Armeniens Klöster stehen vor großen Herausforderungen

"Aber die Bindung zur Kirche ist stark"

Einst waren Klöster intellektuelle Kraftzentren im ältesten christlichen Staat der Welt. Dann begann Stalins Kampf gegen die Kirche. Heute kommen Touristen und Pilger wieder in Massen in die Klöster, doch Herausforderungen bleiben.

Autor/in:
Daniel Pelz
Kloster Geghard / © Bernd Hamer (privat)
Kloster Geghard / © Bernd Hamer ( privat )

Kloster Geghard versinkt im Nebel. Kaum noch etwas ist von den mächtigen Felsen zu sehen, die es seit Jahrhunderten wie die Finger einer Riesenhand umschließen. Die Turmspitze der Klosterkirche ist hinter grau-weißen Wolken verschwunden. Trotzdem kämpfen sich zahlreiche Menschen im Schneeregen den rutschigen Fußweg vom Parkplatz hinauf.

Auch Henryk Arakelyan ist den ganzen Weg von der Hauptstadt Jerewan hierhergekommen. Schließlich ist es für ihn ein besonderer Tag: seine Taufe. "Ich möchte in keiner anderen Kirche getauft werden. Dies ist eine außergewöhnliche Kirche mit einer besonderen Geschichte", sagt er.

"Als Christ wachsen"

Geghard gehört zu den berühmtesten Klöstern des Landes und zum Weltkulturerbe der Unesco. Armeniens Schutzpatron, der heilige Gregor, soll es im 4. Jahrhundert nach Christus selbst gegründet haben. Lange bewahrten die Mönche hier eine besondere Reliquie: ein Stück jener Lanze, mit der ein römischer Soldat nach biblischer Überlieferung Jesus am Kreuz in die Seite gestochen haben soll. Die berühmten Felskapellen des Klosters mit ihren uralten Inschriften und Kreuzbildern ziehen jedes Jahr auch viele Touristen an.

Pfarrer Barouyr Avetisyan tauft Henryk Arakelyans (m.) am 10. März 2024 im Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz (KNA)
Pfarrer Barouyr Avetisyan tauft Henryk Arakelyans (m.) am 10. März 2024 im Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz ( KNA )

Heute aber sind die Pilger in der Mehrzahl. Im stillen Gebet verharren sie vor den flackernden Kerzen. In der Hauptkirche hat Henryk Arakelyans Taufe begonnen. Rund 30 Menschen nehmen teil, während ihr Atem immer wieder gefriert. Schon vorher kam Arakelyan fünf bis sechs Mal im Jahr hierher, zündete Kerzen an und betete. "Ich fühle mich hier immer sehr wohl. Es hilft mir, von meinen Sünden befreit zu werden und als Christ zu wachsen", sagt der 35-Jährige.

Intellektuelles Zentrum des Landes

Für Pfarrer Barouyr Avetisyan ist es die letzte Taufe an diesem Tag. Auch für ihn ist Geghard ein besonderer Ort. "Klöster spielten eine besondere Rolle in Armeniens Geschichte. Sie waren quasi die Leuchttürme der Gesellschaft", sagt er. Lange waren sie die intellektuellen Zentren des Landes.

Pfarrer Barouyr Avetisyan im Schnee am 10. März 2024 vor dem Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz (KNA)
Pfarrer Barouyr Avetisyan im Schnee am 10. März 2024 vor dem Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz ( KNA )

Hier erfand der Mönch Mesrop Maschtoz das armenische Alphabet; hier übersetzten Mönche die Bibel und hielten in unzähligen kostbaren Manuskripten religiöse Überlieferungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Armeniens Geschichte für Generationen fest. Klöster übernahmen die Rollen von Schulen und Universitäten, wo unzählige Kinder unterrichtet wurden.

Aus einem einzigen Felsen gehauen

Und fast ganz nebenbei schufen die Mönche Bauwerke von unschätzbarem Wert. Auf dem Weg zu seinem Raum biegt Pfarrer Barouyr Avetisyan in eine kleine Seitenkapelle ab. Ein wenig Licht dringt durch eine kleine Öffnung in der Decke; sonst erhellen nur einige Kerzen den dunklen Raum.

Schwach lassen sich Abbildungen von Kreuzen an den Wänden erkennen. "Das alles hier haben Mönche aus einem einzigen Felsen gehauen: den Raum, die Säulen, die Inschriften an den Wänden, alles. Stellen Sie sich das mal vor", sagt der Pfarrer, und ein stolzes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Kein echtes Klosterleben mehr

Der Terror Josef Stalins setzte dem Klosterleben ein vorläufiges Ende. Klöster wurden geschlossen, Priester und Mönche verjagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lockerte sich der eiserne Griff etwas; doch viel Raum bekam die Kirche in der Sowjetzeit nicht. Die Folgen sind bis heute spürbar, auch wenn die Klöster längst wieder Massen an Pilgern anziehen.

Pfarrer Barouyr Avetisyan tauft Henryk Arakelyans am 10. März 2024 im Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz (KNA)
Pfarrer Barouyr Avetisyan tauft Henryk Arakelyans am 10. März 2024 im Kloster Geghard in Jerewan, Armenien. / © Daniel Pelz ( KNA )

"Wir haben die Klöster als historische Gebäude erhalten; aber es fehlen die Menschen, die sie füllen", sagt Avetisyan. Damit meint er die Mönche. Ein echtes Klosterleben gibt es heute in Armenien nicht mehr. Nur die wichtigsten Klöstern haben einzelne Pfarrer, die sich um die Gläubigen kümmern.

Herausforderung der Wiederbelebung

So auch in Geghard: Pfarrer Barouyr arbeitet eigentlich als Sekretär für den Katholikos, das Kirchenoberhaupt Karekin II. Nur sonntags ist Barouyr hier. Fünf Taufen und einen zweistündigen Gottesdienst hat er bereits hinter sich. Vorbei ist sein heutiger Dienst aber noch lange nicht. Auf dem Klosterhof spricht ihn ein junger Familienvater mit einem etwa dreijährigen Kind auf dem Arm an. Lächelnd legt Barouyr Vater und Kind die Hände auf und spricht einen kurzen Segen.

Später wartet noch ein Seelsorgegespräch auf ihn. Trotz aller Herausforderungen ist er optimistisch, was das religiöse Leben in Armenien betrifft: "Viele Klöster werden wieder belebt. Unserer Kirche geht es gut. Wir mögen in Zahlen vielleicht nur wenige sein; aber die Bindung unserer Menschen zur Kirche ist stark."

Armenisch-apostolische Kirche

Mit mehr als 1.700 Jahren Tradition als Staatsreligion ist Armenien die erste christliche Nation in der Geschichte. Im Jahr 301 ließ der armenische König Trdat III. sich und seine Untertanen taufen. Die Kirche wurde zu einem Eckpfeiler armenischen Bewusstseins, als Armenien unter aufeinanderfolgenden Territorialherrschaften aufgeteilt wurde.

König Trdat III. und der heilige Gregor der Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) am Ortseingang von Etschmiadsin am 1. Oktober 2017. / © Alexander Brüggemann (KNA)
König Trdat III. und der heilige Gregor der Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) am Ortseingang von Etschmiadsin am 1. Oktober 2017. / © Alexander Brüggemann ( KNA )
Quelle:
KNA
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