Akademiedirektor wirbt für mehr Interesse an Orthodoxie

"Mehr und mehr in den Osten schauen"

Fenster zum Himmel – das sind Ikonen nach orthodoxer Tradition. Aber auch in Westeuropa sind Menschen mehr und mehr von ihnen fasziniert. Was Ikonen so besonders macht, erklärt Joachim Hake im Interview.

Handgemalte Ikonen aus einer Ikonenwerkstatt / © Jannis Chavakis (KNA)
Handgemalte Ikonen aus einer Ikonenwerkstatt / © Jannis Chavakis ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was ist der Unterschied zwischen einer Ikone und einem ganz normalen Bild?

Joachim Hake (Direktor der Katholischen Akademie Berlin): Ikonen sind Fenster, durch die sich das Absolute, das Heilige der Welt, zu erkennen gibt. Wir schauen nicht hinaus oder wir malen nicht das Heilige oder das Absolute, sondern das Heilige und Absolute schaut durch das Fenster hinein. Das hat in der Geschichte zu vielen Bildstreitigkeiten geführt, ob man überhaupt das Absolute malen kann und abbilden darf.

Joachim Hake / © Katholische Akademie Berlin
Joachim Hake / © Katholische Akademie Berlin

Man hat sich schließlich in der Geschichte in einem langen Streit darauf geeinigt, dass diese Bilder sein dürfen. Das Malen der Ikone zeigt noch einmal, wie besonders diese Ikonen sind.

Das Malen der Ikonen ist von Gebet und Fasten begleitet. Die Ikone folgt einem kirchlichen Bildkanon und die Ikone wird gesegnet. Es ist also durchaus ein ganz anderes Bild.

DOMRADIO.DE: Die Ikone wird nicht gemalt, sondern geschrieben?

Hake: Das wird immer so gesagt. Aber wenn wir unseren zeitgenössischen Ikonenmaler Lars Gerdmar, den wir jetzt hier haben, fragen, dann sagt er, er malt die Ikonen. Ich glaube, das ist nicht ganz so festgelegt. Man kann wohl beides sagen: Ikonen werden geschrieben, das markiert noch einmal das Andere. Aber sie werden auch gemalt.

DOMRADIO.DE: Ikonen sind auch wichtig für das Bild von Jesus Christus, das wir so haben?

Hake: Die Ausstellung heißt "Von Angesicht zu Angesicht" und auf die Hauptikone in dieser Ausstellung ist ein Mandylion, eine Vera Ikon, ein Christusantlitz, das auch jetzt bei uns im Altarraum hängt. Das ist schon eine besondere Sache, sich vor dieses Christusantlitz zu stellen und zu schauen, wie Christus einen aus diesem Bild heraus anschaut und wie man auf einmal merkt, wie die Augen selbst in diesem Bild nach hinten schauen, dort, wo sein Vater ist.

Ich denke jetzt an die Johannes-Passagen "Wer mich sieht, sieht den Vater". Wir sehen das Christusantlitz. Christus sieht den Vater nach innen. Und wir haben eine Ahnung von diesem unsichtbaren Vater, wie wir ihn dann im Antlitz Jesu sehen können. Das muss man hier vor Ort erleben.

Joachim Hake

"Wir müssen mehr davon lernen, was die orthodoxe Theologie uns sagen kann."

Es ist auch wichtig zu sagen, dass es eine ökumenische Veranstaltung ist. Es sind Ikonen aus Schweden. Kardinal Arborelius ist hier. In Schweden und in Skandinavien ist man viel näher an der Orthodoxie. In diesen Zeiten – wer wollte das leugnen, auch in Zeiten des Ukraine-Krieges – müssen wir alle mehr in den Osten schauen und wir müssen mehr davon lernen, was die orthodoxe Theologie uns sagen kann.

Diese Ausstellung wurde von Pamela Garpefors, der lutherischen Pastorin der schwedischen Gemeinde hier, und Lars Gerdmar und mir vorbereitet, und zwar lange bevor der Ukraine-Krieg kam. Und ich bin jetzt sehr, sehr glücklich, dass wir die Ikonen hier im Haus haben.

DOMRADIO.DE: Warum dann ausgerechnet eine Ausstellung über Ikonen, wenn es jetzt nichts mit dem Krieg unmittelbar zu tun hat?

Hake: Heute hat irgendwie alles mit dem Krieg zu tun. Mir ist wichtig, dass wir mehr und mehr in den Osten schauen, auch als katholische Akademie, auch als Europäer, als Deutsche, dass wir doch ein größeres Gespür für die Schönheit und die Größe der orthodoxen Theologie bekommen und das auch in ökumenischer Verbundenheit tun.

Die Ikone als Ikone spielte in der protestantischen und römisch-katholischen Tradition eigentlich keine große Rolle. Aber seit einigen Jahren entdecken wir doch die ökumenische Dimension, wenn Sie zum Beispiel an die Ikone der neuen Märtyrer des 20. Jahrhunderts denken, die in der Ikonenwerkstatt in Sant'Egidio in Rom entstanden ist.

Joachim Hake

"Wenn Sie Ikonenfrömmigkeit der römisch-katholischen Kirche finden wollen, dann müssen Sie nach Rom fahren, nach Sant'Egidio zu Andrea Riccardi."

Schwedischer Kardinal bei Ikonen-Schau in Katholischer Akademie

Im Beisein von Kardinal Anders Arborelius beginnt am Freitag in der Berliner Katholischen Akademie eine ökumenische Ikonen-Ausstellung. Der Stockholmer Bischof eröffnet die Schau mit Werken des zeitgenössischen schwedischen Künstlers Lars Gerdmar (Lund) um 19.30 Uhr zusammen mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch, wie die Akademie ankündigte.

Die Katholische Akademie in Berlin / © Jannis Chavakis (KNA)

Wenn Sie Ikonenfrömmigkeit der römisch-katholischen Kirche finden wollen, dann müssen Sie nach Rom fahren, nach Sant'Egidio zu Andrea Riccardi. Der hat einem immer wieder eingeschärft, dass wir auch in einem ökumenischen Sinn nach Osten blicken müssen.

Denn in der westlichen Kultur, sagt Andrea Riccardi, trat eine zunehmende Entfremdung zwischen dem Schönen und dem Guten ein. Und das Schöne und das Gute und das Heilige und die Ikonen, das kommt auf eine Weise zusammen, die wir in der westlichen Tradition nicht haben.

Darum ist es gut, dass wir uns jetzt diese Ikonen anschauen, die aus Schweden kommen. Wunderbare Ikonen von Lars Gerdmar, wunderbar lebendig in der Tradition.

Das Interview führte Hannah Krewer.

 

Quelle:
DR