Kardinal Raymond Leo Burke (l.) neben Papst Franziskus
Kardinal Raymond Leo Burke (l.) neben Papst Franziskus

17.02.2017

Kardinal Burke als Richter bei Missbrauchs-Prozess auf Guam Zur Verbannung in die Südsee?

Kardinal Burke in der Südsee - diese Nachricht sorgte für Überraschung. Warum soll grade er, der als Kritiker des Papstes gilt, auf Guam Missbrauchsfälle untersuchen? Ist diese Mission Verbannung oder Auszeichnung?

In früheren Zeiten schickten Potentaten unbequeme Gegner gerne in die Verbannung auf weitentfernte Inseln. Nicht erst im Zeitalter von Internet und Twitter spielen räumliche Entfernungen kaum noch eine Rolle. Und um tatsächliche oder angebliche Widersacher aufs Abstellgleis zu schieben, gibt es wirksamere Mittel als einen Daueraufenthalt in der Südsee.

Nur zweiwöchiger Aufenthalt in der Südsee

Dass Kardinal Raymond Burke nun mit einem Missbrauchs-Prozess auf Guam beauftragt wurde, weil man ihn aus Rom abschieben wolle - wie italienische Medien meinen - klingt etwas fadenscheinig. Der US-Amerikanische Kardinal, der im Vatikan als Wortführer des konservativen Kirchenflügels und der Papst-Kritiker gilt, muss keinesfalls die ganze Prozessdauer im westpazifischen Marianen-Archipel verbringen, wie der "Messaggero" am Donnerstag behauptete. Sein jetziger Aufenthalt - er landete am Mittwoch nach zwei Zwischenstopps auf Guam - ist auf nicht einmal zwei Wochen beschränkt; dann kehrt er wieder nach Rom zurück.

Wie Vatikansprecher Greg Burke jetzt bestätigte, erfolgte die Berufung des Kardinals zum Prozessvorsitzenden gegen den beschuldigten Erzbischof Anthony Apuron von Agana bereits am vergangenen 5. Oktober. Beauftragt wurde er vom Präfekten der Glaubenskongregation, die für Missbrauchsfälle durch Kleriker an Minderjährigen zuständig ist. Nach der Regel, dass bei einem solchen Verfahren der Richter hierarchisch über dem Beschuldigten stehen soll, wurde für den Gerichtsvorsitz somit ein Kardinal gesucht. Und da man beim 68-jährigen Burke in seinem Amt als Malteser-Patron noch freie Zeit vermutete, wurde er mit dem delikaten Fall betraut. Als erfahrener Kirchenrechtler - zwischen 2008 und 2014 war er Präfekt der Signatur, des Obersten Kirchengerichts - passte er zudem bestens ins Profil.

Normale Praxis bei derartigen Prozessen

Beim Verfahren gegen Apuron, der in den 1970er Jahren mehrere Messdiener sexuell missbraucht haben soll, wird Burke durch drei weitere bischöfliche Richter unterstützt. Er selbst dürfte jetzt die Hauptbefragungen der Opfer und des Beschuldigten vornehmen. Weitere Untersuchungen haben bereits kirchliche Ortskräfte vorgenommen und werden dies auch nach seiner Abreise fortsetzen. Das entspreche durchaus der Praxis bei derartigen Prozessen, und es habe sich auch bewährt, heißt es in Rom. Weitere Schritte könne Burke auch von Rom aus vornehmen und veranlassen. Im Prinzip ließen sich spätere Befragungen auch noch per Video-Schaltung durchführen.

Es ist aber auch nicht das erste Mal, dass vatikanischen Experten zur Befragungen bei solchen Prozessen ins Ausland reisen. So war Charles Scicluna, damals Experte für Missbrauchsfragen an der Glaubenskongregation, zu ersten Untersuchungen der Vorwürfe gegen den Legionäre-Christi-Gründer Marcial Maciel Degollado (1920-2008) in Mexiko. Ihm war der Missbrauch an Seminaristen vorgeworfen worden.

Auftrag kam vor Malteser-Zwist

Wie und mit welchen Motiven die Nominierung von Burke für die Südsee-Mission zustande kam, wurde bislang nicht bekannt. Er erhielt den Auftrag, bevor der Streit im Malteser-Orden um den Großkanzler Albrecht von Boeselager öffentlich eskalierte, der schließlich zum Rücktritt von dessen Großmeister Matthew Festing führte. Unklar ist dabei die Rolle des Kardinalpatrons. Aber bereits seit längerem rumorte es in dem traditionsreichen Orden.

Wollte man den Kardinal eine Zeitlang aus der Schusslinie nehmen, indem man ihn mit einer anderen wichtigen Aufgabe beschäftigte? Das sei dahingestellt. Ebenso, ob man für die nächsten Wochen und Monate Einmischungen verhindern wollte.

Bei den Untersuchungen auf Guam geht es freilich nicht nur um sexuellen Missbrauch. Bischof Apuron, dem seit vergangenem Herbst ein Koadjutor mit weitreichenden Kompetenzen vorgesetzt wurde, wird auch mit administrativen und finanziellen Unregelmäßigkeiten in Verbindungen gebracht. - Aber all diese Vorwürfe muss nun die Justiz klären, unter maßgeblicher Leitung des US-Kardinals, bevor Papst Franziskus abschließend eine Entscheidung fällt.

Johannes Schidelko
(KNA)

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