Franziskus ernennt Vertrauten zum Chef der Heiligenkongregation

Aus den Albaner Bergen in den Kuriendschungel

Im Moment kann der Papst in der Kurie kein längeres Vakuum brauchen. Drei Wochen nachdem er Kardinal Becciu als Chef der Heiligsprechungskongregation feuerte, ernennt Franziskus mit Kardinal Semeraro einen Vertrauten als dessen Nachfolger.

Kardinal Marcello Semeraro / © Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Marcello Semeraro / © Romano Siciliani ( KNA )

Marcello Semeraro kommt eher unscheinbar, fast etwas knuffig daher. Der kurz gewachsene Süditaliener trägt oft ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht. 16 Jahre schon leitete er eines der ältesten Bistümer Italiens: Albano, von Kaiser Konstantin 326 höchstselbst gegründet. Nur 25 Kilometer vom Vatikan entfernt, südöstlich von Rom in den Albaner Bergen am Albaner See, direkt neben der früheren päpstlichen Sommerresidenz Castelgandolfo.

Bischof und Gastgeber für die Fastenexerzitien des Papstes

Semeraro stammt aus Lecce in Apulien, wirkte dort als Priester, bevor Johannes Paul II. ihn 1998 zum Bischof von Oria, ebenfalls Apulien, ernannte. 2004 dann berief der Pole ihn zum Bischof des Bistums Albano. Als solcher war Semeraro in den vergangenen Jahren auch Gastgeber für die jährlichen Fastenexerzitien des Papstes mit der Kurie im diözesanen Bildungshaus in Ariccia.

Nachdem im April 2013 Franziskus als neuer Bischof von Rom den Kardinalsrat für eine Kurienreform gegründet hatte, berief er neben den Kardinälen aus fünf Kontinenten seinen Nachbarbischof als Sekretär des damals so genannten "K8-Rates". Schon früh versuchte Semeraro klarzumachen, dass die angestrebte Kurienreform für Franziskus in erster Linie keine Strukturreform sei. Als der Papst mit seiner Kurientruppe 2018 zu Beginn der Fastenzeit nach Ariccia kam, um dort in sich zu gehen, sagte Semeraro: "Dies ist ein wesentlicher Teil der Kurienreform."

Mann auf der Linie von Franziskus

Semeraro ist ein Mann auf der Linie von Franziskus. Nachdem der Papst im April 2016 sein Schreiben "Amoris laetitia" über Ehe und Familie veröffentlicht hatte, setzte Semeraro seinen Priesterrat eigens auf die Frage an, wie Seelsorge mit wiederverheirateten Geschiedenen und eine eventuelle Zulassung zur Kommunion aussehen könnten. Und er berief eine Diözesansynode ein, die sich mit den vielen anderen Themen von "Amoris laetitia" befassen sollte.

Schon vor dem Anti-Missbrauchsgipfel im Februar 2019 holte sich Semeraro die Mailänder Psychotherapeutin und Ordensfrau Grazia Vittigni in sein Bistum. Sie soll dort Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch koordinieren. "Verglichen mit anderen Ländern wird in Italien noch viel unter den Teppich gekehrt", so Vittigni im Februar im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Nachfolger von Kardinal Becciu

Semeraro selber ist Dogmatiker und hat mehrere Bücher zur Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) veröffentlicht. Als Mitarbeiter mehrerer Bischofssynoden im Vatikan kennt er sich dort gut aus, ohne in die Kurie bisher zu sehr verwickelt zu sein. Seitdem er 2001 Sondersekretär bei der Synodenversammlung "Der Bischof als Diener des Evangeliums Jesu Christi" war, kennen er und Bergoglio sich persönlich. Als Papst berief Franziskus seinen Vertrauten jeweils persönlich in die Synodenversammlungen zu Ehe und Familie (2014/2015), zur Jugend (2018) und zu Amazonien (2019).

Nun soll Marcello Semeraro als Nachfolger des einflussreichen und in die Schlagzeilen geratenen Kardinals Becciu dem Papst als Leiter der traditionellen Heiligsprechungskongregation zur Seite stehen. Zwar sind Kardinalshüte aus Franziskus' Hand nicht so vorhersehbar wie bei seinen Vorgängern. Aber für den bisherigen Nachbarbischof vom Albaner See sollte der Argentinier wohl einen "in petto" haben.

Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA