Archivbild: Schweizergarde im Jahr 2018
Schweizergarde

22.01.2021

Vatikan-Experte blickt auf 515 Jahre Schweizergarde Die kleinste Armee der Welt

Vor genau 515 Jahren wurde die Schweizergarde zum Schutz des Papstes gegründet. Als kleinste Armee der Welt musste sie auch Kämpfe austragen, weiß der Vatikan-Experte Ulrich Nersinger. Er erklärt auch, warum es keine Gardistinnen gibt.

DOMRADIO.DE: Wie hat alles angefangen, damals vor 515 Jahren?

Ulrich Nersinger (Vatikan-Journalist): Wenn wir das Jahr 1506 einmal betrachten, sehen wir ein Rom, das nicht nur vom Papst, sondern auch von den römischen Adelsgeschlechtern sehr stark beherrscht wird. Ein Papst, der dann eine Leibwache braucht, muss sich natürlich überlegen, wie er das handhabt. Sich Soldaten aus den römischen Adelsgeschlechtern zu versichern, war doch eine sehr unsichere Sache. Daher ist er auf die Idee gekommen, Soldaten zu nehmen, die damals die besten der Zeit waren. Und das waren eben Schweizer Landsknechte.

DOMRADIO.DE: Sahen die Schweizergardisten damals schon genauso aus wie heute?

Nersinger: Nicht ganz so. Wir sind ja alle der Meinung, dass die Uniform uralt ist. Manche sagen, sie sei von Michelangelo oder von Raffael entworfen. Das ist nicht der Fall. So wie wir sie heute kennen, ist sie erst am Anfang des 20.Jahrhunderts von einem Kommandanten entworfen worden, von Jules Dupont. Der hat alte Vorlagen genommen. Die Kleidung war schon an der Renaissancetracht und an der Landsknechttracht der damaligen Zeit orientiert. Sie sah ähnlich aus. Aber so, wie wir sie heute sehen, ist sie eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts.

DOMRADIO.DE: Gab es in der Geschichte mal einen Papst, der wirklich eine ganz besonders enge Beziehung zu den Gardisten hatte?

Nersinger: Da könnten wir eine ganze Reihe aufzählen. Ich denke, wenn wir mal auf die Jetztzeit schauen, dann haben wir Papst Franziskus und da sehen wir doch eine sehr, sehr enge Bindung. Er sagt das auch immer wieder und er zeigt es auch, denn er hat ja jetzt auch die Schweizergarde aufgestockt. Er hat ja den Sollbestand von 110 Mann auf 135 gehoben und er setzt sich auch für seine Garde auf anderen Gebieten ein. Er hat zugestimmt, dass eine neue Kaserne errichtet wird, dass die Gardisten früher heiraten können, dass sie gut untergebracht sind, dass sie gut abgesichert sind. Ich denke, da zeigt Franziskus auch eine sehr, sehr enge Bindung an seine Leibwache.

DOMRADIO.DE: Das ist wirklich eine Armee, eine Kampfeinheit. Mussten die Gardisten tatsächlich schon mal kämpfen?

Nersinger: Sie mussten kämpfen. Wir haben das berühmte Beispiel des "Sacco di Roma". Als die spanisch-deutschen Truppen von Kaiser Karl V. die Stadt eroberten, haben sie einen hohen Blutzoll gezahlt und sie sind immer wieder in ihrer Geschichte gefordert worden.

Wir haben eben besprochen, dass die päpstliche Schweizergarde eine Armee ist. Das ist sie und ist sie nicht. Sie ist natürlich eine militärische Einheit und wird auch so gesehen. Aber man musste im vergangenen Jahrhundert einen Trick anwenden, denn die Schweiz hat immer gesagt: "Es darf keine Reisläufer [spätmittelalterliche Schweizer Söldner, Anm. d. Red.] mehr geben. Schweizer Soldaten dürfen nicht in fremden Armeen dienen."

Man hat dann bei der Gründung des Vatikanstaates 1929 einen kleinen Trick angewandt. Dann hat die Schweizer Regierung erklärt, dass man die Schweizergarde als eine Hauspolizei des Papstes sieht. Das stimmt zwar, aber es ist natürlich nicht die ganze Wahrheit: Natürlich ist sie militärisch aufgebaut, sie ist militärisch geführt und sie gilt auch allgemein als die kleinste Armee der Welt.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn heute aus bei der Schweizergarde? Haben sie immer genug Nachwuchs? Wollen heute noch junge Männer Schweizergardisten werden?

Nersinger: Das ist in der Geschichte immer ein Auf und Ab gewesen. Manchmal war der Mannschaftsbestand so niedrig, dass man schon Angst hatte, dass sie aufgelöst wird. Heute zeigt sich doch, dass wieder sehr großes Interesse da ist und eben nicht so wie manchmal in früheren Zeiten auch, dass das Finanzielle oder die Absicherung des Lebens davon abhängt, sodass man sagte: "In der Schweiz können wir nicht viel verdienen, wir müssen ins Ausland gehen". Das ist heute nicht mehr so stark. Heute finden wir, das sagt der Kommandant, das sagt auch der Papst, eine sehr, sehr starke religiöse Motivation, dem Heiligen Vater auf seine eigene Art und Weise zu dienen.

DOMRADIO.DE: Und die Schweizergardisten werden ja auch in der Schweiz mit Kusshand genommen, wenn sie mal irgendwann den Dienst quittieren. Was machen die zum Beispiel hinterher?

Nersinger: Die meisten von ihnen gehen in den Sicherheitsdienst. Sie haben ja vorher schon eine militärische Grundausbildung in der Schweiz erhalten. Dann kommt natürlich die Rekrutenschule im Vatikan dazu, dann verschiedene Sonderausbildungen. Sie werden in verschiedenen Bereichen weitergebildet. Sie können dann schon in der Schweizergarde eine Art Diplom machen, das sie dann als Sicherheitsmann befähigt.

Das heißt, wenn man zurückgeht in die Schweiz, hat man erst einmal ein großes Renommee. Man kann aber auch sehr, sehr viele Prüfungen vorweisen. Man kann vorweisen, dass man eine neue Sprache gelernt hat, dass man menschlichen Umgang gelernt hat. Denn die Schweizergardisten stehen ja an vorderster Front, wenn ich den Ausdruck mal verwenden darf, gegenüber den Leuten, die den Vatikan besuchen und müssen dann natürlich auch sehr freundlich und sehr, sehr geschickt agieren. Also Sicherheitseinrichtungen in der Schweiz sind wirklich dann fast privilegiert, wenn sie solche Leute präsentiert bekommen.

DOMRADIO.DE: Schweizer Gardistinnen - standen die schon mal zur Debatte?

Nersinger: Nein, ich denke, das ist nie eine Diskussion gewesen. Da ist die Schweizergarde eigentlich eine Traditionseinheit, wo man in eine solche Mainstream-Überlegung nicht hineingegangen ist und die auch nicht sinnvoll ist. Ich denke gar nicht als breite Ablehnung von Frauen.

Aber man muss auch immer bedenken, es ist logistisch sehr schwierig. Wir haben jetzt schon Probleme, die Leute unterzubringen in einer Kaserne, auch wenn ein Neubau kommt. Und ich denke das wäre allein von der Logistik schon sehr, sehr kompliziert, aber auch halt von der Tradition her. Aber ich denke, das ist kein Problem, dass man Frauen geringer schätzt, sondern das sind praktische Gründe überwiegend und dann natürlich auch gewisse Traditionsgründe.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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