DOMRADIO.DE: In Israel heulen die Sirenen. Die Menschen mussten in Schutzbunker, Sie und Ihre Mitbrüder auch. Wie ist die Lage aktuell bei Ihnen?
Abt Nikodemus Schnabel OSB (Benediktiner-Abt der Abtei Dormitio in Jerusalem und des Priorats Tabgha am See Genezareth: Ich komme gerade erst wieder aus dem Schutzbunker. Die Entwarnung ist gut zwei Minuten alt und natürlich war die Nacht entsprechend immer wieder unterbrochen. Es erinnert an den Sommer 2025, in dem es diesen Raketenkrieg zwischen Iran und Israel gab. Es gehörte einfach zum täglichen Leben dazu und da sind wir jetzt wieder. Das ist in jeder Hinsicht schrecklich.
Ich war gestern noch in Tabgha, weil wir Kapitelssitzungen hatten. Die Gesamtgemeinschaft war am See Genezareth und mit uns in unserer Kirche war eine Pilgergruppe aus Frankreich, denn die ersten Pilger haben sich wieder ins Land getraut. Anfang des Jahres war ein Aufatmen zu spüren.
Ich spüre eine Verantwortung für jeden, der auf meinem Klostergelände ist. Jetzt haben wir die Pilger in den Bunker mitgenommen. Wir haben zwei Stunden lang mit 60 Leuten dort ausgeharrt, haben in verschiedenen Sprachen gesungen und gebetet. Das war sehr berührend.
DOMRADIO.DE: Was war das für eine Atmosphäre im Bunker?
Abt Nikodemus: Die Atmosphäre war sehr gut. Das klingt merkwürdig, aber es herrschte eine Atmosphäre des Gebetes, vor allem des Gebets für andere, denn wir sind ja total privilegiert: Wir haben Schutzräume, ein gutes Warnsystem mit Warn-Apps und eine Gemeinschaft, die Geborgenheit bietet. Wie viele Menschen sind gerade auf der Straße unterwegs? Wie viele Menschen sind überfordert und wissen gar nicht, was los ist?
Die Menschen im Iran oder auch viele Palästinenser in der Westbank haben überhaupt keine Schutzräume. Sie sind den Raketen komplett ausgeliefert. Wir haben Angestellte, deren Familien zu Hause sind und sich Sorgen machen. Die französischen Pilger haben an ihre Angehörigen in Frankreich gedacht, die sich natürlich fragen: Wie geht es den Pilgern? Man merkt sofort, dass jeder an die anderen, an die Vulnerablen denkt.
Ich war, bevor ich Abt wurde, Patriarchaler Vikar, der für alle katholischen Migranten und Asylsuchenden hier im Heiligen Land zuständig ist. Das sind genau die, die jetzt wieder zittern. Der Iran hat genau da angegriffen, wo ganz viele katholische Arbeitsmigranten arbeiten, zum Beispiel in Bahrain, Katar und Kuwait. Beim letzten Angriff auf Israel ist eine katholische Migrantin getötet worden. Sei es im Iran, in Israel, Palästina oder in den arabischen Staaten – die Leidtragenden mit dem höchsten Blutzoll, das sind die Vulnerablen, deren Namen man nicht kennt. Das sind die, die so zynisch "Kollateralschäden" genannt werden.
DOMRADIO.DE: Was bedeutet der Tod von Irans oberstem Führer Ali Chamenei für den Iran, aber auch für Israel?
Abt Nikodemus: Das kann ich schwer beurteilen. Ich glaube nicht an den Mythos der Erlösung durch Gewaltanwendung. Ich wünsche dem Iran eine andere politische Führung. Ich glaube, das wünscht jeder, der eine Seele in der Brust hat. Aber ich hab große Zweifel, ob das der richtige Weg ist.
In den letzten Monaten und Jahren haben wir kennengelernt, was Krieg bedeutet und wie zerstörerisch und widerlich Krieg ist. Krieg tötet Menschen. Krieg schafft Traumata. Krieg schafft Verletzung und Verwundung.
Aus der Seelsorgerperspektive stellt sich mir die große Frage, und da bin ich ganz bei Papst Leo: Wie ernst nehmen wir das Recht und die Kraft des Rechtes? Wie sehr trauen wir noch der Diplomatie?
Ich habe das Gefühl, dass Krieg früher noch die Ultima Ratio, also das allerletzte Mittel, war. Es gibt die Momente, in denen Krieg unausweichlich ist, aber jetzt habe ich immer mehr das Gefühl, dass der Krieg seinen Schrecken verloren hat. Es ist enttabuisiert worden und nicht mehr Ausdruck der Niederlage der Menschheit. Ich wünsche jedem, dass er an einem Tag mit mir die Rolle des Seelsorgers tauscht und zuhört, was Krieg mit Menschen anrichtet.
Das Interview führte Carsten Döpp.
Information der Redaktion: Das Gespräch mit Nikodemus Schnabel wurde am Sonntag, 1. März 2026, geführt.