Erzbischof Carlo Maria Viganò attackiert Papst Franziskus
Erzbischof Carlo Maria Viganò attackiert Papst Franziskus
Unter verbalem "Beschuss": Papst Franziskus
Unter verbalem "Beschuss": Papst Franziskus

22.10.2018

Warum Erzbischof Viganò gegen Papst und Klerus wettert Feindbild Homosexualität in der Kirche

Seit Wochen ist Papst Franziskus Attacken von Erzbischof Carlo Maria Viganò ausgesetzt. Der frühere Vatikandiplomat kritisiert das Papstvorgehen im Missbrauchsskandal und geißelt Homosexualität in der Kirche. Nun legt Viganò erneut nach.

DOMRADIO.DE: Viganòs Äußerungen über Homosexualität wirken für viele befremdlich. Warum behauptet er in einem neuen Schreiben, die homosexuelle Ausrichtung vieler Kleriker sei der Hauptgrund für den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen?

Burkhard Jürgens (Journalist und Rom-Korrespondent der Katholischen Nachrichten-Agentur): Interessant ist, dass er überhaupt von einer weitverbreiteten homosexuellen Ausrichtung von vielen Klerikern spricht. Ich würde Viganò erst mal gerne fragen: "Herr Erzbischof, Sie sind ja viel rumgekommen, waren lange Nuntius in den USA. Wie viele Kleriker in der katholischen Kirche sind eigentlich homosexuell?" Da hätte ich von ihm gerne mal Zahlen und Beispiele gehört.

Dann müsste man vielleicht auch fragen, warum die Kirchenleitung trotz der angeblich so vielen Homosexuellen noch ganz gut funktioniert. Er spricht darüber, dass Homosexualität ein Grund für Missbrauch sei und begründet das nicht ganz leicht verständlich in der Weise, dass die Homosexuellen ihren klerikalen Status quasi dazu nutzen würden, um homosexuelle Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen. Wie das genau funktionieren soll, führt er nicht näher aus. Aber er grenzt es deutlich von heterosexuellen Beziehungen ab.

DOMRADIO.DE: Er macht aber das gleiche Fass auf zwischen Homosexuellen und Pädophilen, oder?

Jürgens: Er sieht den Missbrauchsskandal als eine Folge von der nach seiner Auffassung weitverbreiteten Homosexualität an.

DOMRADIO.DE: Zu Beginn dieser Debatte nach dem ersten Brief von Erzbischof Viganò gab es den einen oder anderen Vatikan-Experten, der fand, dass an diesen Vorwürfen gegenüber Papst Franziskus was dran sein könnte – auch wenn der Stil von Viganò kritisiert worden ist. Wie ernst wird Viganò nach diesem neuesten Schreiben im Vatikan eigentlich noch genommen?

Jürgens: Bislang gibt es noch keine Reaktion aus dem Vatikan zu diesem inzwischen dritten Schreiben von Viganò. Ich glaube nicht, dass er weiter ernst genommen werden kann. Denn substanziell hat er eigentlich nichts Neues beigetragen. Er hat in seinem jüngsten Schreiben die Behauptungen verteidigt, die er in seinem ersten Brief Ende August schon aufgestellt hat. Er hat versucht, sich gegen die Entgegnung vom Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Ouellet, zu verteidigen. Aber inhaltlich ist wenig dazugekommen.

Was aber deutlicher geworden ist, ist die Haltung, aus der heraus er diese ganze Anklage führt. Nämlich die Vorstellung, dass die Kirche in einem schweren Kampf gegen die Homosexualität an sich steht. Und dass er, Viganò, jetzt als inzwischen 77-jähriger, alter Kirchenmann in der Pflicht steht, hier einfach sein Gewissen erleichtern zu müssen.

