Blick vom Turm der Dormitio-Abtei in Jerusalem auf den Abendmahlssaal
Blick vom Turm der Dormitio-Abtei in Jerusalem auf den Abendmahlssaal
Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel

18.01.2016

Pater Nikodemus Schnabel zu Schmierereien an Dormitio-Abtei "Nicht mitmachen in der Hass-Spirale"

Wieder ist die Dormitio-Abtei in Jerusalem mit hebräischen christenfeindlichen Graffitis beschmiert worden. Pater Nikodemus Schnabel berichtet über andauernde anti-christliche Aggressionen und kritisiert auch die Jerusalemer Polizei.

domradio.de: Sie als Mönch sind in Jerusalem ja Kummer gewohnt. Sie haben die Schmierereien gesehen. Auf der Mauer stand unter anderem auf hebräisch: "Tötet die Heiden" und "Tod den christlichen Ungläubigen". Sind die denn mittlerweile entfernt worden?

Benediktinerpater Nikodemus Schnabel (Dormitio-Abtei): Die sind mittlerweile entfernt worden. Allerdings hat uns etwas verärgert, dass die Polizei zunächst wirklich in unprofessioneller Art und Weise mit roter Farbe alle Schmierereien überdeckt und damit eigentlich den Sachschaden vergrößert hat. Man konnte aber dennoch vieles entziffern. Und dann erst - im Laufe des Sonntags - wurde dann wirklich alles entfernt. Und jetzt können wir wirklich sagen: Zum Glück ist alles weg und de facto kann das normale Leben wieder weitergehen.

domradio.de: Höre ich da auch eine generelle Kritik gegenüber der Polizei raus?

Schnabel: Ja, die dürfen Sie raushören. Ich schildere vielleicht einfach mal, wie das war: Wir haben seit drei Jahren von samstags auf sonntags wirklich eine unglaublich aggressive Party in unserer Nachbarschaft, nahe dem Bereich, der als Abendmahlssaal und Davidsgrab bekannt ist. Das sind wirklich - wie soll ich sie nennen - jüdische Rechtsradikale, die sehr aggressive Musik machen, Sprechchöre bilden. Keiner von uns Mönchen kann von Samstag auf Sonntag vor Mitternacht Schlaf finden, weil eine so aggressive, laute Stimmung herrscht.

domradio.de: Das heißt, das ist bewusst gegen Sie gerichtet?

Schnabel: Das ist schwer zu sagen. Manches ja, manchmal ist es aber auch oft nur ein Zeigen: Der Zion ist jüdisch. Je nach Gemengelage wird es auch durchaus sehr markig. Und einen neuen Höhepunkt in dieser Samstagabend-Geschichte bilden jetzt die Schmierereien auf der vom Abendmahlsaal abgewandten Seite. Diese Rückseite hat eine traurige Berühmtheit bei uns, denn 2013 gab es dort schonmal einen Anschlag, der viel heftiger war. Zwei unserer Autos wurden zerstört, mehrere Graffitis wurden angebracht. Damals hat die Polizei hoch und heilig versprochen - das war im Sommer 2013 - dass auch in diesem Bereich Kameras installiert werden. Es wurden auch die Medien eingeladen. Jetzt haben wir mittlerweile Januar 2016, die Kameras sind immer noch nicht da. Und genau in dem Bereich, wo keine Kameras sind, waren die Schmierereien - sowohl bei uns als auch auf den Friedhofsmauern der griechisch-orthodoxen und der armenisch-apostolischen Gemeinden. Man sieht also: Die Feinde des Christentums sind manchmal ökumenischer als wir selbst. Da wird nicht unterschieden nach Konfession. Da haben wir alle unsere Schmähungen abbekommen. Und das ist eben das, wo man sagt: Das hätte nicht sei müssen. Wären da Kameras gewesen, wüssten wir jetzt schon, wer die Täter sind. So tappt man wieder im ungewissen, weil eben keiner auf frischer Tat ertappt wurde.

Gegen 0.30 Uhr haben Studenten diese Graffitis entdeckt, weil viele unserer Studierenden eben auch vor diesem Samstagabend-Lärm Reißaus nehmen. Sie waren im Kino, kamen dann spät wieder und haben uns dann informiert. Wir reden hier von über zwanzig Graffitis, wirklich unzählige. Manche sehr, sehr klein - vielleicht so groß wie ein Geldschein - manche sehr groß, manche auch mit martialischen Illustrationen. Wir haben die Graffitis dokumentiert, dann die Polizei gerufen. Und die Polizei hat dann eben erstmal alles mit Farbe überpinselt und dann erst im Laufe des Tages die Graffittis gereinigt.

Was man wieder positiv sagen kann: Am Sonntag Nachmittag kamen sehr, sehr viele Juden, befreundete Rabbiner. Wir haben eine unglaubliche Solidarität erfahren. Das muss man immer wieder betonen. Was tröstet, ist wirklich die Zivilgesellschaft - auch unsere Nachbarn. Noch vor der Messe um 10 Uhr kamen zig Leute und haben gesagt: Wir wollen Euch zeigen 'Wir sind mit Euch, lasst Euch nicht entmutigen'. Das ist eben auch eine Realität, die man immer wieder klarmachen muss. Und wir selbst haben am Sonntag Vormittag auch beschlossen, ganz bewusst auch für die Täter zu beten, ganz bewusst zu sagen: 'Wir wollen jetzt nicht bei dieser Hass-Spirale mitmachen, sondern diese Menschen vor Gott bringen. Damit Gott ihre Herzen erweicht und der Hass verschwindet.' Ich hatte auch das Gefühl, die Gemeinde hat das sehr ernst genommen. Wir haben das auch in den Fürbitten zur Sprache gebracht. Und ich muss sagen, diese Mischung aus den Gebeten für die Täter und der enormen Solidaritätswelle hat es mir ermöglicht, gestern Abend mit friedlichem Herzen ins Bett zu gehen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(dr)

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