoffice miteinander in Kontakt zu bleiben und hier vor Ort einige Dinge zu machen, die liegen geblieben sind wie Räumen und Ordnen, einfach in den nicht öffentlichen Bereichen tätig zu sein. Museum ist eben sehr viel mehr als nur das, was man in den öffentlichen Räumen wahrnehmen kann.

DOMRADIO.DE: Sie haben versucht, das Beste aus der Krise zu machen. Aber anders als andere Museen haben Sie sich dazu entschieden, keine virtuellen Rundgänge anzubieten. Warum?

Kraus: Ich habe großes Verständnis dafür gehabt, dass man in der Schocksituation denkt, man muss irgendetwas machen oder anbieten. Gleichzeitig hatte ich den leisen Verdacht, dass man, indem man so aktionistisch wird, gar nicht zulassen will, dass da wirklich eine Krise und eine Ausnahmesituation auf uns zukommt, die als solche überhaupt erst einmal erfahren werden muss. Das ist der eine Gedanke.

Der andere, dass man vielleicht mit einer gewissen Nachdenklichkeit und einer Pause merkt, was man sinnvoll tun könnte. Das ist der wesentliche Gedanke, dass ich bei vielen Dingen den Eindruck habe, es wird Zeit überspielt, Langeweile vertrieben und Zeitvertreib geboten. Aber das ist kontraproduktivt für das, was, Kunst, Kultur - ich nehme jetzt mal die Bühnen, das Theater und die Konzerthäuser mit hinein -, eigentlich leisten. Denn die Gegenwart, die Präsenz, den Raum, den Ort, das Miteinander, zuhören, im Gespräch sein, das kann ich virtuell nicht ersetzen.

Dann muss man sich doch die Frage stellen, inwieweit es sinnvoll ist, den Eindruck zu erwecken, ich könnte irgendetwas überbrücken. Ich glaube, der Verlust und das Fehlen sind eine Erfahrungen, die ganz sinnvoll und notwendig sind.

DOMRADIO.DE: Ab diesem Mittwoch können Sie ganz analog das Museum wieder aufmachen. Sie mussten Kolumba auf die Wiedereröffnung unter Corona-Bedingungen vorbereiten. Wie machen Sie das? Wie werden Sie Ihre Besucher sicher durch die Ausstellung führen?

Kraus: Das oberste Prinzip bleibt ja bestehen: Für Mitarbeiter und Gäste versuchen wir, den größtmöglichen Schutz zu bieten. Wir haben es als Museum - gerade mit dem Kolumba - um einiges leichter als andere, also zum Beispiel leichter als Theater, Bühnen und Konzerthäuser.

Wir haben immer einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin am Eingang stehen. Das heißt, an dieser Stelle haben wir eine Schnittstelle. Wir haben es in der Hand, wie viele Besucher wir auf einmal hineinlassen. Wir werden keine Gruppen einlassen, und es gelten die Beschränkungen und Einschränkungen, die an vielen anderen Orten auch gelten. Sprich, man muss eine Maske tragen. Man muss sich also selber und andere schützen.

Wir haben Vorkehrungen getroffen, dass man sich die Hände waschen und bargeldlos zahlen kann. Wir haben uns überlegt, wie die Wegführung im Haus ist. Kann man sich auf der Treppe begegnen? Oder wäre es besser, eine Einbahnstraße zu haben?

Ansonsten haben die Ausstellungsräume den großen Vorteil, dass dort viel Platz ist. Ich glaube, dass wir weit unter der Zahl bleiben werden, die offiziell zulässig ist, nämlich eine Person pro zehn Quadratmeter. Wir hätten dann rein rechnerisch 160 Personen gleichzeitig im Haus. Ich glaube, das werden wir um Längen nicht erreichen und auch nicht wirklich wollen. Wir steuern das vom Eingang aus.

DOMRADIO.DE: Gibt es denn Bereiche im Museum, die Sie absperren müssen?

Kraus: Glücklicherweise nicht. Denn das Kolumba ist ja von Anfang an als ein überschaubares Haus mit 1.600 Quadratmeter geplant gewesen. Zu unserem Grundprinzip gehört, dass Aufsichtskräfte in den Räumen stehen, helfen und auch Hinweise geben können. Sie werden auch darauf achten, dass die Abstandsregeln eingehalten und Masken getragen werden.

Absperren müssen wir nichts. Das gesamte Kolumba steht zur Verfügung - mit der einzigen Einschränkung, dass das schöne Lesezimmer, das viele Besucher schätzen und lieben gelernt haben, keine Sessel bieten kann, sondern dort nur drei Hocker stehen, weil sich in diesem Raum nicht mehr als drei Menschen aufhalten sollten. Ein paar Einschränkungen gibt es dann doch.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns nochmal auf das Thema der aktuellen Ausstellung gucken: "Aufbrüche - die Kunst zu Zeiten der Krisen 1919, 1949, 1969". Können wir 2020 nicht direkt dahinter schreiben?

Kraus: Ich sage mal so, als hätten wir das gewusst. Im September ist die Ausstellung eröffnet worden. Der Titel "1919 49 69ff." - Fortfolgend. Der Untertitel: "Aufbrüche". Mit der Arbeit, die wir hier machen, haben wir immer auch einen Zeitbezug. Gleichzeitig muss ich sagen, an so einer Jahresausstellung arbeitet man mehrere Jahre. Dass sich die Doppelbedeutung des Titels "Aufbrüche" jetzt auf eine fast tragische Weise erfüllt, nachdem wir mehrere Wochen schließen mussten, ist schon eine Pointe, die wir uns gerne erspart hätten.

Aber in der Tat ist es so, dass die Ausstellung mit dem "Fortfolgen" die Frage stellt: Was ist der Beitrag von Kunst in Krisenzeiten? Mit einem Raum, der für Kolumba eine außergewöhnlich dystopische, fast negative Ausstrahlung hat, reicht die Ausstellung bis in die Gegenwart hinein. Da gibt es eine Installation mit dem Titel "Zirkus 3001", da sind wir ganz weit in der Zukunft.

Parallel dazu hängen Bilder von Blalla W. Hallmann von 1990/91, in denen er damals, ich sage mal mit einer sehr starken Kritik des westlichen Kapitalismus, im Grunde genommen die Beerdigung der Welt ins Bild fasst. Darin kommen ökologische und politische Themen auf eine Weise zusammen, die viel mit der jetzigen Situation wieder zu tun haben.

Das Interview führte Hilde Regeniter.


Kolumba-Museumsdirektor Dr. Stefan Kraus / © Tomasetti (DR)
Kolumba-Museumsdirektor Dr. Stefan Kraus / © Tomasetti ( DR )

Im Kolumba: Michael Oppitz – Mythische Landschaften / © Birgitt Schippers (DR)
Im Kolumba: Michael Oppitz – Mythische Landschaften / © Birgitt Schippers ( DR )
Quelle:
DR
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