DOMRADIO.DE: Es hat Wochen gedauert, bis der Vatikan auf die ersten Vorwürfe von Erzbischof Viganò reagiert hat. Jetzt ist der dritte Brief wieder eine Retourkutsche. Wird nach Ihrer Einschätzung der Vatikan jetzt erneut reagieren oder will man durch Schweigen auch der ganzen Sache nicht zu viel Bedeutung beimessen?

Jürgens: Ich denke, dass der Vatikan zunächst einmal die Sache niedrig hält und versucht, Viganò nicht unnötig ernst zu nehmen.

Andererseits hat er in seinem dritten Schreiben erneut kräftige Vorwürfe gegen den Papst erhoben. Er sieht den Papst als jemanden, der Verwirrung und Spaltung stiftet – sas sind natürlich starke Worte. Viganò ruft auch Priester und Bischöfe dazu auf, ihre Stimme gegen diesen Papst zu erheben, der nach seiner Einschätzung seiner Aufgabe nicht gerecht wird.

Eine Frage ist auch, wie lange man diesen Mann so weitermachen lassen kann. Auf der anderen Seite stelle ich mir vor, dass Papst Franziskus Viganò als einen älteren Kurienmitarbeiter sieht. Er ist jetzt 77 Jahre alt. Er hat keine Funktion mehr. Ich stelle mir vor, dass man seine Äußerungen einfach als die etwas exzentrischen Aussagen eines Privatmannes bewertet.

DOMRADIO.DE: Aus sehr konservativen Kreisen hat Erzbischof Viganò für diese harschen Worte gegen Franziskus bislang viel Zustimmung erhalten. Warum ist das so?

Jürgens: Viganò bekommt kräftig Zustimmung aus konservativen, ultrakonservativen Kreisen. Es sind gerade diese Kreise, die ihn überhaupt publik machen. Er hat ja keinen richtigen eigenen Veröffentlichungskanal. Seine Botschaften kommen aus Blogs der rechten katholischen Szene.

Das Interesse, das man da an ihm hat, ist sehr offensichtlich. Das Feindbild Viganòs ist die Homosexualität in der Kirche. Die Homosexualität steht für ihn quasi als Merkmal für eine liberale Haltung der Kirche insgesamt. Es ist quasi das Aushängeschild einer katholischen Kirche, die aus seiner Sicht seit den 1960er Jahren eine falsche Entwicklung genommen hat – zu weltoffen, zu liberal und damit auch zu lax in der Moral. Das versucht man wieder zurückzudrehen.

Damit ist er genau auf der Linie derer, die in der Öffnung der katholischen Kirche zur modernen Welt die Ursache des Problems sehen. Nicht etwa wie Franziskus, der als Ursache analysiert hat, dass es ungesunde Machtstrukturen innerhalb der Kirche gibt. Das spricht Viganò auch ganz klar an, indem er sagt: "Die Ursache des Missbrauchs auf einen Klerikalismus zurückzuführen, ist reine Sophistik". Also irgendwie ein überdrehtes Gedankenkonstrukt. Das lehnt er ganz strikt ab.

Damit ist klar: Die Spaltung, die Trennung, die zwischen der Partei Viganòs und der Partei des Papstes verläuft, ist diejenige zwischen denen, die auf eine striktere Moral aus sind und denjenigen, die versuchen eine Kirchenreform voranzubringen, die auf Weltoffenheit und auf eine Moral mit Augenmaß setzt.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist ja ein Priester und Bischof eigentlich dem Papst Gehorsam schuldig. Halten Sie es für möglich, dass der Vatikan Erzbischof Viganò in irgendeiner Form maßregeln oder bestrafen wird?

Jürgens: Es ist die Frage, ob der Vatikan sich diese "Blöße" geben will. Viganó hat kein Amt mehr. Viganò ist seit Jahren pensioniert und spricht letztlich als Privatmann. Da kann ich mir vorstellen, dass man sich sehr geduldig zeigt und dass man am Beispiel Viganò auch deutlich macht, welche Vielfalt an Meinungen man innerhalb der Kirche zulassen will.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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