Adveniat-Geschäftsführer ist nach Argentinien-Wahl besorgt

Schlechte Aussichten für die Ärmsten

In Argentinien hat sich bei der Stichwahl der Rechtspopulist Javier Milei durchgesetzt. Pater Martin Maier, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, ahnt, was jetzt auf das südamerikanische Land zukommen wird.

Javier Milei (l.) mit seiner Lebensgefährtin Fatima Flores / © Natacha Pisarenko (dpa)
Javier Milei (l.) mit seiner Lebensgefährtin Fatima Flores / © Natacha Pisarenko ( dpa )

DOMRADIO.DE: Javier Milei wird neuer Präsident Argentiniens. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das erfahren haben?

Martin Meier / © Andre Zelck (KNA)
Martin Meier / © Andre Zelck ( KNA )

Pater Martin Maier SJ (Hauptgeschäftsführer von Adveniat): Das ist eine Wahl des Protests und der Verzweiflung. Es ist ein Protest gegen die bisherige Regierung, zu der ja auch Mileis Gegenkandidat Sergio Massa als Wirtschaftsminister gehört. Und es ist Verzweiflung gegenüber der sozialen und wirtschaftlichen Situation in Argentinien.

40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsschwelle, zehn Prozent in extremer Armut. Das mag eine Teilerklärung für dieses Wahlergebnis sein. 

DOMRADIO.DE: Milei erinnert in seiner Rhetorik und in seinem Gebaren stark an Donald Trump in den USA und den brasilianischen Expräsidenten Jair Bolsonaro. Warum haben ihm dennoch so viele Menschen ihre Stimme gegeben? 

Martin Meier

"In wirtschaftlich und geopolitisch schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, denen nachzulaufen, die einfache Lösungen versprechen."

Maier: In wirtschaftlich und geopolitisch schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, denen nachzulaufen, die einfache Lösungen versprechen. Und Milei hat einfache Lösungen versprochen. Er möchte die "Dollarisierung" in Argentinien einführen, die Zentralbank abschaffen und er möchte in einer extrem liberalen Wirtschaftspolitik die Sozialausgaben kürzen. Er sagt, das sei der Weg, um die Lösungen zu finden und um Argentinien wieder groß zu machen. 

DOMRADIO.DE: Milei stilisiert sich als eine Art messianische Erlöserfigur mit simplen Rezepten. Er will einen knallharten neoliberalen Kurs fahren. Was würde es denn bedeuten, wenn er seine Ziele wirklich umsetzen kann? 

Javier Milei / © Natacha Pisarenko (dpa)
Javier Milei / © Natacha Pisarenko ( dpa )

Maier: Das würde zuerst einmal bedeuten, dass die Lebenssituation der Menschen in Argentinien, die in Armut leben, noch prekärer und ungesicherter wird. Es ist jetzt schon von möglichen sozialen Unruhen die Rede. In Argentinien sind die Gewerkschaften stark. Die werden sich natürlich gegen die Kürzung bei den Sozialausgaben stemmen. 

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hatte vor der Wahl vor Rattenfängern gewarnt. Milei wiederum hatte im Wahlkampf den Papst als lausigen Linken und Kommunisten beschimpft. Denken Sie, dass der Ausgang der Wahl jetzt Auswirkungen auf potenzielle Reisepläne des Papstes in sein Heimatland Argentinien haben könnte? Und denken Sie, dass der Papst den Wahlausgang kommentieren wird? 

Maier: Papst Franziskus hat wiederholt den Wunsch geäußert, sein Heimatland im Jahr 2024 zu besuchen. Es wurde spekuliert, ob der Wahlausgang bei den jetzigen Präsidentschaftswahlen darauf einen Einfluss haben könnte. Das war auch Gegenstand der letzten Fernsehdebatte von Sergio Massa und Javier Milei.

Papst Franziskus mit Argentinienfahne / © Paul Haring (KNA)
Papst Franziskus mit Argentinienfahne / © Paul Haring ( KNA )

Milei hat deutlich gemacht, dass er als Präsident selbstverständlich Papst Franziskus als Staatsoberhaupt des Vatikans empfangen würde, wenn er Argentinien besucht.

Ich denke nicht, dass sich Papst Franziskus direkt zum Ausgang der Wahlen äußern wird. Er hat vorab deutlich vor populistischen Versprechen gewarnt und vor denen, die einfache Lösungen vorspielen. Aber er wird meiner Ansicht nach nicht in Abhängigkeit des Wahlausgangs seine Reisepläne definieren. 

DOMRADIO.DE: Adveniat setzt sich über seine lokalen Partner für die Armen in Argentinien ein. Was für Folgen wird Mileis Wahlsieg jetzt wohl für die Arbeit dieser Partner haben? 

Martin Meier

"Adveniat steht für eine Politik, die die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt und sich nicht vor dem Finanzsektor beugt."

Maier: Die Konsequenz für unsere Arbeit zusammen mit unseren Partnern und Partnerinnen wird sein, dass wir uns noch mehr für die Armen einsetzen, uns noch mehr in unseren Projekten für ein menschenwürdiges Leben der Armen in Argentinien engagieren.

Wir stehen für eine Politik, die Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Fratelli tutti" auch im fünften Kapitel umschrieben hat. Eine Politik, die die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt und sich nicht vor dem Finanzsektor beugt. Wörtlich sagt Franziskus im "Fratelli tutti": "Denn der Markt allein löst nicht alle Probleme." Dazu gehört auch Bildung und politische Bewusstseinsbildung. Milei wird jetzt selbst Teil der politischen Kaste sein, die er so polemisch immer wieder bekämpft hat.

Er hat keine Mehrheit im Kongress und wird auf Koalitionen angewiesen sein. Er ist jetzt auch abhängig von Patricia Bullrich und Mauricio Macri, die Wahlempfehlungen für ihn ausgesprochen haben. Man muss sehen, wie er das, was er so vollmundig versprochen hat, politisch in die Tat umsetzen kann. 

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Milei gewinnt Präsidentschaftswahl in Argentinien

Der marktliberale Ökonom Javier Milei hat die Präsidentschaftswahl in Argentinien gewonnen. Überraschend deutlich mit 55,7 Prozent setzte sich der Kandidat der radikal-marktliberalen Partei "La Libertad Avanza" nach Auszählung von 99,1 Prozent der Stimmen gegen den linksperonistischen Wirtschafts- und Finanzminister Sergio Massa (44,3) durch.

Javier Milei feiert mit seiner Schwester Karina Milei den Sieg bei der Stichwahl zum Präsidentenamt in Argentinien / © Natacha Pisarenko/AP/dpa (dpa)
Javier Milei feiert mit seiner Schwester Karina Milei den Sieg bei der Stichwahl zum Präsidentenamt in Argentinien / © Natacha Pisarenko/AP/dpa ( dpa )
Quelle:
DR