Antisemitismus an NRW-Hochschulen bleibt laut Experten ein Problem

Israelfeindliche Positionen in Vorträgen?

Die propalästinensischen Protestcamps sind abgebaut. Doch Israelhass nehme an NRW-Hochschulen laut Andreas Stahl neue Formen an. Der Experte kritisiert fehlende Konsequenzen und eine klarere Haltung gegen Antisemitismus.

Leere Stühle in einem Hörsaal / © Cagkan Sayin (shutterstock)
Leere Stühle in einem Hörsaal / © Cagkan Sayin ( shutterstock )

Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen bleibt nach Einschätzung eines Experten ein drängendes Problem. 

Zwar seien die propalästinensischen Protestcamps aus dem Jahr 2024 inzwischen abgebaut, die dahinterstehenden Akteure verlagerten ihre Aktivitäten jedoch zunehmend in den regulären akademischen Betrieb, sagte der Leiter der zentralen Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in NRW, Andreas Stahl, der "Rheinischen Post".

Israelfeindliche Positionen werden laut dem Politikwissenschaftler inzwischen über Vorträge, Kolloquien oder Symposien verbreitet. "Gleichzeitig werden israelische Wissenschaftler bedrängt, und es wird versucht, sie zu boykottieren." Auch bei hochschulöffentlichen Veranstaltungen wie Märkten von Studierendengruppen werde Propaganda-Literatur angeboten oder mit Kunstobjekten suggeriert, Israel habe kein Existenzrecht.

Strategie der Tarnung durch Wissenschaftlichkeit

Stahl sprach von einer langfristigen Strategie, mit der israelfeindliche Akteure ihrem Vorgehen einen akademischen Anstrich geben wollten. Ziel bleibe es, Juden und Israel zu dämonisieren und dem Staat Israel das Existenzrecht abzusprechen. An Hochschulen handle es sich dabei fast immer um israelbezogenen Antisemitismus.

Beteiligt seien sowohl Gruppen aus den Hochschulen selbst als auch externe Akteure. Neben Palästina-Solidaritätsgruppen und linken Hochschulgruppen spielten auch islamistische Gruppierungen eine Rolle. Die Aktivitäten seien in politische und akademische Netzwerke eingebettet, die auch international miteinander verbunden seien.

Stahl fordert mehr Aufklärung und klare Haltung

Von den Hochschulen fordert Stahl mehr Aufklärung, etwa durch Seminare zur Geschichte des Nahost-Konflikts, sowie eine klarere Haltung gegen Antisemitismus. Zwar werde offiziell anerkannt, dass die Abschaffung Israels antisemitisch sei, dies habe in der Praxis jedoch häufig kaum Konsequenzen. 

Teile der Fachwelt hielten israelbezogenen Antisemitismus für überbetont, was es Hochschulen ermögliche, Vorfälle zu relativieren oder nicht zu thematisieren.

Auch das Wissenschaftsministerium sieht Stahl in der Pflicht. Zwar sei die Hochschulautonomie wichtig, dennoch solle geprüft werden, wie bei strukturellen Problemen über finanzielle Mittel Druck ausgeübt werden könne. 

Zudem dürften Studierendenvertretungen keine Gelder an Organisationen oder Initiativen vergeben, die antisemitische Inhalte verbreiteten oder förderten. Notwendig sei außerdem ein reformiertes Hochschulgesetz, um Antisemitismus leichter sanktionieren zu können.

Antisemitismus

Antisemitismus nennt man die offen propagierte Abneigung und Feindschaft gegenüber Juden als Volksgruppe oder als Religionsgemeinschaft. Der Begriff wird seit dem 19. Jahrhundert gebraucht, oft als Synonym für eine allgemeine Judenfeindlichkeit. Im Mittelalter wurden Juden für den Kreuzestod Jesu verantwortlich gemacht und als "Gottesmörder" beschuldigt. Während der Kreuzzüge entlud sich die Feindschaft in mörderischen Ausschreitungen, Vertreibungen und Zwangsbekehrungen.

Teilnehmende einer Demonstration zur Solidarität mit Israel / © Michael Kappeler (dpa)
Teilnehmende einer Demonstration zur Solidarität mit Israel / © Michael Kappeler ( dpa )
Quelle:
KNA