Kuppel des Petersdoms
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17.03.2021

Wie reagiert die Weltkirche auf das Vatikandokument über Homosexualität? Von "Scham" bis "Dankbarkeit"

Die Empörung ist groß, nachdem die Glaubenskongregation am Montag ein Dokument veröffentlicht hat, das einen Segen für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften ausschließt. Wie reagiert die Kirche in Europa, Asien, Afrika und den USA?

Deutschland steht im Auge des Sturms. Den Eindruck könnte man bekommen, wenn man die Diskussionen um das neue Vatikandokument verfolgt. Medien berichten unter Bezug auf den Vatikan, dass sich das Dokument an die Kirche in Deutschland richtet. Es habe den Synodalen Weg im Blick, der nach neuen Wegen sucht, mit homosexuellen Katholiken umzugehen. Deutschland steht anscheinend im Mittelpunkt, obwohl weder der Synodale Weg noch die Deutsche Bischofskonferenz im neuen Dokument Erwähnung finden.

Was denkt aber der Rest der Welt über die verlautbarung? Eine Studie des "Pew Research Center" aus dem Jahr 2020 zeigt, dass es insbesondere in Westeuropa und den USA auch unter Katholiken eine große Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften gibt. In Osteuropa, Afrika und auch Asien wird das Thema eher kritisch betrachtet. Dementsprechend fallen auch viele Internationale Reaktionen aus. 

Europa

Als eine der ersten Bischofskonferenzen in Europa nach Deutschland hat sich die Belgische Kirche in einem Statement zu Wort gemeldet und vorsichtige Kritik formuliert. Die Katholiken in Belgien setzen sich für "ein Klima des Respekts, der Anerkennung und der Integration" ein, und ermutigen ihre Gläubigen diesen Weg weiter zu gehen.

Deutlicher wird der Bischof von Antwerpen, Johan Bonny. Er äußert sich in einem Kommentar für die belgische Zeitung "De Standaard": "Ich schäme mich für meine Kirche und fühle moralisch sowie intellektuell ein Unverständnis", schreibt der Bischof und entschuldigt sich bei den Betroffenen im Namen der Kirche. Er kenne selbst homosexuelle Paare, auch mit Kindern, die ein positives und förderndes Klima der Familie lebten. Viele von ihnen seien auch selbst in der Kirche engagiert.  

Afrika

Die deutlichste Zustimmung zum Dokument kommt aus Afrika. So bezeichnet die Website "Todaynewsafrica" homosexuelle Beziehungen in seiner Überschrift als "gottlos" und setzt die Klarstellung der Glaubenskongregation mit einem Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen gleich.

Ähnliche Gedanken kommen von der "Christian Association of Nigeria" (CAN), einem ökumenischen Verbund, der sowohl Katholiken als auch die größten protestantischen Kirchen in Nigeria vertritt. Der CAN ist dem Papst "dankbar" für seine Klarstellung und nimmt sie gleichzeitig zum Anlass, andere afrikanische Länder zu kritisieren, deren Gesetzgebung Anerkennung gegenüber Homosexuellen zeigt. Diese Gesetze sollten geändert werden, so CAN. Deren Generalsekretär Joseph Daramola betont in einem Statement vom Dienstag, dass die biblische Ablehnung der Homosexualität über den Werten einzelner Gesellschaften stehe und führt dazu eine ganze Reihe von Bibelstellen an. Wenn die Rede davon sei, dass Homosexualität auch im Tierreich existiere, frage man sich doch, so der Generalsekretär, weshalb auch die Menschen danach handeln sollten. Deshalb verurteilt die Organisation homosexuelle Handlungen "mit deutlichen Worten".

Asien/Ozeanien

Von offizieller kirchlicher Stelle in Asien ist bis dato noch keine Reaktion auf das Schreiben der Glaubenskongregation eingegangen. Schaut man aber in die jüngere Vergangenheit, so sieht man, dass die katholischen Christen des Kontinents bei diesem Thema durchaus gespalten sind. So hat Taiwan im November 2018 ein Referendum zur Legalisierung der Ehe für Homosexuelle abgehalten, in dessen Vorlauf sich der Erzbischof von Taipei, John Hung Shan-chuan kritisch äußerte, und die Katholiken aufforderte nach ihrem persönlichen Gewissen abzustimmen. Papst Franziskus und die Kirche würden Toleranz und Respekt gegenüber Homosexuellen einfordern, die Ehe könne es aber nur zwischen Mann und Frau geben. Ähnliche Debatten gab es vergangenes Jahr in Thailand, als dort über eingetragene Lebenspartnerschaften und Adoptionen diskutiert wurde.

Die Philippinen sind das katholischste Land in Asien. Dort hat Anfang 2020 der oberste Gerichtshof die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften abgelehnt, was die deutliche Zustimmung der katholischen Bischofskonferenz gefunden hat. In verschiedenen Statements haben die dortigen Bischöfe damals betont, dass sich die Kirche nach der Lehre Jesu richte, egal, was der Staat sagt, und dass die Gerichte sich lieber mit Problemen der Armut befassen sollen.

In Australien ist nach der Veröffentlichung des Vatikan-Dokuments eine Debatte entbrannt. Hier gab es deutliche Kritik von gesellschaftlich progressiven Gruppen, auch aus kirchlichen Reihen. Benjamin Oh, von den "Australian Catholics for Equality" beschreibt das Dokument als wenig überraschend aber "persönlich verletzend". Er beklagt, dass besonderes in kirchlichen Reihen gleichgeschlechtliche Beziehungen immer noch einen schweren Stand hätten, obwohl eine Umfrage im Jahr 2017 zeigt, dass 62 Prozent der Australier gleichgeschlechtliche Beziehungen unterstützten.

Amerika

Ähnlich unterschiedlich wie in Deutschland sind auch die Meinungen der Kirche in Amerika. So formuliert der Jesuit James Martin, der sich seit langem für die Rechte von Homosexuellen in der Kirche einsetzt, ein differenziertes Urteil auf Twitter: Er teile den Schmerz der Menschen und sei mit ihnen im Gebet verbunden, wolle jedoch auch positiv aufzeigen, dass das Dokument erstmals auch Positives in gleichgeschlechtlichen Beziehungen nenne. Martin teilt einen Rat mit seinen Followern, den er einem jungen Homosexuellen vor Jahren gegeben hat: "Gott liebt dich, die Kirche muss es noch lernen."

Von der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten ist bis jetzt kein Kommentar zu hören, stattdessen kommt Beifall aus konservativen Kreisen, unter anderem von der Laienorganisation "Catholic League": "Es wird keine Anerkennung homosexueller Gemeinschaften oder Ehen durch die katholische Kirche geben", schreibt der Vorsitzende Bill Donohue. "Da gibt es nichts zu verhandeln. Ende der Geschichte."

Vatikan

Obwohl es nach der Veröffentlichung durch die Glaubenskongregation keinen weiteren offiziellen Kommentar aus dem Vatikan gab, äußerte sich am Dienstag ein Kurienkardinal, Marcello Semeraro, der Präfekt der Heiligsprechungskongregation. Der Text dürfe nicht als Diskriminierung Homosexueller aufgefasst werden, da das gleiche Segensverbot auch für heterosexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe gelte.

Renardo Schlegelmilch
(DR)

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