Landesbischof zu Kirchenreformen, Zukunftsfragen und Corona

"2G-Regel nicht als Druckmittel einsetzen"

Der evangelische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh leitet die Badische Landeskirche seit 2014. Mitte Dezember wird sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin gewählt. Der Bischof blickt auf kirchliche Veränderungen und Lehren aus der Coronakrise.

Jochen Cornelius-Bundschuh / © Corinne Simon (KNA)
Jochen Cornelius-Bundschuh / © Corinne Simon ( KNA )

Katholische Nachrichtenagentur (KNA): Herr Landesbischof, warum haben Sie sich für viele überraschend zum Amtsverzicht entschieden?

Jochen Cornelius-Bundschuh (Leiter der Badischen Landeskirche): Ich werde nächstes Jahr 65 und wollte den Wechsel gut planen. Einerseits gibt es familiäre Gründe. Andererseits sehe ich auch inhaltlich den richtigen Moment für einen Wechsel. Wir haben zuletzt einige zentrale Weichenstellungen getroffen, etwa zur engeren Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Diakonie, aber auch zwischen den verschiedenen Ebenen unserer Kirche. Wir haben uns zu Klimaschutz verpflichtet und sind dabei, Konzepte zu erarbeiten, welche kirchlichen Gebäude wir wie erhalten können und wollen. Da ist es gut, wenn jemand mit Schwung und neuen Ideen übernimmt.

KNA: Was ist aus Ihrer Sicht besser: regelmäßige Wechsel im Bischofsamt oder die oft sehr langen Amtszeiten in der katholischen Kirche?

Cornelius-Bundschuh: Wir sind da grundsätzlich anders aufgestellt. Alle evangelische Christinnen und Christen sind in der evangelischen Kirche mitverantwortlich für die Verkündigung; erst dann kommt über die Ordination die Beauftragung für das öffentliche Amt. Das evangelische Bischofsamt leitet sich dann wieder vom Pfarramt ab. Für mich sind deshalb klare Befristungen für das Bischofsamt sinnvoll.

Das ist theologisch gut begründet und es passt auch im Blick auf die Geschwindigkeit, mit der sich unsere Gesellschaft und mit ihr die Kirchen verändern. Ich bin überzeugt, dass man eine begrenzte Zeit gut leiten und gleichzeitig die Tradition wahren und die Einheit sichern kann. Als Bischof bin ich immer auch eine Art Puffer zwischen jenen, die noch schnellere Veränderungen wollen, und anderen, denen es zu rasch geht und die befürchten, nicht mehr mitzukommen.

KNA: Was wird aus Ihrer Amtszeit nachwirken?

Cornelius-Bundschuh: Ich hoffe, dazu beigetragen zu haben, dass wir uns in der Evangelischen Landeskirche in Baden stärker als Einheit verstehen, zwischen den verschiedenen Ebenen und Handlungsfeldern, dass wir offen und klar miteinander kommunizieren und uns auch öffentlich so präsentieren. Das ist nicht zuletzt bei gesellschaftspolitischen und sozialethischen Fragen wichtig. Die Aufnahme und Begleitung von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren wäre nicht möglich gewesen, wenn jede Kirchengemeinde, jede Kita, die Diakonie und die Kirchenleitung isoliert agiert hätte. Weil wir gemeinsam rangegangen sind, konnten wir uns so umfassend und erfolgreich engagieren.

KNA: Gleichzeitig sind die Kirchen damit beschäftigt, Antworten auf vielfältige Krisen zu finden - weniger Gläubige, mehr Austritte, weniger Geld, Vertrauensverlust durch Missbrauchsfälle. Erleben Sie Kirche im Rückzugsgefecht?

Cornelius-Bundschuh: Es ist völlig klar: Wir Christen sind keine Mehrheit mehr. Junge Menschen sehen sich nicht mehr automatisch als Christenmenschen, weil es in ihrem Umfeld selbstverständlich ist, sondern erst dann, wenn sie sich bewusst dafür entscheiden. Das geschieht nur, wenn sie Kirche und Glauben als gewinnbringend im Sinne von stärkend und ermutigend, kommunikativ und wegweisend erleben. Und das ist nicht nur schlecht. Denn es fordert uns heraus, neu darüber nachzudenken, was unser Glauben beitragen kann zu einem gelingenden, glücklichen Leben und für die verantwortliche Gestaltung unserer Gesellschaft.

KNA: Prognosen wie die jüngste Studie der Uni Freiburg gehen von einem dramatischen Rückgang der Christenzahlen in den kommenden Jahren aus.

Cornelius-Bundschuh: Ich bin nicht davon überzeugt, dass diese pessimistischen Projektionen, die aktuelle Entwicklungen einfach linear fortschreiben, wirklich eintreten. Wir müssen nicht bloß passive Zuschauer sein, sondern können die Entwicklung als Kirche selbstbewusst gestalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kirchen auch in Zukunft gebraucht werden. Wer außer uns soll denn dafür eintreten, dass der Mensch nicht allein über seine Leistung definiert werden darf? Wer fördert ein Vertrauen in andere Menschen, das nicht zuerst rechnet? Wer erinnert daran, dass sich die Qualität einer Gesellschaft daran misst, wie wir mit Menschen in Not und Schwachheit umgehen?

KNA: Hat sich diese Solidarität mit Schwachen aber in der Corona-Pandemie wirklich bewährt?

Cornelius-Bundschuh: Nicht überall. Zum Beispiel haben wir zur Beginn der Pandemie und in den ersten Lockdowns Menschen mit Behinderung zu wenig im Blick gehabt. Ihre Werkstätten und Tagesangebote wurden geschlossen. Das war fatal und darf sich nicht wiederholen. Ähnliches gilt für den Umgang mit Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Es ist eine wichtige Aufgabe, jetzt nach Corona zu überlegen, wie wir gerade die Würde und Freiheit der Menschen in Zukunft besser wahren können, die nur schwer für sich selbst sorgen können. Vielleicht brauchen wir so etwas wie Ombudspersonen.

Auch haben wir in Corona-Zeiten eine rasche Umsetzung der Digitalisierung erlebt, die zum Abstandhalten passte. Sie hat befördert, dass sich Blasen gebildet haben, in denen Menschen nur noch Gleichgesinnte treffen. Das halte ich für gefährlich. Wir brauchen die reale Begegnung, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Positionen. Nur so können wir lernen, Verschiedenheiten auszuhalten und Spaltungen zu vermeiden.

KNA: Aktuell bleibt das öffentliche Zusammenkommen aber erschwert und stark reglementiert. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die 2G-Regeln?

Cornelius-Bundschuh: Es gibt Situationen, wo 2G Sinn macht. Etwa für Gastronomen oder Kulturveranstalter. Aber es ist falsch, die 2G-Regel als Druckmittel einzusetzen, um Menschen zur Impfung zu drängen. Für den Bereich von Kirche und insbesondere für Gottesdienste halte ich es nicht für angemessen, Menschen wegen ihres Impfstatus abzuweisen. Unsere Gottesdienste sind immer offen für alle. Jesus hat gerade den Kontakt zu Kranken und möglicherweise Ansteckenden gesucht. Ganz unbenommen davon ist, dass wir in Gottesdiensten gesundheitlich Vorsorge benötigen und dass es besondere Gottesdienste geben kann, in denen wir die 3G-Regel anwenden, um mehr Menschen das Mitfeiern zu ermöglichen, weil dann auf Abstände verzichtet werden kann.

Autor/in:
Volker Hasenauer
Quelle:
KNA
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