Präses Latzel setzt auf Dialog mit Impfgegnern

"Als Gesellschaft nicht auseinanderdriften"

In vielen Kirchen werden Impfungen angeboten, so auch in der evangelischen Kirchengemeinde Bracht-Breyell am Niederrhein. Der rheinische Präses hat sich dort boostern lassen und möchte damit andere Menschen überzeugen.

Thorsten Latzel / © Henning Schoon (KNA)
Thorsten Latzel / © Henning Schoon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Haben Sie die Impfung gut vertragen?

Präses Dr. Thorsten Latzel (Evangelische Kirche im Rheinland): Ja, prima. Ich hatte heute Nacht einen etwas dickeren, härteren linken Oberarm. Aber heute früh ist alles gut gewesen. Ich bin mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren und sitze am Schreibtisch. Alles bestens. Vielen Dank.

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?

Latzel: Ich glaube, Impfen ist die einzige Form, wie wir wirklich aus dieser Krise herauskommen können, uns bestens selbst und andere schützen können. Wir merken ja, dass diese immer neuen Wellen zur Erschöpfung führen. Viele Menschen leiden darunter und insofern ist das für mich auch ein Akt der Nächstenliebe.

DOMRADIO.DE: Wie kann man Menschen dazu bewegen, ihre Haltung noch einmal zu überdenken? Denn viele haben ja auch gute Gründe dafür, dass sie so denken, wie sie denken.

Latzel: Mir ist erst einmal wichtig, dass wir als Gesellschaft hier nicht auseinanderdriften, auch nicht über die Ungeimpften oder die Geimpften reden, sondern das sind erst einmal Menschen. Das sind unsere Angehörigen, Kollegen, Freunde. Hier sollten wir Ängste ernst nehmen.

Wir sollten uns aber gerade als Christinnen und Christen hier auch auf die Wissenschaft verlassen können. Wissenschaft kann immer wieder irren. Aber wir können das nur gemeinsam klären, nicht in irgendwelchen dubiosen Chat-Foren, sondern uns gemeinsam eine Meinung bilden, was der beste Schutz gegen Viren ist.

Insofern Ängste, Sorgen von Menschen ernst nehmen, darüber reden, aber auch zugleich der Vernunft trauen und nicht irgendwelchen dubiosen Nachrichten, die es gibt. Gestern, nach meiner Impfung, habe ich einen Post über diese tolle Arbeit, die in der Gemeinde läuft, rausgeschickt.

Ich habe selten so eine kontroverse Diskussion dazu auf Facebook erlebt, also auch mit einer Schärfe und Härte. Die macht mir wirklich Sorgen. Und auch wenn man die Demonstrationen am Wochenende gesehen hat, müssen wir wirklich sorgsam darauf achten, uns nicht zu verletzten oder nicht als Gesellschaft auseinander zu gehen.

DOMRADIO.DE: Das ist genau die Schwierigkeit, die im Moment da ist. Dennoch sind es viele Menschen, die sich neu impfen lassen oder die sich die dritte Impfung abholen. Am vergangenen Wochenende waren es bei der Impfaktion in der evangelischen Kirchengemeinde bei Ihnen schon 2.000 Menschen, die sich haben impfen lassen. Waren es dieses Wochenende dann noch mal so viele?

Latzel: Nach den Zahlen, die ich aus Nettetal hatte, waren es 4.500 Menschen, die sich da haben impfen lassen. Ein tolles Engagement, muss man mal sagen, sowohl von den Ärztinnen, von den Mitarbeitenden als auch von Konfirmandinnen, die mitgeholfen haben.

Es gab einen Ruheraum in der Kirche, wo die Leute noch mal sitzen bleiben konnten und eine adventliche Stimmung aufnehmen konnten. Man spürte richtig diese Gemeinschaft, wie wir gemeinsam etwas tun, dass wir aus dieser Krise herauskommen können. Das fand ich wirklich beeindruckend.

DOMRADIO.DE: Waren das lauter Drittimpfungen oder auch Erstimpfungen?

Latzel: Das war eine bunte Wundertüte, sag ich mal. Das waren Erstimpfungen, Zweitimpfungen und Drittimpfungen. Die Menschen spüren doch im Augenblick, dass wir immer neue Mutationen haben. Wir kommen immer wieder in eine neue Welle rein. Wir hatten ja alle die Hoffnung gehabt, dass es dieses Weihnachten anders ist.

Anfang des Jahres dachten wir, dass wir jetzt mit der Impfung da rauskommen und jetzt wir müssen sehen, dass dieses Virus länger da ist als wir das dachten. Das einzige, was uns wirklich schützt, ist einfach, dass wir auf die Medizin, die Virologen vertrauen, dass wir die Politik stärken, dass wir aber durchaus auch kritisieren, wo es politisch unkluge Maßnahmen gibt. Davon lebt unsere Demokratie.

Aber wir dürfen nicht als Gesellschaft auseinandergehen. Und da machen mir gerade solche Telegram-Gruppen oder einzelne Gruppen Sorge, wo sich Menschen abschotten und auf dubiose Nachrichten setzen, die nichts mit seriöser Wissenschaft zu tun haben.

DOMRADIO.DE: Dann gibt es aber noch die, denen zwei Impfungen reichen. Warum war es für Sie so wichtig, sich ein drittes Mal Impfen zu lassen?

Latzel: Ich erlebe das bei uns auch bei Kollegen. Die sind zweimal geimpft und haben trotzdem einen Impfdurchbruch. Ich hatte auch die Hoffnung wie viele andere, dass man sich zweimal impft und wir dann durch sind. Aber wenn es notwendig ist, dass wir uns wieder impfen lassen, dann müssen wir uns dieser Wirklichkeit stellen.

Da ist mir noch einmal wichtig, dass wir durch unseren Glauben an dieser Stelle kein Sonderwissen haben. Manche Leute begründen das eigenartigerweise mit biblischen Stellen, warum man sich nicht impfen lassen sollte. Da ist eine gesunde Weltlichkeit auch von uns als Christinnen und Christen gefragt.

DOMRADIO.DE: Wird es auch am vierten Adventssonntag eine Impfmöglichkeit in der Gemeinde am Niederrhein geben?

Latzel: Es wird auf jeden Fall bei uns Impfmöglichkeiten in unterschiedlichen Gemeinden geben. Das ist jetzt nicht nur in Nettetal gewesen, sondern in unterschiedlichen Gemeinden, in Essen, in Düsseldorf, in Solingen. Da wird es mit Sicherheit weiterhin Impfmöglichkeiten bei uns in der evangelischen Kirche in verschiedenen Gemeinden geben.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR
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